
Von *Volker Seitz • Seit fünf Jahren herrscht ein Putsch-General im westafrikanischen Guinea. Er regiert ein rohstoffreiches Land und hat deshalb in China seinen idealen Partner gefunden. Peking zahlt, bekommt dafür Zugriff auf die Rohstoffe und mischt sich nicht ein, solange das Regime die Chinesen gewähren lässt. Der Westen ist draußen.
Der Militärherrscher Mamady Doumbouya ließ nach seinem Putsch 2021 im Dezember 2025 Wahlen abhalten, die die Opposition ausschlossen. Ihm wurden 86 Prozent der Stimmen gutgeschrieben. Internetkomiker in den Nachbarländern gratulierten ihm zu seinem „überraschenden und völlig unerwarteten Sieg“ gegen sich selbst. Auch wurde mithilfe von KI gezeigt, wie der General die Stimmen persönlich auszählt.
In Guinea leben geschätzt ungefähr 15 Millionen Menschen, davon etwa 3,5 Millionen in der Hauptstadt Conakry. Laut Weltbank leben 43,7 Prozent der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze (ca. 1,90 US‑Dollar). Wer die Geschichte Guineas und den Alltag der Menschen vor Ort kennengelernt hat, wird meine Skepsis und Sorge teilen, dass weder der aktuelle Staatschef noch China die Armut der Bevölkerung lindern werden. Sie leben auf einem der reichsten Böden Afrikas und sie ertragen dennoch seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1958 die Kontinuität autokratischer Herrschaft, Veruntreuung und Misswirtschaft. (In den 1960er Jahren wurde ich als junger Diplomat an meinen Wunschposten Conakry, die Hauptstadt des postkolonialen Staates Guinea, versetzt. Damals gab es dort und auch in anderen subsaharischen Ländern keinen Hunger. Guinea hat nach meiner Erinnerung sogar Reis in benachbarte Länder exportiert.)
Der Profit aus den reichen Bodenschätzen wird jetzt zwischen der herrschenden Machtelite und China aufgeteilt. Die Junta im westafrikanischen Guinea nutzt den chinesischen Hunger nach Eisenerz und Bauxit, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und ihre autokratische Herrschaft im Inneren abzusichern. Eisenerz wird hauptsächlich für die Produktion von Stahl benötigt, während Bauxit der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Aluminium ist.
Chinesische Staatskonzerne bauen im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative Tiefseehäfen, Wasserkraftwerke sowie die 650 Kilometer lange Trans-Guinea-Eisenbahnstrecke. Der primäre Zweck ist der Transport des Eisenerzes zu den Schiffsterminals an der Küste für den Export (hauptsächlich nach China). Es ist jedoch geplant, dass die Strecke auch für den Personenverkehr und landwirtschaftliche Güter freigegeben wird. In einem Land wie Guinea, das trotz enormen Rohstoffreichtums unter extremer Armut, schlechten Straßen und häufigen Stromausfällen leidet, versucht die Führung, sich durch diese Kooperation als eine Kraft zu inszenieren, die für bessere Lebensbedingungen sorgt.
Wie sieht die „Kooperation“ aus? Das Beispiel Bauxit
General Mamady Doumbouya übte Druck auf die Minenbetreiber aus, das Bauxit zu Tonerde (Aluminiumoxid) – dem Vorprodukt für die Herstellung von Reinaluminium – weiterzuverarbeiten. Guinea ist auch mit Abstand der wichtigste Rohstofflieferant für die deutsche Aluminiumindustrie.
Die drei wichtigsten Minenbetreiber:
SMB (Société Minière de Boké) ist der größte Bauxit-Produzent und -Exporteur Guineas und einer der größten weltweit. Es ist ein internationales Konsortium, an dem ein Logistikunternehmen aus Singapur, der Aluminiumproduzent China Hongqiao Group sowie der guinesische Staat beteiligt sind. SMB hat eigene Fluss-Häfen und eine Eisenbahnlinie zum Abtransport des Erzes errichtet.
Chinalco (Aluminium Corporation of China) ist ein chinesischer Staatskonzern und das größte Aluminiumunternehmen Chinas. Neben dem Erzabbau investiert der Konzern eine Milliarde US-Dollar in den Bau einer lokalen Aluminiumoxid-Raffinerie, um das Bauxit direkt vor Ort weiterzuverarbeiten.
SPIC (State Power Investment Corporation) ist ebenfalls ein chinesischer Staatskonzern mit Expertise im Energiesektor. In seiner Bergbausparte hat die Firma eigene Bauxit-Konzessionen in Guinea erschlossen und baut ebenfalls eine eigene Raffinerie mit zugehörigem Kraftwerk und Hafenanlage.
Nach der Machtübernahme nutzte die Militärregierung das Monopol über die weltgrößten Bauxitvorkommen als Hebel, um die Konzerne zur lokalen Weiterverarbeitung zu zwingen. In einer vom Staatsfernsehen übertragenen Besprechung erklärte der Juntachef das bisherige Modell, bei dem Guinea nur rohes Erz exportiert und kaum an der Wertschöpfung teilhat, als untragbar und setzte ein Ultimatum zur Vorlage konkreter Baupläne für Raffinerien. Die Drohungen wurden konsequent in die Tat umgesetzt. Wer die Fristen zur Vorlage von Raffinerie-Plänen verstreichen ließ oder zögerte, verlor die Lizenz für Schürfrechte. Über 50 Bergbaulizenzen wurden so an den Staat zurückübertragen.
Der chinesische Staat hat auf den Druck der Guineer überraschend nachgiebig reagiert. Da China von dem guineischen Bauxit abhängig ist – über 70 Prozent seiner Bauxit-Importe stammen aus dem Land –, riskierte China keinen offenen Konflikt mit der Junta. Der erzwungene Bau von Raffinerien oder Eisenbahnen sollte Stärke signalisieren, nicht zum Wohlstand des Volkes, sondern zur Absicherung der eigenen Herrschaft. Die Junta braucht die Einnahmen, um den Staatsapparat zu finanzieren und soziale Unruhen zu verhindern. China kann es sich mit seiner Finanzgewalt leisten, Projekte strategisch einzufrieren, wenn die Militärs zu übermütig werden.
Das Regime in Guinea inszeniert sich nach außen kompromisslos (wie beim Entzug von Lizenzen westlicher Firmen). Gegenüber China stößt diese Politik jedoch an Grenzen. Wenn westliche Konzerne wegen des Drucks das Land verlassen, bleibt nur China, das bereit und finanziell in der Lage ist, die geforderten Raffinerien in Guinea im Alleingang zu finanzieren. Das macht China, weil es die Wirtschaft Guineas kontrolliert. Die Junta kann inzwischen keine wirtschaftliche Entscheidung gegen die Interessen Pekings treffen. Die Rückzahlungen aller Exporte sind an Rohstoffexporte gekoppelt.
Andererseits mischt sich China nicht in die inneren Angelegenheiten Guineas ein. Es gibt keine politischen Bedingungen wie Menschenrechte, Demokratie oder Fragen nach Wahlterminen. Das schätzt das Regime, das wegen des Putsches vom Westen und der Afrikanischen Union kritisiert und mit Sanktionen bedroht wird. Zwischen Januar und Juli 2026 exportierte Guinea Waren im Wert von rund 8,1 Milliarden US-Dollar nach China. Davon entfielen 7,38 Milliarden US-Dollar nur auf Bauxit. Damit entfallen bisher 90 Prozent aller Exporte nach China auf einen einzigen Rohstoff.
Ebenso beim Eisenerz
Eisenerz ist ein zentraler Rohstoff der globalen Industrie. Es wird vor allem zur Herstellung von Stahl benötigt (Bauwirtschaft, Maschinenbau, Automobilproduktion und Infrastrukturprojekte). China ist mit Abstand der größte Stahlproduzent der Welt. Mit der Lagerstätte Simandou im Südosten des Landes verfügt Guinea über schätzungsweise zwei Milliarden Tonnen Eisenerz. Bei Vollauslastung der vier Minen des Gebiets liegt die Förderung bei jährlich 120 Millionen Tonnen. Im Vergleich: Australien 960 Millionen Tonnen, Brasilien 440 Millionen Tonnen. Allerdings ist Simandou von Bedeutung wegen des hohen Reinheitsgrades des Eisenerzes. Die schwierige Eigentümerstruktur und fünf Regierungswechsel – davon zwei Putsche – in Guinea haben die Entwicklung des Projektes immer wieder verzögert.
Letztlich war das Engagement der China Baowu Steel Group ab 2010 ausschlaggebend für die Umsetzung. Mit dem direkten Zugriff auf Simandou hat sich China die größten Rohstoffvorkommen von Eisenerz gesichert und kann sich von den Eisenerzlieferungen aus Australien unabhängiger machen. Die Kredite kamen von chinesischen Staatsbanken. Der Bau der 650 km langen Eisenbahn und des Hafens wurde an die China Railway Construction Corporation vergeben. In diesem Wirtschaftskreislauf wird das Erz natürlich auch mit chinesischen Schiffen abtransportiert und landet bei China Baowu Steel. Business Insider Africa berichtete, dass ein Frachter mit mehr als 200.000 Tonnen hochgradigem Erz am 25. März 2026 im Hafen Dalian im Nordosten Chinas anlegte. Anders als frühere Testlieferungen handelte es sich um eine durchgängige Lieferkette vom Bergwerk bis zum Exportterminal.
Wer Chinas heutige Politik verstehen will – nicht nur in Afrika –, muss oft Jahrtausende zurückblicken. Die langfristige Denkweise ist tief in der chinesischen Kultur und Philosophie verwurzelt. Seine Führung hat stets in Generationen geplant. Deshalb ist Guinea kein kurzfristiges Geschäft, sondern ein Baustein seiner globalen Rohstoffsicherheit. Das erklärt auch, mit welcher Geduld China akzeptierte, wie die Junta die Grenzen ausgetestet hat.
Chinas Zugriff auf die Ressourcen wird bleiben
Die Chinesen wissen, dass ihr Zugriff auf die Ressourcen – Machthaber wechseln – auf Generationen hinaus bleiben wird. Außerdem werden globale Infrastrukturprojekte kontrolliert und gleichzeitig die Auslastung der eigenen Industrie gesichert. Chinas Führung weiß, dass sie es mit einer unberechenbaren Militärjunta zu tun hat, die vorwiegend um ihren eigenen Machterhalt kämpft. Sie folgt einer kühlen Kosten-Nutzen-Rechnung. Die Junta erhält vereinbarte Mittel, Infrastruktur und Raffinerien. Im Gegenzug wird China vertraglich abgesicherte Ausbeutung der Minen verlangen. Es geht China immer um die Sicherheit seiner Investitionen und Transportwege. Solange die jeweilige Führung in Conakry – gewählt oder militärisch – diese Sicherheit garantiert und den Export nicht blockiert, wird sie von Peking als legitimer Partner akzeptiert.
Jedem, der sich näher mit dem konfuzianischen Staatsdenken, der moralischen Pflicht und dem langfristigen gesellschaftlichen Wohl in China beschäftigen möchte, empfehle ich die Romane von Robert van Gulik. In diesen Romanen steht dieses Denken im Zentrum. Van Gulik war ein brillanter und international brillanter Sinologe, dessen unterhaltsame Romane Meisterwerke sorgfältig recherchierter lebendiger Geschichte sind. Statt theoretischer Abhandlungen über Konfuzianismus sieht der Leser den scharfsinnigen Richter Di (in der Tang Dynastie 630–700 n. Chr.) bei der Arbeit. Die Bücher sind ein wahrer Lesegenuss. (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)