
Von *Volker Seitz • Seit 1989 machen die Vereinten Nationen am 11. Juli mit dem Weltbevölkerungstag (World Population Day) auf die Herausforderungen und Auswirkungen des Bevölkerungswachstums aufmerksam. Achgut.com widmet dem Thema Bevölkerungs-Wachstum und Entwicklungspolitik heute einen Schwerpunkt.
Aktuell wächst die Weltbevölkerung jährlich um etwa 82 Millionen Menschen. Alle 4,5 Tage um eine Million. Die meisten leben in ärmeren Ländern. Die Hälfte der Menschen, die in Afrika leben, sind jünger als 15 Jahre. Es gibt dort viele Teenagerschwangerschaften, was in den meisten Fällen ein Ende der Schulbildung bedeutet. Damit werden den Frauen und Mädchen auch die Chancen auf eine Ausbildung und ein eigenständiges Einkommen genommen. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung betont: „Nur wenn Mädchen und Frauen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung haben, können sie ein selbstbestimmtes Leben führen, nicht zuletzt in Hinblick auf Familienplanung.“
Die mediale Einheitsmeinung, dass viele Kinder die einzige Alterssicherung in Afrika darstellen, ist völlig absurd. In allen Ländern, in denen ich gearbeitet habe, habe ich beobachtet, dass in Armutsregionen die vielen Kinder die Eltern im Alter nicht wirtschaftlich absichern konnten, da sie selbst kaum das Nötigste zum Überleben hatten. War Willy Brandt etwa ein Rechtsextremer, weil er in seinem Buch „Erinnerungen“ schrieb: „Familienplanung gehört zu den ordnenden und unausweichlichen Elementen im Überlebenskampf der Menschheit.“
Bevölkerungswachstum wirkt als mächtiges Hindernis
Stabilität wird es nicht geben, solange das Bevölkerungswachstum jede Entwicklung verhindert und die Jugendlichen keine Arbeit finden. Die Dynamik der hohen Geburtenraten, die in Afrika zu immer größerer Armut führt, wird auf dem Kontinent und auch in Europa ruinöse Folgen haben. Mit 6,8 Geburten pro Frau hat das arme Sahelland Niger die höchste Geburtenrate der Welt. In Nigeria wird sich die Bevölkerung verdoppeln und bis 2050 400 Millionen erreichen. Eine Verdopplung der Bevölkerung wird auch im Kongo/Kinshasa, Angola, Tansania, Somalia, Tschad, der Zentralafrikanischen Republik und Mali erwartet.
Der Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten für die erwerbsfähige Bevölkerung wird zu zunehmenden Spannungen, wie derzeit gerade die fremdenfeindliche brutale Gewalt gegen andere Afrikaner in Südafrika, und weiterer Ernährungsunsicherheit führen. Wegen kultureller und religiöser Rücksichten propagieren afrikanische Politiker: Je mehr Menschen, desto stärker ist meine Ethnie. In muslimischen Ländern nagen Einehe und wenige Kinder am dortigen Männlichkeitsideal. Viele Kinder sind ein Statussymbol.
Es gibt wenig Einsicht, dass das ungebremste Bevölkerungswachstum die Entwicklungschancen erschwert. So hält der Präsident von Uganda, Yoweri Museveni (seit 1986 im Amt, 2026 unter fragwürdigen Umständen nochmals „gewählt“), die junge Bevölkerung seines Landes für „das größte Vermögen“, obwohl die meisten jungen Erwachsenen sich mit Gelegenheitsjobs herumschlagen müssen.
Die Ursachen von Hungersnöten sind selten naturbedingt, sondern in der Regel menschengemacht – dazu gehört auch das Bevölkerungswachstum. Um die Frage, ob die aktive Begrenzung der Zahl der Menschen, die Afrika bevölkern, die Armut auf dem Kontinent und die Migration eindämmen könnte, macht unsere angeblich so menschenfreundliche Entwicklungshilfe einen großen Bogen.
Was hat die Entwicklungshilfe mit dem Hungerproblem zu tun?
Das Entwicklungshilfeministerium (BMZ) weigert sich, seine Gelder an selbstbestimmte Familienplanung und Müttergesundheit zu koppeln. Aber wer möchte, dass Afrika seine Menschen selbst ernähren und in Lohn und Arbeit bringen kann, der sollte auch helfen, die dortigen Geburtenraten zu senken. Es wächst nämlich eine Generation heran, die wenig Aussicht darauf hat, dass das Land, in dem sie geboren wurde, sie einmal ernähren kann. Vielerorts in Afrika stehlen sich Regierungen und die „edelmütigen“ Helfer aus der Verantwortung. Durch das Nichtstun wird das Hungerproblem geschaffen, und die Weltgemeinschaft wird aufgefordert, das Problem zu lösen. Das nehmen die Hilfsorganisationen gerne auf und machen sich gerne unentbehrlich.
Als ich in den 1960er Jahren nach Guinea kam, gab es keine Hungersnöte. Die Landwirtschaft florierte, Reis wurde z.B. exportiert. Der Niedergang kam, nachdem der Diktator Sekou Toure die Kontrolle über die Landwirtschaft übernahm und mangels Anreizen für die Bauern die lokale Produktion erheblich zurückfiel.
Verstärkt wurde die Misere durch Lieferungen von kostenlosem Reis durch die Entwicklungshelfer. Da die Bauern nicht konkurrieren konnten, produzierten sie nur noch für den Eigenbedarf. Es wurde „geholfen“ – ohne Rücksicht auf das traditionelle Leben der Bevölkerung. Damals bekam meine Vorstellung, dass unsere Zuwendungen immer nur Gutes schaffen, erste Risse.
Seinerzeit konnten die Leute noch selbst Brunnen bauen. Heute schauen sie zu, wie ihnen ein Brunnen gegraben wird. Der Dokumentarfilmer Jean-Marie Teno aus Kamerun mokiert sich: „Wer braucht schon 20-jährige Freiwillige, die beim Brunnengraben helfen?“ Haben die schon jemals einen Brunnen in ihrer Heimat gegraben? Die wissen nicht einmal, wie ein Brunnen ausschaut.“ Teno ärgert sich, weil damit signalisiert wird, dass ungelernte weiße Teenager afrikanischen Brunnenbauern zeigen müssen, wie man ein Loch gräbt. Ein anschauliches Beispiel, warum „die große Mehrheit der Einheimischen mit der Entwicklungshilfe so gut wie nichts zu tun hat. Sie war und ist das Geschäft der ausländischen Geber, der Oberschicht in den Entwicklungsländern und des Heeres internationaler Experten. Das Volk steht am Rande.“ (Kurt Gerhard). Die „Hilfe“ führt zu nichts. Aber solange das Geld fließt, nimmt man’s.
Die Milliarden, die wir seit 60 Jahren immer nach denselben Methoden und Ansätzen mit hohem Personalaufwand ohne Breitenwirkung nach Afrika überweisen, haben meist nichts Gutes bewirkt. Unser Afrikabild wird immer noch von ideologiegesteuerten Wunschträumen und den sich selbst erhaltenden Hilfswerken geprägt. Etwa 400 staatlich finanzierte NGOs (sind schon deshalb keine Nichtregierungsorganisationen) tragen deutsche Lieblingsthemen wie Klima, Gendern und LGBTQ-Rechte auf den Kontinent. Kluge Afrikaner fordern: Weg mit der Ideologie und weg von den Almosen, hin zu Handel und statt den Rohstofflieferungen für den Norden lokale Wertschöpfung in afrikanischen Staaten. Das schafft Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum im eigenen Land.
Wer immer noch glaubt, die Milliarden Zahlungen für Entwicklungshilfe kämen den Armen zugute, irrt sich. „Geber, Experten und einheimische Funktionäre sind so sehr Nehmer, dass für die Masse der Bevölkerung wenig übrigbleibt.“ (Kurt Gerhardt)
Bevölkerungswachstum – wichtigste Ursache für Migration
Niemals wurden Leistungen mit Verhaltenserwartungen an Regime, die ihr Land heruntergewirtschaftet hatten, verbunden. Die Hilfsindustrie hat einen Sonderstatus, der scheinbar jegliche Kritik verbietet. Immer wieder Ausreden, warum korrupte Regime in Afrika unterstützt werden müssten. So werden immer mehr Afrikaner nach Deutschland kommen wollen. Der kamerunische Herrscher Paul Biya (seit 1982 an der Macht) hat in meinem Beisein öfter gesagt, dass er offene Grenzen in Europa möchte. Er will, dass die unruhige Jugend weggeht und sein autoritäres Regime nicht infrage stellt.
In der ARD behauptet Anne-Katrin Hellmann am 6. Juni 2026, dass Deutschland durch das Sparen beim Entwicklungsetat an „internationaler Bedeutung“ verlieren würde. Auch Bundeskanzler Merz glaubt, damit vermeintlichen politischen Einfluss zu wahren. Dass dies freilich schon lange nicht mehr gelingt, hat die gescheiterte Kandidatur zum UN-Sicherheitsrat mehr als deutlich gemacht. Die Reaktion der afrikanischen Staaten auf die als überheblich und belehrend empfundene deutsche Außenpolitik zeigte, dass finanzielle Hilfen keine automatische politische Gefolgschaft sichern. Aber bisher hat die Lehre aus dem Scheitern im UN-Sicherheitsrat zu keinem grundlegenden Umdenken geführt.
Meine Erfahrungen zeigen immer mehr, dass ohne Ausnahme Hilfe nur noch als Nothilfe, etwa im Falle von Naturkatastrophen, die außerhalb der menschlichen Kontrolle liegen, gegeben werden sollte.
Das Bevölkerungswachstum ist die wichtigste Ursache für Migration. Das ist natürlich in Berlin unter Experten mit Weitblick bekannt. Dennoch setzt die deutsche Hilfe andere Schwerpunkte als Familienplanung. Es gibt ganz wenige Chancen (die aber nicht konsequent genutzt werden) zu positiver Einflussnahme, wie die Finanzierung von Schulen, an denen Geburtenkontrolle ausdrücklich gelehrt wird. Wer informiert und gebildet ist, verhütet eher. Eine kostenlose Abgabe von Pille oder Spirale wäre hilfreich, aber auch die Bindung von Hilfsprogrammen an Maßnahmen zur Erfolg versprechenden Geburtenkontrolle.
Nur noch Meinungsführer in Afrika, die die „ideologische Temperatur dieser Debatte senken“ (Jay Murray Winter von der Universität Yale) und die an einer anderen Zukunft ihres Kontinents ein Interesse haben, sollten wir unterstützen. Der französische Ökonom und Afrika-Experte Serge Michailof sagte: „Es ist schwer zu glauben, dass dieses wahnsinnige Bevölkerungswachstum in einer Weltregion, die ohnehin unter derart vielen Handicaps und Drohszenarien zu leiden hat, nicht in diversen Tragödien münden wird.“
Zwang zur Mutterschaft
Die Mutterschaft ist in vielen afrikanischen Gesellschaften in der kulturellen Identität verankert. Kinderlosigkeit führt bei Frauen zu sozialer Stigmatisierung und Ausgrenzung. Auf der Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen kann auch die Literatur helfen. Die Nigerianerin Flora Nwapa thematisierte in ihrem Roman „Efuru“ Ehe, Polygamie und Kinderlosigkeit: „Es war ein Fluch, keine Kinder zu bekommen. In ihrem Volk wurde das nicht etwa als eines der zahllosen Missgeschicke der Natur angesehen. Es wurde als persönliches Versagen aufgefasst.“
Der kamerunische Schriftsteller Mongo Beti thematisiert in „Besuch in Kala oder wie ich mir eine Braut einfing“ die Kinderlosigkeit ebenfalls: „Die Voreingenommenheit meiner Mutter gegen Niams Frau war vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Frau meines Cousins nach vielen Ehejahren unverständlicherweise noch immer keine Kinder bekommen hatte. Kinderlosen Frauen bleibt bei uns das Los nicht erspart, mit einem Bann belegt zu werden.“
Sefi Atta, eine auch in Deutschland häufig gelesene nigerianische Schriftstellerin, schreibt in ihrem Roman „It’s my turn“: „Du weißt, dass eine Frau nicht verheimlichen kann, wenn sie unfruchtbar ist. Wenn ein Mann zeugungsunfähig ist, muss niemand davon erfahren. Verstehst Du? Die Frau sucht jemand anders, um ein Kind zu zeugen, und hält das Ganze geheim … traditionelle afrikanische Samenspende … Wie viele mutterlose Kinder haben wir hier? Und trotzdem gilt bei uns das Gebären immer noch als das Höchste. Du musst Kinder kriegen, du musst Kinder kriegen, um jeden Preis.“
Gut ausgebildete Frauen werden selbstbewusster und definieren ihren gesellschaftlichen Wert nicht mehr ausschließlich über die Mutterrolle. Vereinzelt gibt es von der Merck Foundation Aufklärungskampagnen wie „More Than a Mother“ von lokalen und traditionellen Persönlichkeiten z.B. in Ghana, Kenia, Nigeria, Togo und Uganda, um kulturellen Wandel einzuleiten, dass der Wert einer Frau nicht über ihre Gebärfähigkeit definiert wird.
Länder wie Mauritius, Seychellen, Botswana, Ruanda, Äthiopien, Ghana und Senegal haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Demografie und Entwicklung gibt. Die gesunkenen Geburtenraten haben eine positive wirtschaftliche Entwicklung zur Folge. Diese Staaten haben in den Bildungssektor und das Gesundheitssystem investiert, den Zugang zu den Mitteln der Familienplanung verbessert und die Müttersterblichkeit erheblich reduziert. Freiwillige Familienplanung hat die Entwicklungschancen dieser Länder deutlich verbessert. Wenn Frauen den Abstand zwischen den Geburten kontrollieren können, werden sie besser am Erwerbsleben teilnehmen und ihr Einkommen steigern. ((Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)