
Von *Volker Seitz • Russland inszeniert sich als Befreier Afrikas von westlicher Bevormundung. Gleichzeitig sichert es Militärregierungen ab, erhält Zugriff auf Rohstoffe und schafft neue Abhängigkeiten. Der Moskauer Afrika-Gipfel zeigt, wie moderne Machtpolitik funktioniert.
Delegationen aus 48 afrikanischen Staaten, darunter 22 auf der Ebene der Staatsoberhäupter (u.a. Ägypten, Äthiopien, Ghana, Kenia, Eritrea, Simbabwe, Kongo (Kinshasa), Togo), waren angereist. Überschattet wurde der Gipfel in den afrikanischen Medien (besonders in Kenia, Nigeria und Ghana) von den Berichten über Zwangsanwerbung und den Tod von hunderten afrikanischen Staatsbürgern, die von Russland an der Front in der Ukraine eingesetzt wurden.
Auffällig ist das Fehlen der Präsidenten zweier politischer und wirtschaftlicher Schwergewichte: Südafrika und Nigeria. Südafrika pflegt zwar enge Beziehungen zu Moskau (beide sind BRICS-Mitglieder), Ramaphosa traf sich mit Putin vor wenigen Wochen in Kasan, mied jedoch den Gipfel, da die EU und die USA – anders als Russland – wichtige Handelspartner Südafrikas sind. Das Land pflegt aus historischen Gründen enge Beziehungen zu Moskau wegen der Unterstützung des ANC durch die Sowjetunion im Kampf gegen das Apartheid-Regime. Ramaphosa fürchtete aber offenbar beim Gipfel die Propaganda-Wirkung des Kremls und danach mögliche wirtschaftliche Drohungen der EU und der USA.
Südafrika und Nigeria gehen keine riskanten Abhängigkeiten ein
Anders Nigeria als Führungsmacht der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS. Die drei Sahelstaaten Mali, Burkina Faso und Niger haben sich von der ECOWAS entfernt, während das russische „Afrikakorps“ die Macht der dortigen Militärjunta absichert. Nigeria gilt als pro-westlich und hält bewusst Distanz zu Putin. Nigeria setzt bei der Bekämpfung von Boko Haram (Finanzhilfen, Waffen und militärische Satellitendaten) und bei Auslandsinvestitionen (Bergbau, Infrastruktur, Landwirtschaft) auf die USA, Großbritannien und die EU.
Beide Staaten nutzen den Dialog mit dem Kreml, behalten aber klugerweise ihre eigenen nationalen Interessen im Blick. Für Pretoria und Abuja standen in Moskau nur pragmatische Kontakte im Vordergrund, während die politische Führungsebene auf Distanz blieb. Pretoria war sogar nur auf Beamtenebene und Abuja mit einem stellvertretenden Minister vertreten.
Seit 2022 eröffnete Russland drei neue Botschaften (Gambia, Komoren, Togo) und nahm fünf zuvor geschlossene Vertretungen wieder in Betrieb. Derzeit hat Russland 48 Botschaften in Afrika. Eine weitere soll in Liberia eröffnet werden. Zum Vergleich: Deutschland hat 45 Botschaften, Frankreich 47 und die USA 54.
Moskau will zeigen, dass Russland trotz des Ukrainekrieges und der Sanktionen international nicht isoliert ist. Durch den Wegfall europäischer Abnehmer sucht Russland Absatzmärkte für seine Atomtechnologie, Düngemittel, Getreide- und Agrarprodukte, Ferner bietet Moskau Militärhilfe, Waffenlieferungen, Überwachungssysteme und digitale Kontrolltechnologien für afrikanische Regierungen, um deren Macht abzusichern.
Moskau als Alternative zum Westen und zu China?
Afrikanische Machthaber schätzen, dass Russland Regime sichert, ohne nach Menschenrechten, Demokratie-Standards oder Good Governance zu fragen. Das ist der Kern der derzeitigen russischen Politik in Afrika und der Hauptgrund für den Erfolg bei den dortigen Regierungen. Afrikanische Länder bezahlen mit Schürfrechten oder Konzessionen:
Zentralafrikanische Republik: Gold, Diamanten, Tropenholz
Mali: Gold, Lithium
Sudan: Gold
Simbabwe: Gold, Platin, Lithium
Südafrika: Mangan
Libyen: Erdöl, Gas
Äthiopien: nicht bekannt
Das wichtigste Ergebnis für Wladimir Putin war das Signal an den Westen, dass Russland weiterhin in Afrika gut vernetzt ist. Das betrifft auch die Abstimmungen in den Vereinten Nationen, wo afrikanische Stimmen ein erhebliches Gewicht haben. Am Rande des Treffens bot Außenminister Sergej Lawrow seine Vermittlung im Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea an. Bei einem Erfolg könnte Russland sich auch am Horn von Afrika noch mehr Einfluss sichern.
Russland besetzt eine politisch-militärische Nische
Es geht Moskau um die Schaffung von Abhängigkeiten und das Anbieten von Alternativen zum Westen und zu China. Mit den Abkommen zu Söldnerdiensten, Kernenergie, künstlicher Intelligenz und dem Export von Waffenlieferungen (wie den SU-35-Jets für Äthiopien) und Flugabwehrsystemen bindet Moskau afrikanische Staaten an russische Technologie und Wartungsverträge.
Die Vereinbarung, russische Medikamente und Impfstoffe in Afrika zu produzieren, stärkt die Unabhängigkeit des Kontinents bei der Gesundheitsversorgung. Die engere Zusammenarbeit mit Moskau wird von vielen afrikanischen Regierungen als diplomatische Waffe gegen Peking und den Westen eingesetzt.
Russische Angebote reichen aber für eine umfassende wirtschaftliche Besserung nicht aus. Russland kann weder die Infrastrukturinvestitionen Chinas (Straßen, Häfen etc.), noch die Direktinvestitionen der Europäer und der Amerikaner ersetzen. Russland besetzt nur eine politisch-militärische Nische. Die meisten Länder Afrikas können es sich nicht leisten, Chinesen, Europäer und Amerikaner zu verprellen, da deren Investitionen die Basis vieler afrikanischer Volkswirtschaften bilden. ((Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)