
Nach Einschätzung der Wirtschaftskommission für Afrika (ECA) ist die Abschaffung dieser Praxis ebenso ein wirtschaftliches wie ein soziales Gebot, um das Potenzial von 160 Millionen heranwachsenden Mädchen freizusetzen. In einer Analyse, die Anfang Januar 2026 veröffentlicht wurde, schlägt die Kommission Alarm: Kinderehen zählen zu den „am meisten unterschätzten strukturellen Beschränkungen“, die Afrikas Fähigkeit behindern, seine demografische Dividende zu nutzen.
Will Afrika die Ziele der Agenda 2063 der Afrikanischen Union verwirklichen, muss es diese Praxis unbedingt bekämpfen, die Millionen Mädchen ihrer Zukunft beraubt.
130 Millionen Frauen vor dem 18. Lebensjahr verheiratet
Die Zahlen sind erschütternd. In Afrika wurden 130 Millionen Frauen und Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet – der weltweit höchste Anteil laut UNICEF. West- und Zentralafrika sind am stärksten betroffen: Rund 41 % der Mädchen werden dort vor Vollendung des 18. Lebensjahres verheiratet. Sechs der zehn Länder weltweit mit der höchsten Verbreitung dieser Praxis liegen in dieser Region.
Niger hält mit 76 % der vor der Volljährigkeit verheirateten Mädchen den traurigen Weltrekord, gefolgt von der Zentralafrikanischen Republik (68 %), dem Tschad (67 %) und Mali (55 %). Beim derzeitigen Fortschrittstempo würde es mehr als ein Jahrhundert dauern, um Kinderehen in West- und Zentralafrika zu beseitigen.
Eine gravierende wirtschaftliche Verzerrung
Die von Zuzana Schwidrowski, Direktorin der Abteilung Gender, Armut und Sozialpolitik, und der assoziierten Forscherin Omolola Mary Lipede verfasste Analyse der ECA bricht mit der traditionellen Sichtweise des Problems. Während Kinderehen meist als Menschenrechtsverletzung oder Gesundheitsproblem dargestellt werden, bezeichnen die Ökonominnen der ECA sie als „eine große und ungelöste wirtschaftliche Verzerrung“.
Der Mechanismus ist eindeutig: Frühverheiratung unterbricht die Schulbildung, begrenzt den Erwerb von Kompetenzen und behindert die Teilnahme von Frauen am formellen Arbeitsmarkt. Früh verheiratete Mädchen werden auf unbezahlte Sorgearbeit oder informelle Tätigkeiten mit geringer Produktivität beschränkt. In Subsahara-Afrika sind fast ein Drittel der jungen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren weder erwerbstätig noch in Ausbildung oder Weiterbildung, gegenüber 23 % der gleichaltrigen Männer.
Diese massive Ausgrenzung aus dem formellen Bildungs- und Wirtschaftssystem hat Kettenwirkungen. Die strukturelle Transformation afrikanischer Volkswirtschaften erfordert Arbeitskräfte, die von niedrigproduktiven Tätigkeiten in Bereiche mit höherer Wertschöpfung wechseln können – verarbeitendes Gewerbe, moderne Dienstleistungen, digitale Wirtschaft. Indem Millionen Mädchen Bildung und Ausbildung vorenthalten werden, verringern Kinderehen zwangsläufig das Angebot qualifizierter Arbeitskräfte und dämpfen die Anreize zur Gründung produktiver Unternehmen.
Ein Potenzial von 2 400 Milliarden US-Dollar
Der Kontinent zählt heute rund 160 Millionen Mädchen im Alter von 10 bis 19 Jahren. Bis 2030 wird bis zu ein Drittel aller Jugendlichen weltweit in Subsahara-Afrika leben. Diese demografische Dynamik stellt – je nach politischer Gestaltung – entweder eine außergewöhnliche Chance oder ein erhebliches Risiko dar.
Die Weltbank hat die Dimension kürzlich beziffert. In ihrem Ende 2024 veröffentlichten Bericht „Wege zum Wohlstand für Mädchen in Afrika“ schätzt sie, dass afrikanische Länder bis 2040 zusätzliche Einnahmen von 2.400 Milliarden US-Dollar freisetzen könnten, wenn sie in die Stärkung von Mädchen investieren. Jeder in Gesundheit, Bildung und wirtschaftliche Selbstbestimmung investierte Dollar könnte demnach einen zehnfachen Ertrag bringen.
Die ECA geht noch weiter: Das Schließen geschlechtsspezifischer Lücken in Bildung, Beschäftigung und Entscheidungsfindung könnte das afrikanische Bruttoinlandsprodukt bis 2043 um bis zu 1 000 Milliarden US-Dollar erhöhen.
Integration in makroökonomische Politiken
Nach Ansicht der Autorinnen liegt das Kernproblem in der Abschottung der Politikfelder. Kinderehen werden meist über soziale oder rechtliche Maßnahmen adressiert, während makroökonomische Strategien, Industriepolitiken und Haushaltsrahmen so entworfen werden, als existiere diese Beschränkung des Humankapitals nicht.
Die ECA fordert einen Paradigmenwechsel. Indikatoren zu Bildung, Beschäftigung und der Last unbezahlter Sorgearbeit von Mädchen müssen vollständig in makroökonomische Rahmenwerke, Arbeitsmarktprognosen und Bewertungen produktiver Kapazitäten integriert werden. Konkret sollten öffentliche Ausgaben zur Reduzierung von Kinderehen und zur Förderung der Schulbildung von Mädchen als Investitionsausgaben und nicht lediglich als soziale Ausgaben betrachtet werden. Gender-sensible Haushaltsführung und Social-Impact-Anleihen könnten zur Finanzierung dieser Anstrengungen beitragen.
Vielversprechende Initiativen
Mehrere afrikanische Länder haben bereits entsprechende Schritte eingeleitet. Togo hat sich verpflichtet, die demografische Dividende geschlechtersensibel in den Haushalt 2025 zu integrieren – mit technischer Unterstützung des westafrikanischen Unterregionalbüros der ECA. Burkina Faso ist eine ähnliche Verpflichtung eingegangen.
In Côte d’Ivoire stellte die Weltbank im Juni 2025 Maßnahmen vor, um das Potenzial junger Mädchen in einen Motor wirtschaftlichen Wohlstands zu verwandeln. Das Land startete Initiativen wie „Ein Mädchen, das lernt, eine Frau, die verdient“, und beteiligt sich am Projekt SWEDD (Sahel Women’s Empowerment and Demographic Dividend), das inzwischen von Weltbankinvestitionen in Höhe von über einer Milliarde US-Dollar profitiert.
Einige Länder haben zudem gezeigt, dass schnelle Fortschritte möglich sind. Gambia, Guinea-Bissau, Togo, Ghana und Ruanda verzeichneten in den vergangenen 25 Jahren Rückgänge von 40 bis 60 % bei Kinderehen – dank einer Kombination aus Stärkung der Mädchen, Mobilisierung der Gemeinschaften, angepassten Dienstleistungen und verbesserten rechtlichen Rahmenbedingungen.
Eine notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung
Die ECA bleibt realistisch: Die Abschaffung von Kinderehen allein wird nicht garantieren, dass Afrika seine Entwicklungsziele erreicht. Doch ohne den Abbau dieser strukturellen Barriere werden Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und die Umsetzung der Agenda 2063 weiterhin gehemmt. Die Herausforderung reicht weit über den sozialen Bereich hinaus. Es geht darum, die Stärkung von Mädchen dort zu verankern, wo sie hingehört: im Zentrum der Entwicklungsstrategie des Kontinents und seines Strebens nach inklusivem und nachhaltigem Wachstum. Denn letztlich beruht Afrikas zukünftiger Wohlstand auf seinen 160 Millionen Heranwachsenden. (Quelle: afrik.com)