Benin nach dem Schock: Eine Stabilität, die nur noch Fassade ist

Benin nach dem Schock: Eine Stabilität, die nur noch Fassade ist

Benins Hauptstadt Cotonou wirkte gestern wieder geschäftig wie immer. Doch die vom Regierungslager ausgerufene Rückkehr zur Normalität erweist sich eher als improvisierter Deckel auf einem brodelnden Konflikt, denn als echte Entspannung.

Nach dem vereitelten Staatsstreich des Oberstleutnants Tigri steht das Land nicht nur unter dem Eindruck der Erleichterung, sondern auch vor der schonungslosen Analyse eines sicherheitspolitischen und politischen Versagens. Denn der gescheiterte Putsch hat sichtbar gemacht, was viele lange nur gemutmaßt hatten: Das oft gelobte „beninische Modell“ ist an strukturelle Grenzen gestoßen.

Ein Modernisierungsprojekt verliert seinen Konsens
Seit 2016 setzt Präsident Patrice Talon auf wirtschaftliche Effizienz und auf eine autoritär geprägte Modernisierung – zulasten politischer Freiheiten. Doch der Umsturzversuch zeigt, dass dieser Kurs den inneren Zusammenhalt nicht mehr trägt.

Während das Land weiter robuste Wachstumszahlen vorweisen kann, kommen die wirtschaftlichen Fortschritte im Alltag vieler Menschen kaum an. Nun werden auch Risse in den Sicherheitskräften sichtbar, die traditionell als stabilisierender Faktor galten.

Durch die Einschränkung des politischen Wettbewerbs – etwa durch die Ausschaltung wichtiger Oppositionskräfte bei früheren Wahlen – hat die Regierung ungewollt jene Räume verengt, in denen Unzufriedenheit politisch artikuliert werden kann. Wo die Urne verschlossen bleibt, gewinnt das Gewehr an Bedeutung.

Benin als neue Front im ideologischen Druck aus dem Sahel
Der Blick auf die Region erklärt einen Teil der Dynamik. Mit Niger, Burkina Faso und Mali steht eine Achse militärgeführter Staaten direkt im Norden. Ihr souveränistischer, frankreichkritischer und populistischer Diskurs verbreitet sich zunehmend bis in die Kasernen Benins, während das Land gleichzeitig unter dem Druck jihadistischer Angriffe leidet.

Die einst klar republikanische Armee Benins ist nicht mehr immun gegen die Erzählung des „sahelischen Modells“: Machtübernahme als vermeintliche Wiederherstellung nationaler Ordnung und Souveränität. Der Putschversuch hat gezeigt, dass diese Idee längst Eingang in Teile des Offizierskorps gefunden hat.

ECOWAS verteidigt die Küste – und sich selbst
Die schnelle und entschlossene Reaktion der ECOWAS – unterstützt von Nigeria – war mehr als ein diplomatisches Ritual. Sie war ein Akt institutioneller Selbstverteidigung. „Wenn Benin fällt, wird der gesamte Küstenkorridor von Togo bis zur Elfenbeinküste verwundbar. Cotonou ist das letzte Bollwerk am Atlantik“, erklärt ein Diplomat aus Abuja. Der Einsatz soll einen Präzedenzfall schaffen: Die militärischen Putschbewegungen des Sahel sollen nicht ungehindert bis zur Küste vordringen.

Talon muss sich entscheiden: Härte oder Öffnung
Für Präsident Talon beginnt nun die schwierigste Phase seiner Amtszeit. Politisch angeschlagen, aber noch im Amt, steht er vor zwei riskanten Wegen:

1. Die harte Linie: umfassende Säuberungen im Militär – verstärkte Repression gegen Opposition – faktischer Ausnahmezustand

Dies könnte wiederum Radikalisierung und erneute Putschversuche befeuern – und Benin international isolieren.

2. Der Weg des Dialogs: nationaler Dialog vor der Präsidentschaftswahl 2026 – mögliche Freilassung prominenter politischer Gefangener

Doch dieser Schritt birgt das Risiko, als Schwäche interpretiert zu werden – besonders von den Hardlinern innerhalb seines eigenen Lagers.

Ein Wendepunkt
Der Putschversuch hat Benin nicht zu Boden gerissen – aber verändert. Das Land ist von der Liste stabiler Demokratien in die Gruppe jener Staaten gerückt, in denen ein friedlicher Machtwechsel kein Automatismus mehr ist, sondern eine Aufgabe, die aktiv verteidigt werden muss. (Quelle: afrik.com)