Kenia: Indigene Gemeinden wehren sich gegen umstrittenes CO₂-Projekt

Maasai im Schutzgebiet Leparua sprechen sich gegen neue Vereinbarungen aus, zu deren Unterzeichnung sie gedrängt werden. © Gemeindeangehöriger aus Leparua

Projekt, zu dessen Kund*innen Nivea, Meta und Netflix zählen, wegen Nötigung gegenüber Indigenen kritisiert: Indigene Gemeinden im Norden Kenias werfen der umstrittenen Naturschutzorganisation Northern Rangelands Trust (NRT) „Tricks und unredliche Machenschaften“ vor. Sie verurteilen NRTs Versuche, das berüchtigte und bereits zum zweiten Mal ausgesetzte Northern Kenya Grassland Carbon Project (NKGCP) wiederzubeleben.

NRT drängt indigene Gemeinden im betroffenen Projektgebiet dazu, Verträge zu unterzeichnen, die als Lösung für die Probleme des Projekts beworben werden. Tatsächlich jedoch könnten sie die Verwaltung ihres Landes und ihre angestammten Weidepraktiken weiter einschränken. Maasai- und Rendille-Gemeinden in den Schutzgebieten Leparua und Melako berichten, dass NRT sie zur Unterzeichnung der Vereinbarungen nötigt.

Das NKGCP hat CO₂-Zertifikate an Nivea, Meta, Netflix und andere multinationale Unternehmen verkauft. Dabei schränkt das Projekt die traditionellen Weidepraktiken der Maasai, Borana, Samburu und anderer Hirt*innen-Völker stark ein, deren Land zur Generierung dieser Zertifikate genutzt wird.

Rose Orguba, Menschenrechtsverteidigerin und Mitglied des Landverwaltungskomitees der Melako Conservancy, erklärte gegenüber Survival International: „Viele hatten das Gefühl, unter Druck gesetzt, eingeschüchtert oder durch diesen Prozess gehetzt zu werden, der eigentlich transparent, inklusiv und auf der Grundlage der freien, vorherigen und informierten Zustimmung erfolgen sollte … Die Menschen, die mit Bussen zum [Versammlungs-]Ort gebracht wurden, wurden dazu angehalten, der Unterzeichnung zuzustimmen, ohne das Dokument zu lesen … Neunzig Prozent der Angehörigen der Gemeinde sind Analphabet*innen. Deshalb wurde Propaganda eingesetzt – man sagte ihnen, sie müssten heute unterschreiben, nur heute sei es möglich, sonst ginge das CO₂-Geld für immer verloren.“

Laut Wall Street Journal hat NRT mehr als 6 Millionen CO₂-Zertifikate im Wert von 42 bis 90 Millionen US-Dollar verkauft. Dennoch wurden viele Menschen im Projektgebiet nie angemessen über das Projekt oder dessen Auswirkungen informiert. Ohne freie, vorherige und informierte Zustimmung (FPIC) fehlt dem Projekt die rechtliche Grundlage.

In den letzten Jahren wurde das Klimaprojekt immer wieder von Krisen erschüttert: Die Zertifizierungsstelle Verra setzte den Verkauf der CO₂-Gutschriften zweimal aus; ein Gericht in Isiolo (Kenia) entschied 2025, dass ein zentrales NRT-Schutzgebiet illegal eingerichtet wurde; und neue kenianische Gesetze zum CO₂-Markt schaffen zusätzliche Verpflichtungen für die Betreibenden solcher Projekte.

Internationale Medienberichte und Untersuchungen der Zivilgesellschaft dokumentierten zudem, dass NRT-Ranger in Gewalt, Tötungen, erzwungenes Verschwindenlassen und Einschüchterungen verwickelt gewesen sein sollen – Vorwürfe, die in dem Gerichtsverfahren 2025 bestätigt wurden.

Jackson Lokadelio aus dem Leparua-Schutzgebiet erklärte: „Als Gemeinde der Leparua Conservancy verstehen wir diese Vereinbarung zum CO₂-Projekt von NRT nicht. Wir können auch nicht akzeptieren, einfach zur Unterschrift aufgefordert zu werden, ohne zu wissen, was darin steht. […] Wenn wir unterschreiben, ohne den Inhalt zu verstehen, wäre das so, als ob wir unser Land verschenken. Ich bitte auch alle, sich nicht vom Geld täuschen zu lassen.“

Caroline Pearce, Direktorin von Survival International, sagte: „Der mutige Widerstand gegen diese neuen Vereinbarungen zeigt, dass indigene Völker nicht bereit sind, ein Projekt einfach abzunicken, das Gewinne aus ihrem Land zieht, ohne ihre Rechte und ihr Leben zu respektieren. Das CO₂-Projekt von NRT ist zudem durch Gerichtsurteile und die Aussetzung des CO₂-Handels diskreditiert worden. Es ist höchste Zeit, dass die Zertifizierungsstelle Verra das Projekt endgültig stoppt.“ (Survival International)