
Der Sudan-Konflikt hat die zunehmende Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten entlang des Roten Meeres deutlich gemacht. Doch diese Konkurrenz beschränkt sich längst nicht mehr auf dieses Gebiet. Der Wettbewerb zwischen den beiden regionalen Mächten hat inzwischen eine kontinentale Dimension angenommen. Innerhalb eines Jahrzehnts ist Afrika für die Golfmonarchien zu einem zentralen Raum wirtschaftlicher, energiepolitischer, politischer und sicherheitspolitischer Einflussnahme geworden. Dies zeigt einen tiefgreifenden Wandel ihrer internationalen Strategien.
Eine alte Beziehung, lange geografisch begrenzt
Die Beziehungen zwischen dem Golfraum und Afrika haben eine lange Geschichte, geprägt von Handels-, religiösen und Migrationsbeziehungen zwischen der Arabischen Halbinsel, dem Horn von Afrika und Nordafrika. Über viele Jahrzehnte konzentrierten sich diese Kontakte vor allem auf diesen geografisch und kulturell nahen Raum – von Ägypten bis Mauretanien, vom Sudan bis Somalia sowie auf die Sahelzone.
Bereits seit den 1970er Jahren investierten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate in die sudanesische Landwirtschaft, um ihre Lebensmittelversorgung zu sichern. Gleichzeitig flossen saudi-arabische Finanzierungen in Bildungs- und religiöse Projekte in der Sahelregion. Eine entscheidende Veränderung setzte jedoch um die 2010er Jahre ein, mit einer deutlichen Beschleunigung im letzten Jahrzehnt. Hintergrund war der wirtschaftliche Wandel der Golfmonarchien nach dem dauerhaften Rückgang der Ölpreise.
Afrika als wirtschaftlicher Erweiterungsraum des Golfs
Die wirtschaftliche Diversifizierung, die Saudi-Arabien im Rahmen der Strategie Vision 2030 verfolgt, sowie die beschleunigte internationale Expansion der Wirtschaft von Abu Dhabi und Doha haben dazu geführt, dass Afrika zunehmend als natürlicher Bestandteil ihrer wirtschaftlichen Sicherheit betrachtet wird.
Das Rote Meer und der Indische Ozean verbinden den Golf seit jeher mit den afrikanischen Küsten. Ihre strategische Bedeutung ist jedoch gestiegen – durch die Sicherung globaler Lieferketten, die zunehmende Bedeutung alternativer Energierouten und den wachsenden Wettbewerb um die Kontrolle wichtiger maritimer Handelswege.
Die Vereinigten Arabischen Emirate sind heute einer der wichtigsten externen wirtschaftlichen Akteure in Afrika. Laut Daten von fDi Markets waren sie 2023 weltweit der größte Investor in Afrika bei sogenannten Greenfield-Projekten. Seit 2019 wurden Projekte im Wert von mehr als 130 Milliarden Dollar angekündigt. Der jährliche Handel mit Afrika liegt bei rund 100 Milliarden Dollar. Damit sind die Emirate inzwischen der viertgrößte Handelspartner Afrikas – nach China, der Europäischen Union und den USA, aber noch vor Indien.
Drei Modelle der Einflussnahme
Obwohl das Interesse an Afrika von mehreren Golfstaaten geteilt wird, unterscheiden sich ihre Strategien deutlich.
Die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen die sichtbarste Strategie. Über Unternehmen wie DP World und AD Ports Group hat Abu Dhabi ein Netzwerk von Häfen aufgebaut – etwa in Berbera, Dschibuti im strategisch wichtigen Bab-al-Mandab-Gebiet, sowie in Dakar, Maputo, Luanda und Dar es Salaam. Dadurch entstehen zunehmend Handelsstrukturen, die Afrika, den Golf und Asien miteinander verbinden. Diese Entwicklung wird oft als „Hafendiplomatie“ bezeichnet.
Hinzu kommt eine starke Präsenz im afrikanischen Luftverkehr. Zwar verfügt Turkish Airlines über das dichteste Streckennetz in Afrika, doch Emirates verbindet viele afrikanische Hauptstädte direkt mit Dubai. Dadurch ist Dubai zu einem wichtigen Knotenpunkt für afrikanische Wirtschafts- und Finanzeliten geworden.
Saudi-Arabien verfolgt einen anderen Ansatz. Über seinen Staatsfonds Public Investment Fund sowie Unternehmen wie ACWA Power setzt Riad auf langfristige staatliche Partnerschaften in den Bereichen Energie, Wasser und Infrastruktur, insbesondere in Ägypten, Südafrika und Äthiopien.
Katar wiederum nutzt stärker wirtschaftliche Diplomatie und Luftverkehrsverbindungen. In Ruanda hält Qatar Airways eine strategische Beteiligung am zukünftigen internationalen Flughafen von Kigali. Dies zeigt ein Modell der Einflussnahme, das auf Finanzinvestitionen, Transportverbindungen und diplomatischer Vermittlung basiert, etwa zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda.
Auch sicherheitspolitische Rivalität
Der Wettbewerb beschränkt sich nicht auf Infrastruktur und Finanzströme. Seit Mitte der 2010er Jahre zeigt er sich auch im sicherheitspolitischen Bereich, oft indirekt über lokale Akteure.
Im Sudan bestehen wirtschaftliche Netzwerke, die mit den Rapid Support Forces verbunden sind und enge Beziehungen zu Finanzstrukturen in Dubai haben. Die Entwicklungen seit 2023 passen in dieses Muster indirekter Einflussnahme.
In Libyen unterstützen die Vereinigten Arabischen Emirate den Marschall Khalifa Haftar, während Katar Kräfte unterstützt, die der Regierung in Tripolis nahe stehen. In Somalia äußern sich Spannungen zwischen Doha und Abu Dhabi durch Unterstützung konkurrierender politischer Autoritäten. In Eritrea wiederum errichteten die Emirate während des Jemenkriegs militärische Infrastruktur im Hafen von Assab – ein Beispiel dafür, wie strategische Stützpunkte auf der afrikanischen Seite des Roten Meeres aufgebaut werden.
Gleichzeitig versuchen viele afrikanische Staaten, ihre Beziehungen zu beiden Golfmächten aufrechtzuerhalten. Dies zeigt die komplexe diplomatische Balance zwischen wirtschaftlicher Kooperation und geopolitischen Bündnissen.
Wirtschaftliche Konkurrenz um regionale Führung
Die wachsende Präsenz der Golfstaaten in Afrika spiegelt eine größere Konkurrenz zwischen Riad, Abu Dhabi und in geringerem Maße Doha um wirtschaftliche Führungsrollen im erweiterten Nahen Osten wider. Hinter den Investitionen steht auch ein Wettbewerb zwischen den großen Golfmetropolen darum, zentrale Wirtschaftsknoten zu werden, die Golfkapital, afrikanische Ressourcen und asiatische Märkte miteinander verbinden.
Dieser Wettbewerb findet inzwischen in vielen Bereichen statt: Finanzen, Logistik, Energie, Infrastruktur, künstliche Intelligenz sowie Kultur- und Unterhaltungsmärkte als Instrumente von Soft Power.
Auch bei der Mobilität afrikanischer Wirtschaftseliten zeigt sich dieser Wandel. Dubai entwickelt sich zunehmend zu einem alternativen Finanzzentrum gegenüber traditionellen europäischen Standorten wie London, Paris oder Brüssel. Im Jahr 2024 waren dort bereits mehr als 30.000 afrikanische Unternehmen registriert.
Warum Afrika immer wichtiger wird
Drei Faktoren erklären diese Entwicklung.
– Erstens die Geografie: Die Regionen rund um das Rote Meer und den Indischen Ozean sind heute zentrale Achsen des Welthandels.
– Zweitens die Ressourcen: Kritische Mineralien sowie das Energiepotenzial Afrikas – insbesondere Solarenergie, Gas und Wasserkraft – sind für die Diversifizierungsstrategien der post-ölbasierten Golfwirtschaften entscheidend.
– Drittens treten finanzstarke Akteure mit großer politischer Entscheidungsfähigkeit auf den Plan, während westliche und auch chinesische Investitionen teilweise langsamer wachsen. Dadurch entsteht mehr Raum für Initiativen aus anderen Regionen, insbesondere aus dem Golf.
Ein neuer Wettbewerb um strategische Rohstoffe
Nach Häfen, Logistik und Infrastruktur verlagert sich die Rivalität der Golfmächte zunehmend auf einen noch strategischeren Bereich: den Zugang zu mineralischen Ressourcen, die für die Energiewende und die Elektrifizierung der Weltwirtschaft notwendig sind.
Von Kupfer in Sambia über Lithium im Sahel bis zu Kobalt und Coltan in Zentralafrika – insbesondere in der Demokratischen Republik Kongo, die zu einer neuen strategischen Priorität für Investoren aus dem Golf geworden ist – zeigen die Investitionen der Golfstaaten eine deutliche Ausweitung ihres Engagements. Diese Entwicklung könnte die wirtschaftlichen und geopolitischen Machtverhältnisse in Afrika langfristig verändern. (Analyse von Michaël Cheylan, auf afrik.com).