
Von * Fatimoh Danjuma Bintu aus Lagos. Sie sprach mit Franck Zanu (Foto), einem in den USA lebenden Journalisten, Blogger und Enfant Terrible aus Benin – über Journalismus, Geld, Korruption, Identität und das bis heute unabgeschlossene Kapitel von Sklaverei und Kolonialismus.
Franck „Zanu“ Adjisegbe macht es seinen Zuhörern und Interviewpartnern nicht leicht. Seine gezielten Provokationen, das Hinterfragen von Meinungen, und das Infragestellen von Annahmen ist es, was seinen Stil ausmacht. Sein tiefes Wissen, gepaart mit einem Schuss Humor, machen jedes Gespräch mit ihm zu einem erfrischenden Erlebnis.
Geboren in der Republik Benin, lebt und arbeitet er heute in den Vereinigten Staaten. Seine Laufbahn begann Franck Zanu jedoch als Reporter für die New York Tribune und als Fotojournalist für die Washington Times, für die er aus Nigeria, Südkorea, Japan, Malaysia, Bulgarien und vielen weiteren Ländern über Leben und Kultur berichtete.
Neben Vorträge arbeitet er als Inspirational Speaker und bietet seine Dienste als Berate und Life Coach sowie als Coach für Persönlichkeits- und Potenzialentwicklung an. Dazu betreibt er die Webseite ‚Zanu Project‘, eine Plattform, deren Name, ‚Rethink‘, sein Vorgehen bereits verrät. Es geht ihm nicht nur darum, sein Publikum zu motivieren. Vielmehr will er, wie er selbst sagt, den Menschen ein Motiv geben zu handeln, indem er vertraute Fragen auf den Kopf stellt, bis sein Gegenüber gezwungen ist, die eigene, längst gefestigte Meinung noch einmal in Frage zu stellen.
Ich habe mich mit Herrn Zanu zu einem Gespräch zusammengesetzt. Was folgt, ist keine höfliche Tour durch unverfängliche Themen. Es ist ein weit gespanntes Gespräch über Journalismus, Geld, Korruption, Identität und das bis heute unabgeschlossene Kapitel von Sklaverei und Kolonialismus, vorgetragen in Herrn Zanus typisch unverblümtem, von Analogien durchzogenem Stil. Leserinnen und Leser sollten darauf gefasst sein, ihm an mancher Stelle zu widersprechen. Genau das, so stellt sich heraus, ist der eigentliche Zweck.
Ein Beruf mehr aus Zufall
Ich fragte Herrn Zanu, was ihn ursprünglich zum Journalismus gebracht habe, in Erwartung einer Geschichte über Ehrgeiz oder familiäre Vorbilder. Stattdessen beschrieb er etwas, das eher einer zufälligen Aneinanderreihung von Umständen glich. „Ich komme aus sehr, sehr armen Verhältnissen“, erzählte er mir. „Meine Eltern sind nie zur Schule gegangen. Ich war tatsächlich der Erste in meiner gesamten Familienlinie, der überhaupt eine Schulbildung erhielt.“
Für ihn gab es in seinem Dorf in Benin keine Vorbilder, keine Ärzte, Anwälte oder Piloten, an denen er sich hätte orientieren können. Den Wendepunkt jedoch brachte ein Moment stiller Demütigung: als er sein erstes Schulzeugnis nach Hause brachte, musste er mitansehen, wie sein des Lesens unkundiger Vater es verkehrt herum hielt, bevor er über die Straße zu einem Nachbarn ging, der es vorlesen konnte. „Ich habe mich zutiefst geschämt“, sagte er. „Da habe ich beschlossen, dass ich nicht so werden will wie mein Vater.“
Diese Scham wurde zum Antrieb, zur unermüdlichen Motivation. Er las alles, was ihm in die Hände fiel, „Zeitungen, alte Ausgaben von Magazinen, Dosenbeschriftungen, Etiketten auf allen Arten von Flaschen“, er gründete in der Highschool eine informelle Schülerzeitung, in der er Sportereignisse von Hand auf Zetteln notierte und diese wie eine Zeitung an Schüler und Lehrer verteilte. Eine Lehrerin sagte ihm, er habe „eine Begabung zum Schreiben“ und schlug vor, er solle Reporter werden, ein Wort, das er zu jener Zeit nach eigener Aussage gar nicht verstand.
Er studierte am Ghana Institute of Journalism, das vom British Council betrieben wurde und wurde schließlich bei einer Jugendmedienkonferenz in London entdeckt, wo seine Texte den damaligen Chefredakteur der Washington Times, den inzwischen verstorbenen Jeremy Gaylord, erreichten. Gaylord lud ihn ein, als freier Korrespondent für die Zeitung zu arbeiten. Seine erste Station war Nigeria, wo er drei Jahre lang in derselben Straße wie der nigerianische Musiker und politische Aktivist Fela Anikulapo Kuti lebte, bevor ihn spätere Einsätze nach Südkorea und Japan führten. „Ich würde es einen zufälligen Beruf nennen“, sagte er, „niemand aus meiner Familie oder meinem Umfeld hat mich dazu animiert.“
Vertrauen statt Wahrheit
Herr Zanu sprach offen über die Schwierigkeiten seiner frühen Reporterjahre, unterschied dabei aber deutlich zwischen zwei Arten von Journalismus. Hard News, sagte er, seien vergleichsweise einfach: „Man geht einfach raus und betet zu Gott, dass es einen Unfall gibt oder etwas Interessantes passiert, über das man berichten kann.“ Seine eigene Arbeit hingegen war das Feature, das Schreiben über Land und Leute, was bedeutete, unter den Menschen zu leben und über längere Zeit Fragen zu stellen. Er nannte dies eine Methode, die völlig davon abhängt, ob die Quellen einem genug vertrauen, um bei der Weitergabe von Informationen ehrlich zu sein. „Sobald man sich als Journalist zu erkennen gab, verdeckten alle ihr Gesicht und gingen weg“, sagte er über seine Arbeit in jener Zeit. „Es war wirklich schwer, das Vertrauen eines Menschen zu gewinnen und zu hoffen, dass jemand sich hinsetzt und sich für ein Gespräch öffnet.“
Die größere Herausforderung, erklärte er, war die Verifizierung der erhaltenen Informationen. Er erinnerte sich daran, wie er ausländische Korrespondenten sensibilisierte, die oft nach einem Gespräch mit nur einem einzigen Dorfältesten ihre Geschichte bereits für wahr und bestätigt hielten. Seine eigene Regel war eine andere, komplexer, aber lohnender: „Wenn irgendwo etwas passiert ist und man dorthin kommt und mit drei, vier, fünf Menschen spricht, wird jeder Antworten, sich aber innerlich dabei fragen: ‘Was springt für mich dabei heraus, welchen Vorteil habe ich, wenn ich mit dem Journalisten spreche?’ Man kann nicht einfach weggehen und denken, er hat mir die Wahrheit gesagt.“ Vertrauen, so seine Erfahrung, musste man sich gezielt erarbeiten, auch indem man der Quelle deutlich machte, was der Vorteil ist, ehrlich zu sein.
Das führte zu einer seiner provokanteren Thesen: dass es im Journalismus, richtig verstanden, nie um die absolute Wahrheit gehe. „Wähle niemals den Journalismus mit dem Anspruch, die Wahrheit zu suchen“, sagte er mir. „Das ist, als würde man sagen: ‘Ich werde Anwalt, weil ich der Gerechtigkeit dienen will.’ Na, viel Glück damit.“ Die Aufgabe eines Journalisten sei es, Ereignisse für die Leserschaft verständlich zu machen, nicht zu beurteilen, was objektiv wahr sei. „Etwas zu verstehen ist keine Garantie dafür, dass es deshalb auch die Wahrheit ist“, sagte er. „Deine Aufgabe ist es, den Menschen das Verständnis zu einer Sache zu vermitteln.“
Ebenso unverblümt sprach er darüber, was ihn durch schwierige, oft unbezahlte Jahre trug. Es war die schlichte, fast körperlich spürbare Erfahrung, den eigenen Namen gedruckt zu sehen und wie seine Mutter die Zeitungsausschnitte aufhob, um sie der Gemeinde zu zeigen. „Niemand in meiner Gemeinde, weder meine Klassenkameraden noch deren Eltern, hatte je seinen Namen in einer amerikanischen Zeitung gedruckt gesehen“, sagte er. „Allein dafür hätte ich es auch ohne Gehalt gemacht.“
Gefragt nach Ratschlägen für junge Journalisten zögerte er, eine Antwort ohne zunächst die Beweggründe der Person zu kennen sein nicht so einfach möglich, meinte Franck Zanu. Als ich ihm sagte, ich schreibe aus Liebe zum Geschichtenerzählen, war sein Rat einfach: der Geschichte folgen, nicht einem abstrakten Wahrheitsanspruchs und verstehen, dass „Journalisten Sprache gestalten können“, um Menschen komplexe Ereignisse verständlich zu machen, eine ganz andere Aufgabe, als zu beweisen, was tatsächlich geschehen ist. Er verwies zudem auf die notwendige Integrität und die charakterliche Eignung eines Journalisten, da die journalistische Arbeit die öffentliche Meinung beeinflusst.
Auf die Frage nach Sicherheitsbedenken bei der Berichterstattung über kontroverse Themen und seine Empfehlung zum Schutz von Journalisten verwies er als Beispiel auf den ghanaischen investigativen Journalisten mit dem Alias „Anas Aremeyaw“, der seit zwei Jahrzehnten eine Maske trägt, um seine wahre Identität zu schützen, sowie auf den ermordeten nigerianischen Journalisten Dele Giwa als Beleg dafür, wie gefährlich Berichterstattung über Macht und Korruption in Afrika sein kann. „Die Pressefreiheit gehört dem Chefredakteur, nicht dir“, sagte er, bevor er schilderte, wie ihn in den 1980er Jahren ein nigerianischer Regierungsbeamter persönlich aufsuchte und, ohne es direkt auszusprechen, nahelegte, seine Texte sollten vor der Ausreise von Zensoren gegengelesen werden. Herr Zanus Reaktion, wie er mir ohne erkennbares Bedauern erzählte, war ein Umschlag mit Bargeld, den er dem Beamten übergab. „Dieser Umschlag, er hat mir den Freibrief gegeben, weiter so zu schreiben, wie ich wollte“, sagte er. „Aber so funktioniert das System nun einmal.“
„Nigeria und Unsicherheit gehören zusammen“
Als ich das Gespräch auf die aktuelle Sicherheitskrise in Nigeria lenkte, widersprach Herr Zanu bereits der Fragestellung selbst. „Die Worte Unsicherheit und Nigeria im selben Satz zu benutzen, ist fast so, als würde man Rot mit Rosen gleichsetzen“, sagte er. „Die beiden gehören einfach zusammen.“ Sein Argument war historisch, nicht bezogen auf die aktuelle Situation: Nigeria, so seine Sicht, habe seit der Unabhängigkeit 1963 nie über ein funktionierendes Sicherheitssystem verfügt und was sich verändert habe, sei nicht das Ausmaß der Gewalt, sondern dessen Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. In seinen Worten habe es nie eine längere Periode anhaltenden Friedens gegeben, auch bedingt durch die vielen Auseinandersetzungen in einem von Kolonialherren künstlich geschaffenen, multiethnischen Staat. Er erinnerte an die Westafrika-Konferenz, in der die Grenzen der Staaten Afrikas am Verhandlungstisch 1884 gezogen wurden.
Er beschrieb seine Berichterstattung in den 1970er und 1980er Jahren, als die von Mohammed Marwa gegründete militante Gruppe ‚Maitatsine‘, die er als „weitaus brutaler als Boko Haram“ bezeichnete, fast ohne jede mediale Beachtung agierte, schlicht weil Reporter nicht die Möglichkeit hatten, die betroffenen Regionen zu erreichen. „Niemand hat darüber berichtet“, sagte er.
Bei einem weiteren Vorfall, den er schilderte, seien mindestens „28 junge Männer gestorben“, ein Vorfall mit einem überfüllten Polizeitransporter, in Nigeria als ‚Black Maria‘ bekannt, erinnerte er sich, „und die Regierung hat nicht einmal einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.“ Was er beschrieb, ereignete sich am 3. März 1980, als rund 70 Verdächtige in Lagos in einen Gefangenentransporter gepfercht und für mehrere Stunden bei extremer Hitze darin eingeschlossen wurden. Die Gefangenen saßen ohne ausreichende Belüftung fest, ihre Hilferufe blieben ungehört. Als das Fahrzeug schließlich geöffnet wurde, waren Dutzende erstickt. Zeitgenössische Quellen berichten von rund 47 bis 50 Tote unter den Inhaftierten. Der Vorfall fand weder größere internationale Beachtung noch mussten Offiziere oder Verantwortliche zurücktreten.
Seine Erklärung dafür, warum die Unsicherheit im Land fortbesteht, zielt auf die Struktur des nigerianischen Staates selbst. „Innerhalb Nigerias steht die Zugehörigkeit zur ethnischen Gruppe an erster Stelle, die Religion an zweiter und die Familie an dritter Stelle“, sagte er. „Niemand, der in Nigeria lebt, hat Nigeria gegründet.“ Seiner Ansicht nach haben koloniale Grenzen Nationalstaaten ohne nationale Identität geschaffen, sodass ethnische und religiöse Zugehörigkeit die einzige verlässliche Form von Loyalität geblieben sei, ein Muster, das sich seiner Meinung nach nicht nur in ganz Westafrika wiederholt, sondern auch die Instabilität und die Völkermorde im Kongo, im Sudan, in Liberia, Sierra Leone, Ruanda und anderswo erklärt.
Scharf kritisierte er, wie die internationale Gemeinschaft mit den daraus entstehenden Krisen umgeht und argumentierte, dass die globale Aufmerksamkeit für Nigeria weniger vom Ausmaß des Leids abhänge als davon, wer betroffen sei und wer hinschaue. „Wenn es Boko Haram nicht gäbe, würde niemand auf einem Podium überhaupt über Unsicherheit in Nigeria diskutieren“, sagte er und verwies auf die Entführung der Schulmädchen von Chibok sowie jüngste Angriffe auf Christen als die Ereignisse, die das Land schließlich in die westlichen Schlagzeilen brachten.
Die Untätigkeit der nigerianischen Regierung bei Entführungen verglich er mit dem den Fall zweier französischer Touristen, die nahe der Grenze zwischen Benin und Mali von Kriminellen entführt wurden und deren Rettung durch ein französisches Spezialkommando, wie er sagte, „persönlich von Präsident Macron begleitet wurde“. „Glaubst du wirklich, Nigeria würde seine Ressourcen und seine Armee einsetzen, um jemanden im benachbarten Land Benin zu suchen, wenn der verschwunden wäre?“, fragte er. „Und wir sprechen hier nicht von zwei oder drei Jungen, sondern von über hundert Entführten.“
Sein Fazit, ohne große Zurückhaltung formuliert, fiel hart aus: „Das Leben von Afrikanern hat nie gezählt“, sagte er und argumentierte, selbst Bewegungen, die genau um diesen Satz herum entstanden seien, hätten es nicht geschafft, daraus tatsächlichen Schutz oder Verantwortlichkeit abzuleiten, wenn sowohl die Opfer als auch die eigentlich schützenden Institutionen beide schwarz-afrikanisch seien.
Gefragt, was er persönlich von Entwicklungshilfe halten würde, meine er, dass „Geld allein, ob als ausländische Hilfe oder Kredit, oder als heimische Investition, die Probleme des Kontinents nicht lösen, weil es selten mit dem institutionellen Wissen einhergehe, es sinnvoll einzusetzen“. „Zugang zu Geld macht niemanden zum Unternehmer“, sagte er. „Man muss zuerst Unternehmer sein.“ Jahrzehntelange westliche Entwicklungshilfe sei seiner Ansicht nach nicht an zu geringen Summen gescheitert, sondern daran, dass die Geberländer die Umsetzung finanzierten, ohne zuvor in unabhängige afrikanische Forschungs- und Institutionen zu investieren, die das eigentliche Problem hätten diagnostizieren können. „Afrika braucht keine weiteren Initiativen“, sagte er. „Afrika braucht Forschung, Denker, einen afrikanischen Thinktank, der untersucht, was in den letzten sechzig Jahren seit der Unabhängigkeit tatsächlich schief gegangen ist und was man besser machen kann.“, er machte klar, dass ein ‚Weiter so‘ bei der bisherigen Politik des Westens die Probleme nicht lösen würden, sondern nur die Lösung weiter verzögert.
„Wir haben keine Nation. Wir leben in einem Land individueller Stämme.“
Ich stellte Herrn Zanu eine pointierte Frage zu einem Thema, das aufgrund der kürzlich wieder entfachten Diskussion rund um Entschädigungen afro-amerikanischer Sklaven und deren Nachkommen international zunehmend Beachtung findet: Neben Europäern haben sich in den Vereinigten Staaten auch große Gemeinschaften von Asiaten angesiedelt, doch keine dieser Gruppen wird im alltäglichen Sprachgebrauch regelmäßig als ‚European-American‘, ‚Asian-American‘ oder ‚Pasifika-American‘ bezeichnet. Warum hängen African-Americans so sehr an dieser separierenden Bezeichnung, statt sich einfach als Amerikaner zu verstehen und könnte diese sprachliche Segregation selbst genau jene rassische Trennung verstärken, die Integrationsbemühungen eigentlich überwinden sollen?
Herr Zanus Antwort stellte den Vergleich grundlegend infrage. Er zog eine klare Trennlinie zwischen freiwilligen Einwanderern, einer Gruppe, der er sich selbst als in Benin geborener, eingebürgerter Staatsbürger zurechnet und den Nachfahren versklavter Menschen, die seiner Beschreibung nach die einzige Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten seien, die über keinerlei eigene Einwanderungsgeschichte verfüge. „Die einzige Gruppe in den Vereinigten Staaten, die sich nicht als Einwanderer bezeichnen kann, ist die afroamerikanische Bevölkerung“, sagte er und zeichnete den Wandel der Bezeichnung nach, von „Coloured“ über „Negro“, „Afro American“, „Black American“ bis hin zu „African American“, einen Wandel, den er teilweise Jesse Jackson in den späten 1980er Jahren zuschrieb.
Er wies darauf hin, dass die Bezeichnung selbst inzwischen innerhalb der Gemeinschaft umstritten sei und nannte neu entstandene Gruppen, die sich selbst „foundational Black Americans“ oder „ADOS“, American Descendants of Slavery, nennen, neben anderen, die sämtlichen Bezeichnungen ablehnen und schlicht sagen: „Ich bin Amerikaner.“
Seine Erklärung für das Fortbestehen der zusammengesetzten Identität war historisch, nicht sprachlich begründet. „Das ist das einzige Land auf der Welt, in dem ehemalige Sklaven, beziehungsweise deren Nachkommen, noch immer Tag für Tag denjenigen gegenüberstehen, die sie einst versklavt haben“, führt er als Erklärungsversuch aus. In der Karibik, so argumentierte er, seien die Nachkommen der ehemaligen Sklavenhalter größtenteils ausgewandert, sodass die einst versklavte Bevölkerung eine Gesellschaft ohne diese tägliche Konfrontation habe aufbauen können. In Afrika wiederum, merkte er an, habe die gemeinsame Hautfarbe zwischen versklavenden und versklavten ethnischen Gruppen die sichtbare Erinnerung daran verwischt, wer einst Macht über wen ausgeübt habe.
Die Vereinigten Staaten seien jedoch, in seiner Darstellung, der einzige Ort, an dem beide Bedingungen zusammenkommen: eine sichtbare rassische Trennlinie und eine Bevölkerung an ehemaligen Afrikanern, die nie weggegangen sei [Franck Zanu meinte damit die vollständige Remigration ehemaliger Slaven nach der Befreiung zurück nach Afrika. – Author]. „Das war der größte Fehler, der je gemacht wurde“, sagte er. „Dieses Gefühl wird niemals verschwinden.“
Zur Veranschaulichung bot er ein Gedankenexperiment zur namensstiftenden Identität von Menschen an. Würde er heute seinen Pass in Europa verlieren, sagte er, könnte ein Fremder seinen Nachnamen nicht nur bis nach Benin, sondern bis zu einer bestimmten ethnischen Gruppe innerhalb des Landes zurückverfolgen. Dasselbe gelte, sagte er, wenn ich meinen Pass verlieren würde, oder wenn ein Isländer oder ein Vietnamese seinen Pass verlieren würde.
Würde jedoch ein African-American mit einem Namen wie William Phillips einen Pass ohne Foto verlieren, würde die Vermutung, so seine These, gar nicht automatisch auf einen Schwarzen fallen, weil der Nachname keinerlei Hinweis auf eine Herkunft jenseits des Landes trage, das einst seine Vorfahren versklavt habe, gezwungen, den Namen zu tragen, den der Besitzer einst für seine Sklaven ausgewählt hatte. Dies erscheint einleuchtend, haben doch mit dem Aufkommen der Nation of Islam-Bewegung in den 1960er Jahren viele Afro-Amerikaner ihre Namen geändert, um ihre Kultur zumindest über den Namen auszudrücken (Cassius Clay zu Muhammad Ali) bzw. ihren Kindern Vornamen gegeben, die an die ethnische Herkunft erinnern (LaToya, Shaniya, Amina).
Um dieses Argument zu unterstreichen, berief sich Franck Zanu auf den Pan-Afrikanisten Marcus Garvey und dessen Black-Star-Line-Bewegung „Back to Africa“ aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, die zur Rückkehr von ehemaligen Sklaven und deren Nachfahren nach Afrika aufrief und Unterstützung von Ghanas ehemaligen Präsidenten Kwame Nkrumah erhielt. Er nannte diese Bewegung als Beleg dafür, dass die Idee, eine verlorene Identität zurückzugewinnen, weder neu noch, seiner Ansicht nach, falsch sei. „Das unterstütze ich bis heute uneingeschränkt“, sagte er über Garveys Projekt, was er als eine verpasste Chance sieht. Der Staat Liberia wurde gegründet, um ehemaligen Sklaven eine neue Heimat in Afrika zu bieten.
Abschließend zog er einen bewusst provokanten Vergleich zum biblischen Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und argumentierte, die versklavten Israeliten in Ägypten hätten nie Integration oder Bürgerrechte innerhalb der ägyptischen Gesellschaft angestrebt; sie hätten immer angestrebt, das Land vollständig verlassen wollen, eine Entscheidung, die sich, wie die Geschichte zeige, als die dauerhaftere erwiesen habe. „Wären die Menschen, die sie in den Vereinigten Staaten kolonisiert haben, selbst Schwarze gewesen“, fügte er als provokante These hinzu, „wäre heute kein einziger ehemaliger versklavter Schwarzer mehr in den Vereinigten Staaten.“.
Für die Leserschaft schreiben, nicht für die Redaktion
Auf die Frage, wie eine junge Journalistin ein größeres Publikum erreichen kann, gab Herr Zanu eine ernüchternde, pessimistische Einschätzung der afrikanischen Medienlandschaft ab. Ernsthaften, politisch orientierten Journalismus innerhalb der Region zu veröffentlichen, warnte er, sei für eine junge Autorin ohne bestehende öffentliche Bekanntheit nahezu aussichtslos. „Wenn du das in Westafrika schreibst und es an westafrikanische Zeitungen schickst und die wissen, dass du es bist und sehen dein Foto, eine junge Frau, na, viel Glück“, sagte er. „Du wirst Enkelkinder haben, bevor deine Arbeit je veröffentlicht wird.“
Die heimische Presselandschaft in der Region Westafrika, so seine Einschätzung, werde inzwischen fast ausschließlich von Klatsch über Prominente, seichter, leicht verdaulicher Unterhaltung und Klatsch sowie politischen Sensationen bestimmt, mit wenig Interesse an der Art analytischer Texte über Sicherheit und Regierungsführung, die der Kontinent seiner Meinung nach am dringendsten bräuchte. Sein Rat war, weiter im Ausland zu veröffentlichen. „Deine beste Chance ist es, einen Verlag außerhalb Afrikas zu finden“, sagte er, darauf hinweisend, dass es eine große Diaspora von Nigerianern in Europa gibt, die Nachrichten konsumieren. „Das wiederum weckt dann das Interesse in Afrika selbst.“
Ein Stil, der zum Widerspruch und Nachdenken provoziert
Herr Zanu ist sich durchaus bewusst, dass Meinungen, die nicht ein bestimmtes Narrativ bedienen, auf Kritik stoßen und das scheint ihn nicht weiter zu beunruhigen. Im Verlauf des Gesprächs stellte er seine direkte Art wiederholt als bewusste Methode dar, nicht als Eigenheit seiner Persönlichkeit, sondern als seine spezielle Art, Menschen dazu zu bringen zu prüfen, ob eine bequeme, weitverbreitete Überzeugung einer genaueren Betrachtung tatsächlich standhält.
Ob man seinen Schlussfolgerungen zu Entwicklungshilfe, Identität oder den Ursachen der Unsicherheit in Nigeria in jedem Punkt zustimmt oder nicht, es fällt schwer, ein Gespräch mit ihm zu führen, ohne wenigstens die eine oder andere der eigenen Glaubensgrundsätze noch einmal zu überprüfen und zu überdenken. Genau das, würde er vermutlich sagen, war immer der Sinn der Sache.
(Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung der Autorin *Fatimoh Danjuma Bintu (25), aus Benue State. Sie lebt und arbeitet derzeit in Lagos, Nigeria, und hat einen Abschluss in Gesundheitstechnologie. Sie setzt sich dafür ein, verlässliche Informationen sowie politische und wirtschaftliche Zusammenhänge aus ihrem Land und Westafrika verständlich einzuordnen.)