
Ab dem heutigen Mittwoch nimmt Togos Präsident Faure Gnassingbé in London am World Nuclear Symposium teil, bei dem Togo zu den Ehrengästen zählt. Seine Teilnahme an der Seite weiterer Staats- und Regierungschefs wirft erneut eine grundlegende Frage für den Kontinent auf: Ist die Kernenergie eine geeignete Lösung für Afrikas Entwicklung – oder ein zu kostspieliges und zu komplexes Wagnis?
Die Ausgangslage ist weitgehend unstrittig. Nach Angaben der Afrikanischen Entwicklungsbank haben mehr als 640 Millionen Afrikaner auf einem Kontinent mit 1,4 Milliarden Einwohnern noch immer keinen Zugang zu Elektrizität. Sollte sich nichts ändern, könnte diese Zahl bis 2030 auf 657 Millionen steigen.
Angesichts dieser Situation setzen mehrere Länder – Ghana, Ruanda, Kenia, Namibia, Nigeria und inzwischen auch Togo – auf Kernenergie, um dieses strukturelle Defizit zu verringern. Ein aktueller Bericht geht sogar davon aus, dass sich die installierte Kernenergiekapazität auf dem Kontinent bis 2050 verzehnfachen könnte.
Die Argumente für Kernenergie
Das erste Argument der Befürworter ist der Klimaschutz: Kernenergie verursacht bei der Stromerzeugung keine CO₂-Emissionen – im Gegensatz zu thermischen Kraftwerken, die noch immer einen großen Teil der afrikanischen Stromnetze versorgen.
Langfristig gehört Kernenergie zudem zu den wettbewerbsfähigsten Technologien zur Stromerzeugung, sobald sich die Investitionen in die Infrastruktur amortisiert haben.
Auch das Aufkommen kleiner modularer Reaktoren (SMR) und von Mikroreaktoren verändert die Situation. Im Gegensatz zu klassischen Kernkraftwerken vom Typ EPR, die enorme Investitionen und Bauzeiten von zehn bis 15 Jahren erfordern, werden diese Reaktoren mit einer geringeren Leistung von in der Regel bis zu 300 MW weitgehend industriell vorgefertigt. Dadurch können die Stückkosten und die Zeit bis zur Inbetriebnahme reduziert werden. In einem Land, das bereits über Erfahrung mit Kernenergie verfügt, wird die Realisierungszeit auf etwa fünf Jahre geschätzt.
Zudem sollen sie höhere Sicherheitsstandards bieten – ein wichtiges Argument für Länder, die bislang noch nicht über umfassende nukleartechnische Fachkenntnisse verfügen.
Doch die Herausforderungen bleiben zahlreich. An erster Stelle stehen die Kosten: Selbst bei kleineren Reaktoren sind die Anfangsinvestitionen für ein Atomprogramm hoch, insbesondere für Volkswirtschaften, deren finanzieller Spielraum ohnehin begrenzt ist.
Die zweite Herausforderung betrifft Fachkräfte und Institutionen. Auf dem Kontinent herrscht ein erheblicher Mangel an ausgebildeten Nuklearexperten und leistungsfähigen Aufsichtsbehörden. Länder wie Kenia und Ghana versuchen, diese Defizite durch eine enge Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zu beheben.
In afrikanischen Staaten mit wenig oder keiner Erfahrung im Nuklearbereich könnte die Einführung von SMR daher bis zu zwölf Jahre dauern – deutlich länger als die fünf Jahre, die für bereits entwickelte und erfahrene Märkte angenommen werden.
Hinzu kommt, dass die Erinnerung an die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima weiterhin die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Technologie beeinflusst – auch in afrikanischen Ländern, deren Bevölkerung bislang häufig nur wenig über das Thema informiert ist.
Zugang zu Finanzierungen beginnt sich zu öffnen
Eine bedeutende Wende erfolgte im Juni 2025, als die IAEO eine bislang beispiellose Vereinbarung mit der Weltbank unterzeichnete. Damit wurde eine langjährige Blockade bei der finanziellen Unterstützung ziviler Kernenergieprojekte in Entwicklungsländern beendet.
Die Vereinbarung eröffnet den Weg für eine stärkere technische und finanzielle Unterstützung. Im Mittelpunkt stehen dabei der Austausch von Fachwissen, die Verlängerung der Laufzeiten bestehender Reaktoren sowie die beschleunigte Einführung von SMR, die als besser an die Bedingungen einkommensschwächerer Länder angepasst gelten.
Vor diesem Hintergrund entwickelt auch Togo seine eigene Nuklearstrategie weiter und setzt dabei gezielt auf kleine modulare Reaktoren anstelle konventioneller Kernkraftwerke, die für das Land finanziell kaum zu stemmen wären.
Diese Ausrichtung teilen mehrere afrikanische Staaten, die in dieser Technologie einen realistischeren Weg zu einer stabilen und CO₂-armen Energieversorgung sehen, die zugleich die bereits aufgebauten Solarkapazitäten ergänzen könnte.
Dennoch kann die Kernenergie – unabhängig von der eingesetzten Technologie – den dringenden Energiebedarf des Kontinents nicht allein decken. Nach Ansicht der meisten Experten dürfte sie vielmehr langfristig Bestandteil eines vielfältigen Energiemixes werden, der Solarenergie, Wasserkraft und künftig auch Kernenergie miteinander verbindet. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Finanzierung, Fachkompetenz und regulatorische Rahmenbedingungen mit den ehrgeizigen Plänen Schritt halten können. (Quelle: togonews)