
Zum 8. März eine persönliche Geschichte: Marie-Louise war Ende 50, klapperdürr und ausgemergelt, als ich sie 2014 zum ersten Mal sah. Sie hatte am Ende der Straße, in der meine Freundin Josèphe in Libreville wohnt, ein Restaurant aufgemacht. Mit ihrem nutzlosen Mann, der nichts anderes konnte als fremden Röcken hinterherzulaufen und Geld an Spielautomaten zu verlieren, hatte sie sich im fortgeschrittenen Alter noch aus Kamerun aufgemacht, um im „Eldorado“ Gabun ein neues Leben anzufangen.
Josèphe war ihr anfangs auf der Straße begegnet, wo Marie-Louise barfuß unterwegs war, was Josèphe, die ein Herz aus Gold hat, zu Tränen rührte und veranlasste, sie mit zu sich nach Hause zu nehmen, wo die Arme sich mehrere Paar aus Josèphes schätzungsweise 80 Paar umfassenden Fundus aussuchen konnte. Zum Dank lud sie Josèphe und ihren Mann zu einem kostenlosen Essen in ihrem neueröffneten Restaurant ein. Mangels Mann wurde ich, die bekannterweise nicht so leicht von Hocker fällt, gebeten, sie in das Restaurant zu begleiten, denn ablehnen konnte sie nicht, das wäre unhöflich gewesen, obwohl wir schon ahnten, wie das Restaurant, das auch nur von finanzschwachen Kamerunern besucht wurde, in etwa aussehen würde.
Als wir reinkamen, wurde es mucksmäuschenstill, den größtenteils schon recht angetrunkenen männlichen Gästen verschlug es die Sprache, denn eine Europäerin hatte sich noch niemals hierhin verirrt. Das Restaurant sah in etwa so aus, wie wir es erwartet hatten, lediglich mit dem Unterschied, dass ein paar Hühner darin herumliefen …

Marie-Louise war sehr stolz, dass wir da waren, zeigte uns die Küche, und siehe da, die war blitzeblank! Wir setzten uns auf zwei der klapprigen Stühle, bekamen ein Bier, dann servierte sie uns ein Ndolé, ein sehr leckeres kamerunisches Gericht, und als die übrigen Gäste sahen, dass wir nicht naserümpfend dort saßen, stieg die Stimmung wieder, und es wurde ein lustiger Nachmittag – wobei ich natürlich wieder zu hören bekam, dass die Deutschen in Kamerun die besten Kolonialherren der Welt gewesen seien.

Marie-Louise sagte später einmal, seitdem wir dagewesen wären, sei ihr Umsatz gestiegen, denn wenn eine Europäerin dort speiste, könnte es ja nur perfekt sein.
So baute sie sich ihr kleines Unternehmen auf und kam finanziell zurecht – bis Corona.
Eines Morgens rief Josèphe mich an: Marie-Louise ist tot, sie hatte vor 2 Wochen einen Herzinfarkt. Sie musste coronabedingt ihr Restaurant vor 8 Monaten schließen, war aus dem Viertel weggezogen, weil ihr die Mittel ausgingen, auch Josèphe wusste nicht, wo sie war, bis sie gestern Abend einen der Kameruner, die immer in dem Restaurant waren, zufällig auf der Straße traf und der ihr die traurige Nachricht überbrachte. „Es war ihr Lebenswerk“, sagte er, „das konnte sie nicht überleben, und ihr Mann hatte sie verlassen, als das Geschäft nicht mehr lief.“
„Souvenir“ hatte sie ihr Restaurant genannt – für mich werden die tapfere Marie-Louise und ihr Hühnerrestaurant, wie wir es nannten, ein wunderschönes, wenn auch trauriges Souvenir bleiben. (Ingrid Aouane)