
Zwei Wochen vor der Abstimmung über eine mögliche Verlängerung des Mandats der UN-Mission für das Referendum in der Westsahara (MINURSO) hat die Polisario-Front den Druck auf den UN-Sondergesandten Staffan de Mistura erhöht. In einer Erklärung vom Dienstag, dem 13. Oktober 2026, kritisierte die sahrauische Unabhängigkeitsbewegung dessen Vorgehensweise scharf. Gleichzeitig betonte sie, dass sie die seit Anfang des Jahres laufenden Verhandlungen nicht abbrechen wolle, berichtet RFI.
Nach den Anfang Oktober hinter verschlossenen Türen geführten Beratungen des UN-Sicherheitsrats stellte Mohammed Sidi Omar, Vertreter der Polisario-Front bei den Vereinten Nationen, die Unparteilichkeit von Staffan de Mistura infrage. Sein Mandat sei „gefährdet“, da er sich zunehmend der marokkanischen Position annähere, die eine Autonomie der Westsahara unter marokkanischer Souveränität als Grundlage künftiger Verhandlungen vorsieht.
„Wir werfen Herrn de Mistura vor, keine politische Lösung finden zu wollen und eine grundlegende Grenze seiner Funktion überschritten zu haben. Ein Vermittler darf nicht anstelle des betroffenen Volkes im Voraus über dessen Zukunft entscheiden“, erklärte Mohamed Ali Zerouali, Vertreter der Polisario-Front in Frankreich.
Polisario fordert Kurswechsel, aber keinen Abbruch der Verhandlungen
Trotz der deutlichen Kritik stellt die Polisario-Front weder die Vereinten Nationen noch den Verhandlungsprozess grundsätzlich infrage.„Wir wollen eine Änderung der Vorgehensweise, keinen Rückzug aus den Verhandlungen“, betonte Zerouali. Die Polisario habe sich bewusst für einen politischen Prozess unter UN-Vermittlung entschieden, weil eine gerechte, friedliche und dauerhafte Lösung auf diplomatischem Wege gefunden werden müsse.
Es gehe darum, das Vertrauen wiederherzustellen. Die Erklärung sei eine ernsthafte Warnung, bedeute jedoch keineswegs das endgültige Ende der Zusammenarbeit.
Nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Khadija Mohsen-Finan versucht die Polisario damit, Einfluss auf die kommenden Gespräche zu nehmen und das von ihr und Algerien vertretene Selbstbestimmungsrecht der Sahrauis wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Sie sieht darin auch eine Neupositionierung Algeriens.
MINURSO bleibt für Polisario unverzichtbar
Ungeachtet der Differenzen mit dem UN-Sondergesandten hält die Polisario-Front eine Verlängerung des MINURSO-Mandats für unverzichtbar.
„Die MINURSO bleibt unerlässlich, aber ihr ursprünglicher Auftrag darf nicht seines Inhalts beraubt werden“, erklärte Zerouali.
Auch Khadija Mohsen-Finan unterstreicht die politische Bedeutung der Mission. Sie sorge dafür, dass die Westsahara-Frage weiterhin auf der internationalen Tagesordnung stehe. Durch die Kritik am UN-Sondergesandten halte die Polisario zugleich den Konflikt im internationalen Bewusstsein präsent.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht damit weiterhin die grundlegende Frage, ob die Zukunft der Westsahara auf Grundlage des marokkanischen Autonomieplans oder durch die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts der sahrauischen Bevölkerung entschieden werden soll.