* Volker Seitz: Entwicklungshilfe: Thilo Bode fängt an zu begreifen

* Volker Seitz: Entwicklungshilfe: Thilo Bode fängt an zu begreifen

Seit vielen Jahren beklagt der Autor die Wirkungslosigkeit einer Entwicklungspolitik, die mit viel Geld die höhere Moral der Entwicklungshelfer und ihr eigenes Wohlergehen befördert, den tatsächlichen Notwendigkeiten aber nicht Rechung trägt – und mehr schadet als nützt. Das alles wird nach Kräften verschleiert. Jetzt kommt ein Urgestein der NGO-Szene, Thilo Bode, in seinen Erinnerungen zu einem ähnlichen Urteil.

Der frühere Greenpeace- und Foodwatch-Chef Thilo Bode hat seine Erinnerungen veröffentlicht (Resist! Aufruf zum Widerstand, DVA, 2025). Resist! Aufruf zum Widerstand

  Interessiert hat mich das Buch, weil Bode vor seiner Aktivistenzeit als Entwicklungshelfer (1975 bis 1986) auf den Philippinen, in Somalia, Tunesien und China gearbeitet hatte. Nach Tunesien kehrte er 2024 auf Spurensuche zurück. Das Ergebnis: „Die ganze Hilfe der letzten 30, 40 Jahre hat die Armut nicht beseitigt … Einige sind reich geworden, aber zur Entwicklung des Landes haben wir nichts beigetragen.“ Und weiter: „Hinzu kommt die mangelnde Transparenz. Denn die Entwicklungshelfer evaluieren sich selbst. Ich habe vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) die Prüfberichte der letzten 40 Jahre angefordert. Sie waren praktisch von der ersten bis zur letzten Zeile geschwärzt.“

Das wissen Achgut-Leser schon seit vielen Jahren. Neu ist, dass ein Aktivist aus der Szene dies so offen äußert. „Erfolgreich gescheitert“ sollte sein Buch heißen, er hat den Titel dann „wegen des Blicks nach vorn“ geändert.

Bemerkenswert: seine Aussagen zu den zahlreichen sogenannten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die Entwicklungshilfe betreiben. Er nennt von etwa 400 NGOs, die sich zum Beispiel in Afrika tummeln, beispielhaft nur die private Welthungerhilfe (etwa die Hälfte finanziert aus Steuern), Brot für die Welt (etwa zwei Drittel) und Oxfam (mehr als 40 Prozent). Sie seien von öffentlichen Finanzmitteln abhängig und Transparenz werde so verhindert. „Die Hälfte ihres Budgets kommt vom Staat, und da hängen gut dotierte Stellen dran. Es gibt kein Interesse an Transparenz. Deshalb fordere ich eine unabhängige externe Evaluation.“ (Vgl. WELT vom 30. Dezember 2025: „Diese Umwelt-NGOs kommen gar nicht mehr von der Droge Staatsgeld los.“)

Er sagt weiter  „… manche NGOs sind Regierungsorganisationen geworden. Es gibt NGOs, die kein Geld nehmen. Greenpeace und Foodwatch etwa … Aber allein 40 Umweltorganisationen in Brüssel nehmen Geld vom Staat. Und sie haben damit einfach einen erheblichen Beschäftigungsstamm aufgebaut. Sie kommen nicht mehr von der Droge Staatsgeld los … brauchen immer mehr Geld, nur um die Organisation am Laufen zu halten.“

Eine ordentliche Portion Naivität und Kurzsichtigkeit

Ich bin ihm sehr dankbar für seine – späten – offenen Worte. Dennoch, in seinem Vorwort spricht er sich immer noch für das Lieferkettengesetz (vgl. Achgut.com vom 16. Juli 2020, Lieferkettengesetz: Ausschuss aus dem Hause Müller) und dafür aus, die Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen. Es reicht offenbar nicht, dass die Energiewender mit Beifall der linkslastigen Medien hunderte von Milliarden für „erneuerbare“ Energie ausgegeben haben. Das kann aber Manfred Haferburg sehr viel detaillierter erklären.

Bode schreibt, er sei blind für die Realität (auf den Philippinen) gewesen. „Erst viel später dämmerte mir, dass Entwicklungshilfe nicht wirklich zur Überwindung der Armut beitragen kann … Damals, als Berater-Greenhorn, glaubte ich noch fest an den Sinn und die Wirksamkeit der Entwicklungshilfe. Es bedurfte noch einiger weiterer Erfahrungen in anderen Ländern, bis diese Gewissheit erste Risse bekam. Aber selbst dann war ich noch weit entfernt, Entwicklungszusammenarbeit grundsätzlich infrage zu stellen. Bei der Arbeit an diesem Buch, in dem ich auf mein berufliches Leben inklusive jener elf Jahre als Helfer und Berater in fremden Ländern zurückblicke, kam ich jedoch nicht umhin, mich mit diesen grundsätzlichen Fragen zu konfrontieren: ‚Hilft Entwicklungshilfe den Empfängerländern wirklich?‘“

Bode schreibt, dass er in der Rückschau seiner damaligen Helfertätigkeit eine ordentliche Portion Naivität und Kurzsichtigkeit erkennt (S. 74). Als Entwicklungsberater habe er in den fernen Ländern immer großzügig Steuergelder verteilt und sich kaum Gedanken darüber gemacht, dass diese Summen erst einmal von Menschen verdient werden mussten.“ (S.78)

Diese Frage hat wohl jeden, der in Entwicklungsländern tätig war, bewegt (vgl. Achgut vom 13. Dezember 2017: „Entwicklungshilfe – ein Aussteiger berichtet“). Ausgangspunkt des Beitrags war ein Bericht der F.A.Z. vom 8. Dezember 2017, in dem ein Mitarbeiter der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zitiert wurde: „Denkt man da ans Hinschmeißen? …“ „Am Ende geben sie sich … damit zufrieden, dass irgendwo eine neue Schule, ein Brunnen oder eine Straße entsteht …“  „Die Altbauwohnung, das gute Gehalt, teure Dienstreisen, die Familie, die Anerkennung der Freunde – das alles hindert sie daran, aus dem goldenen Käfig auszubrechen.“ Bode schreibt: „Unter uns Entwicklungshelfern gab es den Spruch ‚Im Inland ein Würstchen, im Ausland ein Fürstchen‘“ (S. 23)

„Jammern um Hilfe ist immer noch einfacher, als sich selbst zu engagieren.“

Bodes anfänglich sehr dezente Zweifel – trotz des riesigen Aufwands mit Steuergeldern und bescheidenem Ergebnis – haben mich veranlasst, in meinen bereits zur Vernichtung bereitgestellten Karton mit meinem Tagebuch zu schauen. An meinem ersten Dienstort in Guinea – damals war ich noch sehr jung – wollte ich die schädliche Hilfe auch noch nicht wahrhaben, aber das Ausmaß zum Beispiel der hemmungslosen Korruption spürte man allenthalben im Alltag. (Um es vorwegzunehmen: Das war an allen meinen afrikanischen Dienstorten und in Armenien so.)

Später, bei meinem zweiten Posten in Schwarzafrika im Niger, schrieb ich 1992 auf: „Oberstes Ziel darf nicht länger ein Mehr an Hilfe sein, das die Kräfte der Selbsthilfe lähmt, sondern so wenig Geld wie irgend möglich, nur soviel wie dringend nötig. Die Entwicklungshilfe hat einen Gewöhnungseffekt und erzeugt Subventionsmentalität. Jammern um Hilfe ist immer noch einfacher, als sich selbst zu engagieren. Regieren hat nur einen Zweck: in die eigene Tasche zu wirtschaften. Die Bevölkerung wird sich in 20 Jahren von jetzt auf 16 Millionen Einwohner verdoppeln, mit allen sich daraus ergebenden schwerwiegenden ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen für das Land.“ (Anmerkung: Niger hatte laut Weltbank 2024 27,03 Millionen Einwohner. Neuere Zahlen gibt es noch nicht.)

Leider ist offenbar nach wie vor die Einsichtsfähigkeit in manche Ursachen der wirtschaftlichen und politischen Rückständigkeit des Landes begrenzt. Niger gibt pro Student etwa hundertmal mehr aus als für Erstklässler; und dies bei circa 80 Prozent Analphabeten. Jeder, der in Deutschland meint, das für Entwicklungshilfe aufgewandte Geld komme den Armen zugute, irrt sich.

1999 schrieb ich in Benin: „Nicht fehlende Mittel hemmen den Fortschritt, sondern:

  • ungeeignete Konzepte
  • mangelnder politischer Wille der Regierung
  • eine träge Verwaltung
  • das für die „res publica“, für die Gemeinschaft unerlässliche Zusammengehörigkeits- und Verantwortungsgefühl der Bürger fehlt.

„Auch heute werden uns systematisch Informationen vorenthalten“

Wenn das Geld für Projekte immer nur über längere Zeit aus dem Ausland kommt, besteht die Gefahr, dass eine Identifikation und Eigenverantwortlichkeit der Bevölkerung gerade verhindert wird. Fehlgeschlagene Projekte bedeuten mehr als unser vergeudetes Steuergeld. Sie hinterlassen ein Gefühl der Zwecklosigkeit und beeinträchtigen zukünftige Anstrengungen der Einheimischen. Vertrauen in die eigene Kraft wird durch falsche Hilfe zerstört.

In Kamerun, meinem letzten Dienstort, notierte ich: „Alles Geld und alle guten Konzepte von außen werden weiter wenig nutzen, wenn die seit einem halben Jahrhundert gewachsene Nehmerqualität nicht einer aktiven, verantwortungsvollen und entwicklungsorientierten Haltung der kamerunischen Machteliten weicht. Selten hilft die Hilfe wirklich dauerhaft denen, für die sie angeblich gedacht war. Wir schauen einfach zu, wie die Vertreter der Eliten, die rasch reich geworden sind, wohl wissend, dass sie keine Folgen fürchten müssen.“ Über Äquatorialguinea und die Zentralafrikanische Republik, für die ich von Jaunde aus auch zuständig war, habe ich Ähnliches geschrieben.

Natürlich habe ich über diese heiklen und unangenehmen Themen in aller Offenheit sowohl intern berichtet als auch im BMZ unverdrossen angesprochen. Aber man wollte meine Vorschläge, die Hilfe zu bewerten (Fehleranalysen) und Zielgenauigkeit (Erfolgsmessung) zu prüfen, nicht zur Kenntnis nehmen. Man wollte sich als selbst ernannte Weltverbesserer im Namen der „guten Sache“ nicht stören lassen. Niemand wollte wissen, weshalb fast 90 Prozent aller Entwicklungsprojekte schiefgehen, weil sie nicht weitergeführt werden, wenn ausländische Subventionen versiegen.Trotzdem machte und macht sich niemand bis heute Gedanken, dass Hilfe nur so gewährt werden sollte, dass bald auf sie verzichtet werden kann.

Thilo Bode schreibt über seine Erfahrungen mit der KfW (seinem ehemaligen Arbeitgeber): „Diese Abwehrhaltung. Ja, Geheimniskrämerei hat mich irritiert und geärgert, aber auch deutlich vor Augen geführt, dass diese staatlichen Institutionen, die Milliarden an Euro an Steuergeldern im Namen der Bundesrepublik verteilen, Angst vor Transparenz haben. Eine Angst, die nach meinen eigenen Erfahrungen und nach den Erkenntnissen beim Verfassen dieses Buches durchaus verständlich ist.“ (S.44) „Eine aussagefähige Bewertung der Entwicklungszusammenarbeit setzt voraus, dass man den Erfolg oder Misserfolg von Projekten langfristig mit der Gesamtentwicklung des Landes abgleicht und dass man zudem ihre indirekten negativen Nebenwirkungen berücksichtigt.“ (S. 69) und „Auch heute werden uns systematisch Informationen vorenthalten, die uns in einer Demokratie zustehen und entsprechend selbstverständlich geliefert werden müssten.“

Obwohl er sich dabei auf Erkenntnisse über den Ursprung des Corona-Virus, Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung, Antworten auf die Frage, wer für die Sprengung der Nordstream-2-Pipeline verantwortlich ist oder eine Aufarbeitung der Ursachen der Bankenkrise, bezieht, sollte dies auch für die Entwicklungshilfe gelten. Brauchen wir mehr, weniger, gar keine oder eine völlig andere Hilfe? (S. 251/258)

Zurück zur Realität?
Je älter ich geworden bin, um so fassungsloser stehe ich vor der stets geäußerten (und wohl von vielen auch geglaubten) Behauptung, man könne von außen in anderen Ländern Erhebliches bewegen, auch wenn die stärksten politischen und wirtschaftlichen Kräfte (und auch die Mentalitäten) in den betreffenden Ländern in ganz andere Richtungen gehen. Ich will ja nicht abstreiten, dass manche Projekte Menschen geholfen haben, aber es wird nie gegengerechnet, wie nachhaltig diese Erfolge sind und was das verehrte Gastland alles tut, um diese Nachhaltigkeit im Keim zu ersticken. Nach über sechzig Jahren Unabhängigkeit in Afrika und jetzt zwei Generationen von Afrikanern, die dem kolonialen Joch entronnen sind und die segensreichen Auswirkungen der Selbstregierung genießen dürfen, halte ich es für unglaublich dämlich, verlogen oder für letztlich rassistisch, zu meinen, das Resultat dieser sechzig Jahre entspräche nicht dem, woran „die Afrikaner“ selbst tatkräftig gearbeitet hätten. Rassistisch, weil man ihnen quasi genetisch Dummheit oder zumindest Unmündigkeit unterstellt.

Da es immer öfter an Möglichkeiten, den Zustrom des Geldes sinnvoll einzusetzen, fehlt, werden auch in der Entwicklungs„hilfe“ Klimaprojekte als teure Symbolpolitik finanziert. Ein Ärgernis sind auch die üppigen Gehälter der „Experten“, zumal die „Hilfe“ der Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung kaum Nutzen gebracht hat. Schon gar nicht unser ideologischer Klimafanatismus. Aber die Wahrheit interessiert Ideologen nicht.

Zum Schluss abermals Thilo Bode: „Mit großen Summen Entwicklungspolitik zu gestalten, nährt bloß die Legende, mehr Entwicklungshilfe sei gut und weniger Entwicklungshilfe sei schlecht. Das vereinbarte Ziel der Vereinten Nationen, mindestens 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Landes für Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen, unterstützt im Grunde genau diese falsche Annahme, dass man mehr für das Wohl des Nehmerlandes tut, wenn man mehr Entwicklungshilfe gibt.“ (S. 73). (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)