BZ-Open Source: Eine Menschenrechtsanwältin verschwindet – Der Preis des Widerstands in Uganda

BZ-Open Source: Eine Menschenrechtsanwältin verschwindet - Der Preis des Widerstands in Uganda
Foto: Konrad Hirsch

Im September tanzt Lina Zedriga noch auf dem Dach des Berliner Verlagshauses. Am Wahltag im Januar wird die Vizepräsidentin der größten Oppositionspartei Ugandas verschleppt.

„Mama Lina“ tanzt auf dem Dach des Berliner Verlagshauses, dem Himmel über Berlin ganz nah. Aus einem Smartphone tönt Bobi Wines Song „Freedom“. In diesem Moment, irgendwann im September, ist Freiheit kein Versprechen, sondern Gegenwart. Berlin erlaubt sie. Die Fahne, die „Mama Lina“ mitgebracht hat, flattert in der Berliner Luft: Schwarz, Gelb, Rot. Schwarz für die Menschen, Gelb für die Sonne, Rot für die Verbundenheit. Ein weißer Kreis mit dem Grauhals-Kronenkranich, dem Nationalsymbol Ugandas.

Vier Monate später endet die Freiheit für „Mama Lina“ am Abend des 15. Januar 2026 erschreckend abrupt, als eine Horde Vermummter und bewaffneter Sicherheitskräfte völlig unvermittelt ihr Haus in Gayaza stürmt und sie verschleppt. Augenzeugen berichten von Fahrzeugen ohne Kennzeichen. Danach gibt es wochenlang kein Lebenszeichen.

Polizei und Militär äußern sich weder zur Verschleppung noch zu dem Ort, an dem Lina Zedriga festgehalten wird. Ob sie Zugang zu einem Anwalt hat. Ob sie medizinisch versorgt wird. Ob sie noch lebt. Die Behörden schweigen. Ihre Freiheit endet an jenem Tag, an dem Uganda seinen Präsidenten und sein Parlament wählt – freie und faire Wahlen, eine der Forderungen, für die sich Lina Zedriga leidenschaftlich eingesetzt hat.

Für ein Uganda ohne Korruption und Angst

Der Fall folgt einem Muster staatlicher Gewalt, das Uganda seit Jahren prägt und sich nach dieser Wahl weiter verfestigt hat. Die Entführung ist ein gravierender Rechtsbruch und eine offene Entgleisung staatlicher Macht.

„Mama Lina“ – offiziell Dr. Lina Zedriga Waru Abuku – ist Juristin, Menschenrechtsanwältin und Vizepräsidentin der größten ugandischen Oppositionspartei National Unity Platform (NUP). Ausgebildet in Recht sowie Friedens- und Konfliktforschung, tätig als Richterin, Akademikerin und Mediatorin, spricht sie von Rechtsstaatlichkeit, von Würde und von einem Uganda jenseits von Korruption und Angst. Politik als Dienst an der Gesellschaft. Ihr Engagement ist getragen von Verantwortung, nicht von Machtwillen. Einen Menschen wie sie zu verschleppen heißt, vorzugeben, den Staat zu verteidigen – und öffentlich zu zeigen, dass man dem eigenen Staat nicht mehr traut.

Als wir im September im Konferenzraum der Berliner Zeitung ein Videostatement aufzeichnen, schwingt sich Lina Zedriga mit cooler Eleganz auf den Beratungstisch der Redaktion. Die Füße baumeln frei, der Blick ruhig in die Kamera gerichtet. Sie spricht über die anstehenden Wahlen. Über Einschüchterung, Manipulation. Über die Möglichkeit, dass diese Wahl wieder Opfer fordern werde. Ihre Stimme bleibt kontrolliert. Keine Anklage, kein Pathos. Wer zuhört, versteht schnell: Diese Frau weiß, wovon sie spricht. Und sie kennt den Preis.

Lina Zedriga kommt gern nach Deutschland. Sie hat Freunde in Berlin und Dresden, Kontakte in Politik, Medien und Wissenschaft. Ende September feierte sie hier ihren 64. Geburtstag, im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Den sich abzeichnenden Wahldramen in Uganda wollte sie sich entziehen, für ein Buchprojekt recherchieren, erst nach den Wahlen zurückkehren. Doch sie entschied sich anders.

Nicht aus Naivität, sondern aus Loyalität: zu ihrer Partei, hervorgegangen aus der People-Power-Bewegung, zur größten Oppositionskraft des Landes. Zu ihrem Präsidenten Robert Kyagulanyi Ssentamu, bekannt als Bobi Wine. „Mama Lina“, wie er sie nennt, wollte seinen Wahlkampf in der Nordregion Ugandas unterstützen. Wenn sie an seiner Seite war, lief alles ruhiger. Sie vergaß ihre Furcht und blieb.

„Dieses Wahlergebnis ist fake“

Im November und Dezember begleitete sie Bobi Wine zu unzähligen Wahlkampfauftritten. Improvisierte Bühnen, tausende Menschen, Musik, Gesänge, rhythmische Slogans. Diese Massenbegeisterung entsteht nicht aus dem Nichts. Sie speist sich aus gemeinsam erlebter Hoffnung und gemeinsamer Kränkung. Unter Druck verstärkt sich Bindung. Was von außen wie Verblendung wirkt, fühlt sich innen wie Pflicht an. Bewegungsforschung beschreibt diese Dynamik seit langem. Mechanismen, die Zedriga kennt und reflektiert. Loyalität, sagt sie, bedeute nicht Anbetung, sondern Verantwortung. Gerade deshalb war sie für die Bewegung wichtig.

Bereits 2021 hatte Lina Zedriga im Gespräch mit der Berliner Zeitung eindringlich beschrieben, wie Wahlkämpfe in Uganda militarisiert werden, wie Oppositionelle eingeschüchtert, inhaftiert und misshandelt werden – und wie internationale Partner diese Zustände durch politische und militärische Zusammenarbeit stabilisieren. Sie berichtete im Interview mit Maritta Tkalec, während des Wahlkampfs selbst verhaftet und geschlagen worden zu sein. Als die Wahlkommission Präsident Yoweri Museveni damals erneut zum Sieger erklärte, reagierte Zedriga fassungslos: „Dieses Ergebnis ist fake.“ Heute liest sich diese Aussage weniger als polemische Zuspitzung, denn als nüchterne Diagnose.

Am 15. Januar 2026 wählte Uganda unter erheblichen Einschränkungen. Tage zuvor wurde das Internet gedrosselt, später teilweise abgeschaltet. Offiziell ging es um Desinformation, faktisch um Kontrolle. Internationale Wahlbeobachtung fand kaum statt, Sicherheitskräfte dominierten das öffentliche Leben.

Die Wahlkommission schrieb Museveni rund 71 Prozent der Stimmen zu und erklärte ihn zum siebten Mal zum Sieger. Wie bereits fünf Jahre zuvor hätte Lina Zedriga das Ergebnis vermutlich als „fake“ bezeichnet. Doch diesmal war sie verschwunden, bevor sie Stellung nehmen konnte. Ihre Partei weist das Resultat zurück.

Museveni regiert seit 40 Jahren ein Land, dessen Bevölkerung bei seinem Amtsantritt 1986 größtenteils noch nicht geboren war. Amtszeit- und Altersgrenzen waren bereits vor Jahren per Parlamentsbeschluss aufgehoben worden – im Namen von „Stabilität“, wie der Präsident es selbst nennt.

Zedriga kritisierte, dass westliche Entwicklungshilfe und sicherheitspolitische Kooperationen ein System stabilisierten, das Gewalt gegen die eigene Bevölkerung ausübt. Uganda profitiert seit Jahren von internationaler Hilfe, auch aus Deutschland und der Europäischen Union. Offiziell fließen Mittel in Bildung, Gesundheit und gute Regierungsführung. Gleichzeitig wird ein Sicherheitsapparat gestützt, der systematisch gegen Oppositionelle vorgeht. Der Fall Lina Zedriga zeigt, was diese Logik bedeutet, wenn sie konkret wird.

Verklagte Oppositionelle, unterbundene Proteste

Nach der Wahl hält sich Präsidentschaftskandidat Bobi Wine im eigenen Land versteckt. Drohungen, nächtliche Razzien, verschwundene Parteifreunde – Lebensgefahr für den Oppositionsführer. Der BBC erklärte er, das Wahlergebnis nicht gerichtlich anzufechten, aus mangelndem Vertrauen in eine unabhängige Justiz. Dutzende Anhänger seiner Partei wurden festgenommen, Proteste unterbunden, der öffentliche Raum weiter verengt.

Luise Amtsberg, frühere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, äußerte sich erleichtert über Bobi Wines Entkommen. Zugleich zeigte sie sich tief besorgt über Lina Zedriga, die am Wahlabend an einen unbekannten Ort verschleppt worden sei – ein weiteres Zeichen der brutalen Härte des Regimes.

Wie offen Gewalt inzwischen kommuniziert wird, zeigt der Ton aus der Führung des Sicherheitsapparates selbst. Präsidentensohn und Armeechef Muhoozi Kainerugaba droht Oppositionsanhängern auf der Plattform X wiederholt mit dem Tod, verhöhnt politische Gegner und erklärt Mitglieder der NUP zu legitimen Zielen. Menschenrechtsorganisationen sprechen von gefährlicher Enthemmung. Dass die Plattform X solche Morddrohungen duldet, ist kein Graubereich, sondern ein offener Bruch der eigenen Regeln.

Kurz nach Zedrigas Verschwinden reichten ihre Anwälte einen Antrag auf Habeas Corpus ein. Adressiert an Verteidigungsministerium, Armee, Polizei und Militärgeheimdienst. Militär und Polizei erklärten, Zedriga befinde sich nicht in ihrem Gewahrsam. Juristisch entstand ein Vakuum: Niemand bestritt das Verschwinden, aber alle bestritten die Verantwortung.

Nach fast drei Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt stellte man sie am 6. Februar überraschend vor dem Chief Magistrate’s Court in Gulu. Der Vorwurf: Sie habe im Dezember 2025 in Norduganda „Mitglieder der Öffentlichkeit zu Gewalttaten angestiftet“. Ein Vorwurf, der in kaum überbietbarem Widerspruch zu dem steht, wofür Zedriga ihr gesamtes berufliches Leben gearbeitet hat.

Über Jahre beriet sie die Vereinten Nationen, die Weltbank und weitere internationale Organisationen zu Mediation, Deeskalation und dem Schutz von Zivilisten. Die Anklage richtet sich damit nicht gegen eine randständige Aktivistin, sondern gegen eine Juristin, deren gesamtes dokumentiertes Wirken auf Mediation statt Mobilisierung, auf Recht statt Gewalt und auf Dialog statt Eskalation ausgerichtet ist. Nach drei Wochen des Verschwundenseins soll sie nun in Untersuchungshaft bleiben.

„Eine Vorführung vor Gericht beendet zwar die rechtswidrige Incommunicado-Haft, sie heilt oder rechtfertigt jedoch weder die vorausgegangene staatliche Willkür noch die psychische Folter und unmenschliche Behandlung. All dies bleibt rechtlich angreifbar.“ So ordnet es der prominente Menschenrechtsanwalt Eron Kiiza ein. Das Vorgehen verstoße eindeutig gegen nationales Verfassungsrecht und internationales Recht, die Folter, willkürliche Haft und politische Verfolgung ausnahmslos verbieten – auch im Ausnahmezustand. Die Anklage sei bewusst vage gehalten und diene nicht der Strafverfolgung, sondern als juristischer Vorwand für politische Einschüchterung. Kiiza selbst wurde kürzlich direkt aus einem Gerichtssaal heraus verhaftet – ein Vorgang, der seine kritische juristische Stimme zum Schweigen bringen sollte.

Internationale Reaktionen zum Fall Zedriga bleiben bislang verhalten. Formale Kritik, kaum Konsequenzen. Nicht aufgeklärt ist, wer Lina Zedriga verschleppte, wer sie festhielt und auf welcher rechtlichen Grundlage.

Als sie im September im Konferenzraum der Berliner Zeitung saß, war ihr Satz der einer Juristin: Wahlen können Opfer fordern. Heute hat dieser Satz einen Körper. Einen Namen. Und einen Ort, der fehlt. (Konrad Hirsch, Filmemacher und Journalist in Berlin. Sein Fokus liegt auf Ostafrika und Europa; er schreibt über Gesellschaft, Macht und die fragile Kunst des Zusammenlebens).
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