
In Guinea-Bissau hat wenige Stunden nachdem am Mittwoch, dem 26. November 2025, zur Mittagszeit Schüsse in der Nähe des Präsidentenpalastes zu hören waren, eine Offiziersgruppe namens „Hohes Militärkommando zur Wiederherstellung der Ordnung“ erklärt, die Kontrolle über das Land bis auf Weiteres übernommen und die Grenzen geschlossen zu haben. Präsident Umaro Sissoco Embaló bestätigte, dass er festgenommen und „gestürzt“ wurde. Eine Gruppe von Offizieren, die sich als „Hohes Militärkommando zur Wiederherstellung der Ordnung“ bezeichnet, erklärt, „die Führung des Landes bis auf Weiteres“ übernommen zu haben, berichtet RFI.
In einer Erklärung, die im Hauptquartier der Streitkräfte vom General Denis N’Canha, dem Chef des Militärhauses der Präsidentschaft, verlesen wurde, kündigten die Militärs zwei Maßnahmen an: die Aussetzung des laufenden Wahlprozesses, was die Annullierung der Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen einschließt, sowie die Aussetzung der Programme in den Medien.
Der General begründete das Vorgehen damit, „die Sicherheit im ganzen Land zu gewährleisten und die Ordnung wiederherzustellen“. Er verwies auf Erkenntnisse des Geheimdienstes, der einen „Plan zur Destabilisierung des Landes mit Beteiligung nationaler Drogenbarone“ entdeckt habe. Der Geheimdienst habe außerdem bestätigt, „dass Waffen ins Land geschmuggelt wurden, um die verfassungsmäßige Ordnung umzustürzen“.
Nach Angaben der Offiziere beginne „die Ausübung der Befehlsgewalt ab heute“. Sie riefen die Bevölkerung außerdem „zur Ruhe“ auf und verkündeten die Schließung der Grenzen. Laut Jeune Afrique wurde zudem eine Ausgangssperre verhängt.
Das Militärkommando begründet sein Handeln
Das Hohe Kommando zur Wiederherstellung der nationalen Sicherheit und der öffentlichen Ordnung handelt nach eigener Aussage als Reaktion auf die Entdeckung eines ausgefeilten Plans zur Destabilisierung des Landes. Verantwortlich dafür seien sowohl nationale Politiker als auch berüchtigte Drogenbarone und ausländische Akteure, die versucht hätten, die Wahlergebnisse zu manipulieren. Der Geheimdienst habe darüber hinaus ein Waffenlager identifiziert.
Bis der Sachverhalt geklärt und die Voraussetzungen für eine Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung erfüllt seien, werde das Hohe Kommando die Macht ausüben.
Umaro Sissoco Embaló bestätigt, dass er „gestürzt“ wurde
Präsident Umaro Sissoco Embaló, der mehrere Stunden lang unauffindbar gewesen war, bestätigte schließlich gegenüber France 24, dass er festgenommen worden sei. Er erklärte: „Ich bin tatsächlich gestürzt worden. Ich kann nicht viel sagen, sonst nehmen sie mir das Telefon weg. Ich befinde mich derzeit im Hauptquartier.“ Er betonte, dass er nicht misshandelt worden sei. Auch ein Armeeoffizier sagte, der Präsident werde „gut behandelt“.
Zuvor hatte Jeune Afrique berichtet, dass der Präsident die Redaktion selbst kontaktiert habe. Embaló erklärte demnach, er sei gegen Mittag (UTC) in seinem Büro im Präsidentenpalast verhaftet worden. Er gab an, dass auch sein Innenminister Botché Candé, sowie die höchsten Militärverantwortlichen – die Generäle Biague Na Ntan und Mamadou Touré, Chef und stellvertretender Chef des Generalstabs – festgenommen worden seien. Ebenfalls laut Jeune Afrique habe Embaló keine Gewalt erfahren und den Chef des Heeres für den Putsch verantwortlich gemacht.
Oppositionsführer Domingos Simões Pereira festgenommen
Seit Mittwochabend herrscht große Verwirrung, nachdem Schüsse in der Nähe des Präsidentenpalastes zu hören waren. Geschäfte schlossen eilig, viele Menschen suchten Schutz in Restaurants, deren Besitzer sofort die Rollläden herunterließen. Bei Einbruch der Dunkelheit blieb die Stadt ruhig – jedoch eine bedrückende Ruhe. Militärs kontrollierten die Hauptverkehrsachsen, insbesondere rund um den Präsidentenpalast und die den ganzen Tag über eingeschlossene Nationale Wahlkommission (CNE).
Nach vorliegenden Informationen wurde auch der wichtigste Oppositionsführer Domingos Simões Pereira festgenommen. Unklar blieb am Mittwochabend die Lage von Fernando Dias da Costa, dem Oppositionskandidaten für die Präsidentschaft, nachdem bewaffnete Männer in sein Wahlkampfbüro eingedrungen waren, während er dort gemeinsam mit Simões Pereira eine Sitzung abhielt.
Die Ereignisse folgen auf die Wahlen vom 23. November. Obwohl die offiziellen Ergebnisse erst für Donnerstag, den 27. November, erwartet wurden, hatten sowohl Embaló als auch sein Herausforderer Dias da Costa bereits am Dienstag den Wahlsieg für sich beansprucht.
Die CNE sei am Mittwoch von unbekannten bewaffneten Männern angegriffen worden, teilte der Kommunikationsverantwortliche der Kommission, Abdourahmane Djalo, mit.
Bissau unter Spannung: Barrikaden, Ausgangssperre, Medien schweigen
Die Straßen in Bissau sind blockiert oder verbarrikadiert und nahezu ohne Verkehr. Militärs sind überall präsent, berichtet die Sonderkorrespondentin Eva Massy. Am Stadtrand wurden Autos angehalten, die versuchten, die Stadt zu verlassen. Die Wahlkommission CNE blieb vollständig von Soldaten umstellt.
Taxis – ein wichtiges Verkehrsmittel – verkehren nicht mehr. Viele Menschen versuchten per Anhalter noch vor Beginn der Ausgangssperre ab 19 Uhr UTC nach Hause zu kommen. Viele Bürger blieben an ihren Telefonen, um Verwandte zu erreichen oder die spärlichen Nachrichten zu verfolgen. Medien wurden angewiesen, ihre Programme bis auf Weiteres auszusetzen.
Beim lokalen Radiosender Sol Mansi drangen uniformierte Männer in die Studios ein und befahlen dem Personal, die Räumlichkeiten zu verlassen. Der Luftraum und die Grenzen sind geschlossen, und große Unsicherheit prägt die Lage.
Guinea-Bissau: eine Geschichte zahlreicher Staatsstreiche
Guinea-Bissau, ein kleines Küstenland in Westafrika, hat seit seiner Unabhängigkeit 1974 bereits vier Putsche und zahlreiche Putschversuche erlebt. Seit 2020 gab es in der Region mehrere Militärputsche – in Mali, Burkina Faso, Niger und Guinea (Conakry).
Die Präsidentschaftswahl 2019 führte ebenfalls zu einer monatelangen politischen Krise, weil Embaló und sein Gegner vom PAIGC, Domingos Simões Pereira, gleichzeitig den Sieg beanspruchten. Ende Oktober hatte die Armee von Guinea-Bissau erklärt, eine „Versuch der subversiven Veränderung der verfassungsmäßigen Ordnung“ vereitelt zu haben, und mehrere hochrangige Offiziere festgenommen.
Über 6.780 Sicherheitskräfte, darunter Mitglieder der Stabilisierungstruppe der ECOWAS, wurden für die Wahlen und die Zeit danach im Land eingesetzt. Beobachtungsmissionen der Afrikanischen Union, der ECOWAS und das Forum der Weisen Westafrikas äußerten „tiefe Besorgnis“ und verurteilten eine „offensichtliche Störung des demokratischen Prozesses“.
UN-Generalsekretär António Guterres forderte alle Beteiligten auf, „Zurückhaltung zu üben und die Rechtsstaatlichkeit zu respektieren“.
Portugal, die ehemalige Kolonialmacht, rief zur Wiederaufnahme des Wahlprozesses auf und mahnte alle Parteien, „sich jeglicher institutionellen oder zivilen Gewalt zu enthalten“ und die ordnungsgemäße Funktionsweise der Institutionen wiederherzustellen, um die Auszählung und Verkündung der Wahlergebnisse zu ermöglichen.
Vorwürfe der „Manipulation“ und eines „inszenierten Staatsstreichs“
Im Land selbst verurteilten einige Stimmen den Militäreinsatz und sprachen von einer „Manipulation“. Die regierungsnahe Zivilorganisation Front populaire bezeichnete die Vorgänge als „inszenierten Staatsstreich“, um die Bekanntgabe der Wahlergebnisse zu verhindern. Andernfalls hätte der Präsident die Festnahme nicht selbst angekündigt, argumentierten sie.
Der ehemalige Premierminister Aristides Gomes (PAIGC) sprach von einem „geplanten Putsch“, um die Verkündung der Wahlergebnisse zu verhindern. Er erklärte gegenüber RFI, dass man bereits Informationen über Treffen zwischen Embaló und seinen Verbündeten im Generalstab gehabt habe. Laut Gomes handele es sich um eine Inszenierung: die angebliche Festnahme des Präsidenten solle den Eindruck erwecken, es handle sich um einen echten Putsch, während das eigentliche Ziel darin bestehe, die Opposition auszuschalten und Embaló später als „legitimen Sieger“ zu präsentieren.
Schüsse in der Hauptstadt
Bereits am Morgen waren in der Hauptstadt Bissau schwere Schüsse in der Nähe des Präsidentenpalastes und der Wahlkommission zu hören. Mehrere Amateurvideos zeigen fliehende Zivilisten und laute Schussgeräusche. Die Verifikationsabteilung von RFI hat die Videos geolokalisiert – sie wurden in der Nähe des Präsidentenpalastes aufgenommen.