
Die Bundesregierung hat sich mit ihrer Reformoffensive ehrgeizige Ziele gesetzt. Gleichzeitig soll auch die deutsche Entwicklungspolitik neue Akzente setzen. Doch eines wird dabei häufig übersehen: Reformen allein reichen nicht aus. Entscheidend ist, dass ihnen konkrete wirtschaftliche Initiativen folgen. Gerade die Zusammenarbeit mit Afrika braucht jetzt neue Dynamik.
Mit der bereits 2018 ins Leben gerufenen Initiative „Compact with Africa“ (CwA) hat Deutschland gemeinsam mit ausgewählten afrikanischen Reformstaaten eine wichtige Grundlage geschaffen, um Investitionen zu fördern und nachhaltiges Wachstum zu unterstützen. Doch angesichts der heutigen geopolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen darf diese Initiative nicht in Vergessenheit geraten. Sie muss vielmehr zu einem zentralen Baustein der deutschen Afrikapolitik werden.
Dass Bewegung in die Beziehungen zu Afrika gekommen ist, zeigen die zahlreichen Regierungsbesuche und Wirtschaftstage der Jahre 2025 und 2026 mit Ghana, Nigeria, Senegal und Kenia. Auf politischer Ebene wurden wichtige Signale gesetzt. Nun ist die deutsche Wirtschaft gefordert. Aus Absichtserklärungen müssen Investitionen, Kooperationen und konkrete Projekte werden.
Beim G7-Gipfel 2026 kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz gegenüber dem kenianischen Präsidenten William Ruto an, Deutschland wolle seine Beziehungen zu Afrika intensivieren. Diese Zusage weckt Erwartungen. Afrikanische Partnerländer suchen Investoren, Technologie und langfristige Zusammenarbeit – nicht kurzfristige Hilfsprogramme.
Wie entschlossen andere Staaten handeln, zeigt Frankreich. Mit seiner neuen Strategie „Africa Forward“ stellt Paris gemeinsam mit afrikanischen Investoren einen Fonds von 27 Milliarden US-Dollar für Investitionen vor allem in Energie und Landwirtschaft bereit. Frankreich setzt damit ein deutliches Zeichen für eine wirtschaftlich orientierte Partnerschaft mit dem Kontinent.
Auch Deutschland verfügt über vielversprechende Ansätze. Das im Mai 2026 mit Nigeria vereinbarte Investitionsabkommen über 365 Millionen Euro ist ein wichtiger Schritt. Davon entfallen 65 Millionen Euro auf Berufsbildung und den Energiewandel. Hinzu kommt eine Exportgarantie des Bundes in Höhe von 300 Millionen Euro für strategische Projekte in Nigeria. Jetzt kommt es darauf an, diese Instrumente mit Leben zu füllen und deutsche Unternehmen für ein stärkeres Engagement zu gewinnen.
Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auf der Landwirtschaft liegen. Sie bleibt der Schlüssel für Ernährungssicherheit, Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung. Bereits die Maputo-Deklaration der Afrikanischen Union verpflichtete ihre Mitgliedstaaten, mindestens zehn Prozent ihrer Staatshaushalte in die Entwicklung der Landwirtschaft zu investieren. Dieses Ziel besitzt heute mehr Aktualität denn je.
Die Auswirkungen der internationalen Krisen zeigen, wie verwundbar der Agrarsektor ist. Der Krieg im Nahen Osten hat die Versorgung mit Düngemitteln erheblich beeinträchtigt. Da rund ein Fünftel der afrikanischen Düngemittelimporte aus dieser Region stammt, geraten Ernten und Ernährungssicherheit zunehmend unter Druck.
Gerade deshalb bietet sich jetzt die Chance für eine neue Initiative im Rahmen von Compact with Africa. Gemeinsam mit Ghana, Nigeria, Senegal und Kenia könnten moderne Agrarindustriezentren entstehen. Deutschland verfügt über hervorragendes Know-how im Maschinenbau, in der Landtechnik und in der beruflichen Ausbildung – Kompetenzen, die in Afrika dringend benötigt werden.
Ein solches Zentrum sollte weit mehr sein als ein Maschinenpark. Es könnte Ausbildungsstätten, Werkstätten, Anlagen zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, Kühl- und Logistikzentren sowie moderne Bewässerungssysteme umfassen. Ergänzt durch Beratung zu klimaangepassten Anbaumethoden und nachhaltiger Forstwirtschaft entstünde ein Entwicklungsmodell, das weit über einzelne Regionen hinaus Wirkung entfalten könnte.
Bereits 2022 habe ich der Ghana Investment Promotion Centre in Accra ein entsprechendes Konzept vorgeschlagen. Heute erscheint diese Idee aktueller denn je. Von Ghana aus könnte ein solches Modell schrittweise auf weitere Staaten Westafrikas übertragen werden.
Darüber hinaus sollte Deutschland verstärkt auf Dreieckskooperationen setzen. Die Zusammenarbeit mit Indien im Rahmen der BMZ-Initiative hat gezeigt, welche Chancen in solchen Partnerschaften liegen. Warum nicht ähnliche Modelle gemeinsam mit den Golfstaaten entwickeln? Diese investieren bereits seit Jahren massiv in die afrikanische Landwirtschaft und könnten gemeinsam mit deutschen Technologieunternehmen und afrikanischen Partnern neue Impulse setzen.
Afrika ist längst nicht mehr nur ein Kontinent der Entwicklungszusammenarbeit. Es ist ein Zukunftsmarkt, um den weltweit geworben wird. China, Indien, die Golfstaaten, die Türkei und zunehmend auch die USA bauen ihre wirtschaftliche Präsenz kontinuierlich aus. Auch Präsident Donald Trump hat angekündigt, die amerikanische Afrikapolitik neu auszurichten und Ende Juli das US-Africa Business Forum auf Mauritius auszurichten.
Deutschland sollte diese Entwicklung nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten. Wenn die Initiative Compact with Africa ihren ursprünglichen Anspruch erfüllen soll, braucht sie mehr als politische Erklärungen. Sie braucht Unternehmer, Investoren und konkrete Projekte.
Afrika bietet Chancen – wirtschaftlich, technologisch und strategisch. Es liegt an uns, sie gemeinsam mit unseren afrikanischen Partnern zu nutzen. (Gerd Eckert, dipl.oec)