Äthiopiens Zugang zum Roten Meer – zwischen Geopolitik und innerer Krise

Symbolbild, KI-generiert

Seit Monaten gibt es Gerüchte über die Gefahr eines neuen Konfliktes am Horn von Afrika – ein Wiederaufleben des Krieges zwischen Äthiopien und Eritrea scheint zu drohen. Die äthiopische Regierung fordert Zugang zum Roten Meer. Selbst die BBC thematisiert die äthiopisch-eritreischen Spannungen am Roten Meer.

Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed, der 2019 den Friedensnobelpreis erhalten hatte wegen seiner Bereitschaft zum Ausgleich mit dem Nachbarn Eritrea, baut jetzt ein Konfrontationsszenario gegenüber Eritrea auf. Eritrea sei schon immer das Hauptproblem für die jeweiligen äthiopischen Regierungen seit Kaiser Haile Selassie. Das Gegenteil ist zutreffend.

Eritrea hat stets unter dem Dominanzanspruch der äthiopischen Regierung und äthiopischer Repression zu leiden gehabt. Als nach dem Zweiten Weltkrieg ehemalige italienische Kolonien wie Somalia und Libyen die Unabhängigkeit erhielten, wurde eine historische Chance verpasst, Eritrea nicht in die Unabhängigkeit entlassen, sondern Äthiopien angeschlossen. Aus diesem Fehler entwickelte sich ein dreißigjähriger Krieg, von dessen zahlreichen Verlusten praktisch jede Familie in Eritrea und Äthiopien betroffen war. Er kostete viele junge Menschenleben.

1991 endlich erlangte Eritrea unter großen Opfern seine Freiheit. Erneut wurde 1998 militärisch versucht, der eritreischen Unabhängigkeit ein Ende zu setzen. 70 000 Eritreer wurden damals in Nacht-und-Nebel-Aktionen aus Äthiopien deportiert und verloren ihr Eigentum. 2019 kam die Hoffnung auf Frieden. Die damaligen Friedensofferten waren offenbar von Seiten Abiy Ahmeds, des neuen Ministerpräsidenten und Hoffnungsträgers, nur Lippenbekenntnisse. Auch innerhalb Äthiopiens erodierte die öffentliche Sicherheit. Es kam zu antichristlichen Gewaltakten und Massakern, denen die Regierung nichts entgegensetzt.  Prinz Asfa-Wossen Asserate aus dem äthiopischen Kaiserhaus hat diese antichristlichen Ausschreitungen, die auch Kirchen betrafen, bei einem öffentlichen Auftritt in Europa angeprangert.

Der äthiopische Generalstabschef Birhanu Jula hat den Vorwurf erhoben, Eritrea arbeite mit Ägypten zusammen gegen Äthiopien – während faktisch Addis Abeba den unseligen Einfluss der VAE am Horn von Afrika unterstützt, und logistische Unterstützung leistet bei der Lieferung von Waffen der VAE an die extrem brutale RSF-Miliz im Sudan, die Zigtausende Zivilisten ermordet hat. Es scheint, die Inszenierung einer neuen Konfliktlage mit Eritrea diene der von allen Seiten bedrängten und überforderten äthiopischen Regierung als Mittel, die tief gespaltene Nation zu einen um das vermeintlich patriotische Projekt, einen Zugang zum Meer für Äthiopien zu sichern, der dann die Probleme des Landes lösen soll. Schon vor Jahren sagte der ehemalige Gouverneur von Tigray, Gebru Asrat, es gehe nicht um einen Hafen für das Binnenland Äthiopien, sondern darum, die Unabhängigkeit Eritreas zu beenden und Eritreas Entwicklung zu einem zweiten Singapur zu verhindern. Dies, obwohl eine Wirtschaftsblüte Eritreas auch für Tigray und Äthiopien sehr positive Auswurkungen gehabt hätte.

In der Tat ist die Notwendigkeit eines Hafens für Äthiopien ganz offenbar ein vorgeschobener Grund. Äthiopien hätte die Option, durch Abkommen sich Zugang Zum Hafen Azab und Handelsrechte über die eritreischen Häfen zu sichern. Diese Lösung hatte zu Beginn der eritreischen Unabhängigkeit funktioniert. Das könnte wirtschaftliche Impulse sowohl für Eritrea als auch für Äthiopien auslösen. Weitere Möglichkeiten der Diversifizierung bieten zusammen mit den beiden wichtigen eritreischen Häfen der Hafen Djibouti und die Häfen von Somaliland. Ferner bieten sich kenianische und sudanesische Häfen langfristig an. Gerade die Konkurrenz unter den genannten Häfen könnte die Kosten reduzieren. Weltweit gibt es zahlreiche Binnenstaaten (landlocked countries), die florieren und durch Gestaltung eines positiven Umfeldes und Einbindung ihre wirtschaftlichen Potenziale positiv entwickelt haben. Man denke an blühende Länder wie die Schweiz und Österreich, aber auch an afrikanische Beispiele wie Botswana. Diese gut entwickelten Länder haben ohne unmittelbaren Zugang zum Meer eine prosperierende Entwicklung genommen.

Äthiopien sollte sich um Entwicklung seiner Potenziale bemühen und die reichlich fliessende internationale Hilfe zielgerichteter einsetzen. Äthiopien muss endlich seine Hausaufgaben machen. Der jungen Generation müssen Perspektiven geboten werden, so dass sie sich nicht ethnischen Milizen (wie z.B. Fano) anschließt oder ins Ausland flieht. Aus den Fehlern des Mengistu-Regimes in den 1970er und 1980er-Jahren muss die Regierung lernen. Kriege haben sich als vermeintliche Problemlösung in Afrika und anderswo noch nie bewährt. (Alfred Schlicht)