*Fatimoh Danjuma | Juni 2026

Ein Staat, der seine Kinder nicht schützen kann, hat jegliche Legitimation verloren
Dies ist keine rhetorische Zuspitzung. Es ist die nüchterne Bilanz eines Landes, in dem Schulkinder zur am leichtesten erbeutbaren Ware geworden sind und in dem die Regierung, deren erste Pflicht ihr Schutz wäre, Monat für Monat beweist, dass sie dieser Pflicht nicht nachkommt. Was folgt, ist die Geschichte eines Versagens, seiner Vorgeschichte und globale Mitverantwortung einer untätigen Staatengemeinschaft.
Die Straßen von Ibadan brennen
Im glühenden Juni 2026 strömten Tausende auf die Straßen von Ibadan, der alten Hauptstadt des Bundesstaates Oyo und einer der größten Städte Westafrikas. Eltern, Lehrer, Schüler und Aktivisten marschierten mit Plakaten, ihre Stimmen übertönten den Lärm des Verkehrs und des Alltags. Ihre Forderung war eindeutig: „Bringt unsere Kinder zurück. “ Dieser Protest war kein spontaner Ausbruch, sondern die heftigste Eruption eines Zorns, der sich über zwei Jahrzehnte aufgestaut hatte.
Der Auslöser: am 15. Mai 2026 stürmten bewaffnete Kriminelle drei Schulen im Bezirk Oriire. Sie verschleppten 46 Menschen, darunter Kinder im Alter von gerade einmal zwei Jahren sowie sieben Lehrerinnen und Lehrer. Ein Mathematiklehrer, Michael Oyedokun, wurde während des Überfalls kaltblütig erschossen. Anschließend flohen die Angreifer mit ihren Opfern in den dichten Wald des Alten Oyo-Nationalparks.
Die Nigeria Union of Teachers rief zum unbefristeten Streik auf. Studenten blockierten Straßen. Gruppen wie die ‚Take-It-Back‘-Bewegung und die Nationale Vereinigung Nigerianischer Studenten organisierten Solidaritätsaktionen im ganzen Land. Ihre Botschaft war unmissverständlich: „Es reicht. “ Die Sicherheitskrise Nigerias hat sich zu einer der größten und schmerzhaftesten Herausforderungen der modernen Geschichte des Landes entwickelt.
In vielen Regionen Nigerias, besonders im Norden, verbreiten Entführungen, Schulangriffe und bewaffnete Gewalt Angst und Schrecken. Was einst als vereinzelte Überfälle begann, ist zu einem nationalen Notstand geworden, der die Wirtschaft lähmt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht.
Ein Jahrzehnt des Grauens: Von Chibok über Dapchi bis Damaska
Um die Wut in Ibadan zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen: eine endlose Aneinanderreihung von Gräueltaten, die die Nation betäubt und die westlichen Länder nur in den spektakulärsten Momenten aufschreckte. Die Welt erinnert sich an Chibok: Im April 2014 entführte Boko Haram-Terroristen 276 meist christliche Mädchen aus einer Schule im Bundesstaat Borno. Die Kampagne #BringBackOurGirls erregte kurzzeitig weltweite Aufmerksamkeit. Doch selbst Jahre später sind viele der Mädchen noch immer verschwunden.
Seitdem wiederholen sich ähnliche Angriffe. In Bundesstaaten wie Zamfara, Kaduna, Niger und Katsina wurden Schüler entführt, Gemeinden vertrieben, Familien in Trauer gestürzt. Die Zahlen sind erschütternd, die Reaktionen der Regierung sowie der Welt geprägt von Gleichgültigkeit.
Nur wenige erinnern sich an Damaska. Im März 2015 überfielen Boko-Haram-Kämpfer das Dorf Damaska im Bundesstaat Borno. Sie entführten über 500 Frauen und Kinder. Die Welt schaute weg. Es waren keine prominenten Opfer darunter, keine Eltern mit Einfluss oder Celebrity-Status. Es waren einfache Menschen, Bauern und Handwerker, die im globalen Nachrichtenzyklus als verzichtbar galten. Im Dezember 2020 entführte Boko Haram 344 Jungen aus der Government Science Secondary School in Kankara. Wochen später kamen sie frei, doch die Welt wurde daran erinnert, dass der Terror nie endete. Im selben Monat verschleppten Bewaffnete 80 Schüler aus Kagara, Niger. Im Februar 2021 entführten sie 279 Mädchen aus Jangebe, Zamfara. Bis Mitte 2021 erlebte Nigeria fast monatlich Schulentführungen. Seit 2014 wurden Tausende Kinder verschleppt. Dies ist kein gewöhnliches Verbrechen. Es ist ein Krieg gegen Nigerias Zukunft, vor allem gegen seine Töchter.
Entführung als Alltag: Die Ökonomie des Terrors
Für Außenstehende wirken Schulentführungen wie dramatische Einzelfälle. Für Nigerianer sind sie zum Alltag geworden. Entführungen geschehen überall: auf Autobahnen, in Städten, auf Feldern. Organisierte Banden operieren entlang der Hauptstraßen. Reisende werden ausgeraubt und verschleppt, Bauern von ihren Feldern entführt, Geschäftsleute in Städten gekidnappt.
Die Lösegelder sind für die meisten unbezahlbar. Summen in Millionenhöhe zwingen Familien, Land, Vieh und Hausrat zu verkaufen. Wer nicht zahlen kann, riskiert den Tod des Entführten. Selbst bei Zahlung gibt es keine Garantie, dass die Opfer lebend zurückkehren. In einem Video flehten kürzlich ein Schulleiter und Lehrer Angehörige und Freunde, die Zahlung von 100 Millionen Naira, etwa 75.000 Euro, doch zu leisten.
Während multinationale Konzerne ihre Führungskräfte versichern, diese mit gepanzerten Fahrzeugen und schwer bewaffneten privaten Sicherheitskräften ausstatten, bietet der Staat für viele Nigerianer keine Hilfe. Es gibt keine Behörde, die Verhandlungen führt oder Lösegelder übermittelt. Familien stehen allein da, oft schweigend, aus Angst, die Polizei könnte die Situation verschlimmern. Für Millionen Nigerianer ist der Staat kein Beschützer. Er ist schlicht und ergreifend abwesend.
Tinubus gebrochene Versprechen: Keine Gnade, keine Ergebnisse
Präsident Bola Tinubu kam im Mai 2023 mit dem Versprechen der Erneuerung an die Macht. In der Sicherheitspolitik sprach er martialisch und eindeutig. Seine Regierung werde Banditen, Terroristen und organisierten Verbrechern gegenüber „keine Gnade“ zeigen. Er schwor, das Banditentum im Nordwesten Nigerias zu beseitigen, die Reste von Boko Haram zu zerschlagen und das Land wieder sicher zu machen. Er sagte das immer wieder, mit der Überzeugung eines Mannes, der seinen eigenen Worten glaubt.
Als Tinubu im Mai 2023 sein Amt antrat, übernahm er eine komplexe Sicherheitslage. Jahrelange Aufstandsbekämpfung, Banditentum und ungelöste kommunale Konflikte. Seine Vorgänger hatten diese Entwicklung jahrelang ignoriert und vernachlässigt. Tinubus Regierung betonte wiederholt ihre Entschlossenheit, die nationale Sicherheit zu verbessern. Dazu kündigte sie verstärkte Militäroperationen, geheimdienstgestützte Interventionen und Reformen im Sicherheitssektor an. Doch die Realität spricht eine andere Sprache.
Drei Jahre später fällt das Urteil hart aus. Der Südwesten, einst relativ geschützt vor den schlimmsten Auswüchsen der Unsicherheit im Norden, blutet nun ebenfalls. Entführungen breiten sich von Borno über Katsina und Zamfara bis nach Oyo aus. Militärbasen im Bundesstaat Borno wurden von Aufständischen überrannt, Kommandeure und Soldaten getötet, Waffen, Fahrzeuge und Vorräte gestohlen. Das nigerianische Militär, das ohnehin einen schlechten Ruf hat und in der Bevölkerung aufgrund unprovozierter Angriffe auf Zivilisten wenig Unterstützung genießt, scheint unfähig zu sein, selbst seine eigenen Anlagen zu sichern, geschweige denn Kleinkinder aus Waldverstecken zu befreien obwohl es Milliarden Naira an Jahresbudgets verschlingt.
Die Reaktion der Regierung auf die Entführungen in Oyo war bezeichnend: Hochrangige Delegationen trafen erst Wochen nach dem Ereignis ein. Es wurden Versprechen gemacht, 1.000 Beamte einzustellen, Aufrufe zur Ruhe wurden erlassen. Währenddessen warteten Familien in Qual. Sie sahen Videos ihrer Kinder, in denen diese flehten, keine Soldaten zu schicken.
Die Forderungen nach Tinubus Rücktritt wuchsen von einem Flüstern zu einem Chor und schließlich zu einem Sturm. Oppositionspolitiker, zivilgesellschaftliche Führer und einfache Bürger fragen offen, ob dieser Präsident noch regierungsfähig ist. Tinubu signalisiert keinerlei Bereitschaft zum Rückzug. Im Gegenteil: Er hat bereits erkennen lassen, dass er bei der Präsidentschaftswahl 2027 eine zweite Amtszeit anstrebt und bezeichnet Forderungen nach seinem Rücktritt als „Ablenkung“. Ein Mann, der täglichen Entführungen, einem kollabierenden Sicherheitsapparat und Massenprotesten auf der Straße vorsitzt, wirbt für seine Wiederwahl. Die Dreistigkeit wäre bemerkenswert, wenn die Folgen für das Land nicht so verheerend wären.
Ein System fault von innen: Warum Tinubu nicht gewinnen kann
Tinubus Versagen in puncto Sicherheit ist nicht einfach eine Frage schwacher Entschlossenheit oder eine Verkettung unglücklicher Umstände. Es ist das Produkt eines Systems, das auf jeder Ebene funktionsunfähig ist und von innen heraus aktiv untergraben wird. Der Gouverneur des Bundesstaates Borno, Babagana Zulum, hat öffentlich bestätigt, was viele schon lange vermuteten. Boko Haram hat Informanten und Kollaborateure, die bis in die höchsten Ebenen der nigerianischen Streitkräfte und Politikern eingebettet sind. Der Hinterhalt, durch den Brigadegeneral Musa Uba, Kommandeur der 25. Task Force Brigade, sein Leben verlor, trug alle Merkmale von Insider-Informationen. Der Feind kannte seine Route. Als eine Rettungsaktion gestartet wurde, koordinierten die Truppen ihre Bewegungen über WhatsApp, sodass diese von den Terroristen mitverfolgt werden konnten.
Unterdessen haben Gouverneure einiger Bundesstaaten jahrelang heimlich Lösegelder an Entführer gezahlt, während sie selbst diese Praxis öffentlich verurteilten und mit jeder Zahlung die nächste Entführung indirekt finanzierten. Im Nachhinein muss die Schlussfolgerung aus dieser Praxis klar sein: Keine Zusammenarbeit mit Terroristen, kein Moratorium mit Kriminellen.
Verteidigungsbudgets verschwinden in einer „Kontraktokratie”, einem Geflecht aus gegenseitigen Gefälligkeitsaufträgen für Militärgüter und Ausrüstungsgegenstände, die jedoch nie bei den Soldaten ankommen. Reintegrationsprogramme für ehemalige Kämpfer produzieren häufig Doppelagenten, die zu den Aufständischen zurückkehren und frische Geheimdienstinformationen mitbringen.
Darüber hinaus ist Tinubu selbst häufig über längere Zeiträume abwesend und außer Landes, was Spekulationen über seinen Gesundheitszustand nährt und seinen politischen Gegnern Munition liefert. Zu seiner Entschuldigung lässt sich anführen, dass der Sicherheitsapparat, als er ihn übernahm, bereits von Korruption und Kollusion durchdrungen war. Jedoch, drei Jahre später, hat er weder den Willen noch die Kapazität gezeigt, um diesen effektiv zu säubern.
Ein Land verblutet: Die Eskalation, die niemand leugnen kann
Die Eskalation der Gewalt unter Präsident Tinubu ist keine Frage politischer Debatte mehr, sondern eine Tatsache: Sie ist wohl dokumentiert, messbar und sie beschleunigt sich. Allein das Agieren krimineller Banden forderte 2025 über 2.700 Todesopfer, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor.
Seit Tinubus Amtseinführung im Mai 2023 haben unabhängige Sicherheitsanalysten mehr als 13.000 Tote und über 9.200 Entführungsopfer dokumentiert. Die Nationale Menschenrechtskommission Nigerias stellte fest, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2025 mehr Menschen durch Banditen und Aufständische getötet wurden als im gesamten Jahr 2024. Im November 2025 wurden in vier nördlichen Bundesstaaten mindestens 402 Menschen, überwiegend Schulkinder, in nur einem Monat entführt – damit wurde sogar das Ausmaß der Chibok-Entführung von 2014 übertroffen, die die Welt damals kurzzeitig aufgerüttelt hatte.
Die Reaktion aus Washington war bezeichnend: Im Dezember 2025 startete das US-Militär auf Weisung Präsident Trumps Luftangriffe auf Ziele, die mit dem Islamischen Staat in Verbindung stehen. Die Luftwaffe bombardierte Ziele im nigerianischen Bundesstaat Sokoto auf nigerianischem Boden, weil das nigerianische Militär dies selbst nicht wirksam durchführen konnte oder wollte. Die Angriffe auf Zivilisten gingen dennoch fast ungehindert weiter.
Während die US-Angriffe auf Terroristen die Welt polarisierten und einige Medien den USA imperialistisches Eingreifen und postkoloniale Machtdemonstration vorwarfen, ignorierten scheinheilig dieselben Journalisten weitgehend das Leid der Familien der entführten und getöteten Kinder.
Beim jüngsten Zwischenfall kletterten in der Nacht vom 2. Juni 2026 bewaffnete Kriminelle über den Sicherheitszaun des Passbüros des nigerianischen Einwanderungsdienstes in Ogbomoso im Bundesstaat Oyo, überwältigten die diensthabenden Beamten, stahlen ein G3-Sturmgewehr sowie Munition und verschwanden im umliegenden Buschland. Zwei Beamte wurden verletzt; die Angreifer wurden nie gefasst. In der gleichen Nacht brachen Banditen in Zamfara im Nordwesten in ein Studentenwohnheim in Kaura Namoda ein und entführten sieben Studenten, während ein Student fliehen konnte.
Dies sind keine Einzelvorfälle. Sie scheinen gut geplant und orchestriert zu sein: der tägliche Rhythmus eines Landes, dessen Bundesregierung ihre territoriale Autorität verliert: nicht dramatisch, nicht mit einer einzigen Krise, sondern Vorfall für Vorfall, Nacht für Nacht, immer ein bisschen mehr.
Fragmentierung ohne Kompass: Das Gespenst der Auflösung
Nigeria steht nicht am Rand eines einzigen, sauberen politischen Bruchs. Es wird keine formelle Unabhängigkeitserklärung aus dem Norden geben, kein zweites Biafra, das von einem Podium aus angekündigt wird. Was Nigeria droht, ist etwas möglicherweise Gefährlicheres und weitaus schwerer Umkehrbares: eine langsame, gleichzeitige Fragmentierung, die das Land in mehrere Richtungen auseinanderzieht, ohne klare Verantwortlicher und ohne einen bestimmbaren Moment, in dem die Krise begonnen hätte.
Im Nordosten haben Boko Haram und sein Ableger, der Islamische Staat Westafrika-Provinz, ihre koordinierten Angriffe auf Militärbasen intensiviert, unterstützt von bewaffneten Drohnen, eine Technologie, die einen entscheidenden Wandel in den technischen Möglichkeiten markiert. Im Nordwesten haben Banditenführer de facto parallele Regierungsstrukturen über riesige unberührte Waldgebiete in den Bundesstaaten Zamfara, Katsina, Sokoto und Niger errichtet. Diese Männer sind nicht bloß Kriminelle. Einem berüchtigten Anführer wird nachgesagt, er verdiene durch illegalen Goldbergbau wöchentlich Beträge im Gegenwert von Hunderttausenden Euro, was ihn finanziell mächtiger macht als so manche Kommunalverwaltung. Bewaffnete Gruppen kontrollieren Straßen, besteuern Bauern und bestimmen über Leben und Tod in weiten Teilen des Territoriums. Die nigerianische Armee dringt nur gelegentlich ein und wenn doch, zahlt dafür einen hohen Preis mit erheblichen Verlusten an Soldaten, Fahrzeugen und Vorräten.
Im zentralen Norden Nigerias, dem sogenannten Middle Belt, hat die anhaltende Gewalt zwischen überwiegend christlichen Bauern und muslimischen Fulani-Hirten stark zugenommen, mit über 300 Toten in den Bundesstaaten Plateau und Benue allein zwischen April und Juni 2025. Einem einziger nächtlicher Angriff schwer bewaffneter Hirten auf ein Dorf in Benue fielen rund 150 Menschen zum Opfer. Eltern leben häufig in Angst um die Sicherheit ihrer Kinder, während Bauern Bedrohungen ausgesetzt sind, die die Nahrungsmittelproduktion und die ländlichen Lebensgrundlagen zerstören. Sie zwingen die Menschen, in bereits überfüllte Städte wie Lagos oder Port Harcourt im Süden zu fliehen, was zusätzlichen Druck auf die ohnehin überlastete Infrastruktur und den Arbeitsmarkt ausübt.
Im Südosten führt die Separatistenbewegung rund um die IPB, den ‚Indigenous People of Biafra‘ weiterhin einen Guerillaaufstand, bei dem Reisende angegriffen, Fahrzeuge in Brand gesteckt und Sit-at-home-Streiks durch Gewalt und Einschüchterung erzwungen werden. Ihr Anführer, Nnamdi Kanu, wurde im November 2025 wegen Terrorvorwürfen zu lebenslanger Haft verurteilt – ein Urteil, das die Bewegung nicht besänftigt hat und sie möglicherweise weiter anfachte.
Nigeria ist nicht Jugoslawien im Jahr 1991. Aber es driftet und die Richtung dieses Driftens führt nicht zur Kohäsion. Eine umstrittene, möglicherweise gewalttätige Wahl 2027 mit einem tief unbeliebten Amtsinhaber, der entschlossen ist, an der Macht zu bleiben, könnte den Auslöser liefern, der die langsame Auflösung in eine akute Krise verwandelt. Das Gerücht, dass Peter Obi die letzten Wahlen gewann, Tinubu sich aber durch Manipulation, von Kritikern oft als „Drogenboss von Lagos“ bezeichnet, sich selbst die Krone aufgesetzt habe, sind nie verstummt. Die Frage ist nicht, ob Nigerias Nachbarn und die weitere Welt betroffen wären, sondern wie schwer die Auswirkungen wären.
Tinubu und die Drogenvorwürfe: Gerichtsbelegt, nicht nur Gerücht
Der Begriff „Drogenboss von Lagos“ ist keine bloße politische Schmähung. Er hat eine dokumentierte Grundlage in US-amerikanischen Gerichtsakten. Im Jahr 1993 einigte sich Bola Tinubu in einem außergerichtlichen Vergleich mit dem US-Bundesgericht für den Northern District of Illinois auf die Einziehung von 460.000 US-Dollar, die laut Gericht Erlöse aus dem Drogenhandel darstellten und in finanziellen Transaktionen unter Verletzung von US-amerikanischem Recht involviert waren. Tinubus eigener Wahlkampfsprecher Bayo Onanuga bestätigte diesen Vorgang:
Die Wahl 2023: Manipuliert? Die Beweise sprechen für sich
Die Behauptung, Tinubu habe die Präsidentschaftswahl im Februar 2023 durch Manipulation gewonnen, ist ebenfalls mehr als Spekulation. Eine BBC-Untersuchung fand Beweise dafür, dass Ergebnisse in Rivers State manipuliert wurden: Im Bezirk Obio/Akpor zählte die BBC anhand offiziell hochgeladener Stimmzettelfotos 17.293 Stimmen für Tinubu, das offizielle Ergebnis lautete jedoch auf 80.239. Für Peter Obi zählte die BBC 74.033 Stimmen; das offizielle Ergebnis gab ihm lediglich 3.829. Ein Wahlbeamter, der bei der offiziellen Verkündung der Ergebnisse die manipulierten Zahlen vorlas, stellte sich als Person heraus, die laut der Bildungseinrichtung, für die er sich ausgegeben hatte, niemals dort angestellt gewesen war.
Die Wahlbeobachtungsgruppe Yiaga Africa stellte erhebliche Diskrepanzen zwischen ihren Parallelzählungen und den offiziellen Ergebnissen in Rivers und Imo State fest. Das gemeinsame Beobachtungsteam des National Democratic Institute und des International Republican Institute kam zu dem Schluss, die Wahl sei „weit hinter den berechtigten Erwartungen der nigerianischen Bürger zurückgeblieben“. Nic Cheeseman, ein auf Wahlmanipulation spezialisierter Wissenschaftler, schrieb in The Africa Report: „Es ist klar, dass die erste Art von Manipulation stattgefunden hat“, also konkrete Wahlbetrugshandlungen in bestimmten Regionen, auch wenn ein abschließender Beweis für eine zentral gesteuerte Gesamtmanipulation bis heute aussteht.
Die unabhängige Wahlkommission INEC räumte ein, Wahlbeamte aufgrund von „erheblichem Zeitmangel und Personalmangel“ ohne vollständige Überprüfung ihrer Identitätsdokumente eingestellt zu haben. Dass ein unbekannter Wahlbeamter bei der live im Fernsehen übertragenen offiziellen Erklärung gefälschte Zahlen vorlesen konnte, ohne entdeckt zu werden, beschreibt das Ausmaß des institutionellen Versagens oder der institutionellen Komplizenschaft.
Das Gespenst von End SARS: Wird der Staat wieder sein eigenes Volk angreifen?
Im Oktober 2020 füllte eine Generation die Straßen Nigerias, die endlich genug hatte. Die #EndSARS-Proteste gegen Polizeigewalt waren zunächst ein Musterbeispiel friedlicher, spontaner ziviler Mobilisierung: Junge Nigerianer forderten Würde und Rechenschaftspflicht. Die #EndSARS-Proteste von 2020 spiegelten auch tiefere Frustrationen im Land wider. Obwohl die Bewegung gegen Polizeigewalt gerichtet war, wurde sie zum Symbol einer breiteren Unzufriedenheit mit der Regierung, fehlender Rechenschaftspflicht und schwindendem öffentlichem Vertrauen in Sicherheitsinstitutionen.
Die Reaktion des damaligen Präsidenten Muhammadu Buhari, der einst durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war, war das Massaker an der Lekki-Mautstelle, bei dem Soldaten das Feuer auf friedliche Demonstranten in Lagos eröffneten und eine unbestimmte Anzahl unbewaffneter Zivilisten töteten. Die genaue Opferzahl ist bis heute umstritten, manche sprechen von mehreren hundert Toten; die Straflosigkeit ist absolut.
Dieses Muster ist kein Einzelfall. In der Geschichte Nigerias nach der Unabhängigkeit haben anfangs friedliche Proteste immer wieder unverhältnismäßige staatliche Gewalt provoziert. Während sich die Ibadan-Demonstrationen auf andere Städte ausweiten und der politische Druck auf die Tinubu-Regierung zunimmt, ist die zentrale Frage unangenehm, aber unvermeidbar: Wird die Regierung erneut auf Gewalt zurückgreifen, um Dissens zum Schweigen zu bringen? Die Sicherheitskräfte, die Kinder nicht vor Entführern schützen können, haben in der Geschichte bewiesen, dass sie gegenüber unbewaffneten Demonstranten mit Eifer vorgehen können. Dieser Widerspruch, gegenüber Terroristen hilflos, gegenüber Bürgern tödlich, ist vielleicht die schärfste Anklage gegen das, was nigerianische Staatsführung geworden ist.
Spontane Demonstrationen, die den Rücktritt von Präsident Tinubu fordern, sind in den letzten Tagen im ganzen Land ausgebrochen. In Städten wie Abuja, Lagos, Ibadan und Ogbomoso schwingen Menschen nigerianische Flaggen und halten Schilder hoch, die einen Führungswechsel fordern. Was bislang wie unorganisierte Demonstrationen erscheint, könnte bald zu einer massiven Massenbewegung werden, die durch Fakten Politik gestaltet. Die Regierung wird die Unterdrückung dieses Aufstands nicht länger kontrollieren können.
Jenseits Nigerias: Warum Westafrika und die Welt alarmiert sein sollten
Nigeria ist kein kleines Land. Mit einer geschätzten Bevölkerung von rund 250 Millionen Menschen ist es das bevölkerungsreichste Land Afrikas und liegt unter den drei größten Volkswirtschaften des Kontinents. Seine Stabilität und Fragilität strahlen nach außen mit einer Kraft, die nicht nur die gesamte Region, sondern einen ganzen Kontinent umformen kann und globale Lieferketten sowie Volkswirtschaften beeinflusst.
Ein Nigeria, das in Anarchie abgleitet, würde Flüchtlingsströme auslösen, die alles übertreffen, was Europa seit der Syrienkrise erlebt hat. Seine Grenzen berühren Niger, Tschad, Kamerun, Benin und andere Staaten, die bereits unter schwerem Druck durch Terrorismus, Putschregierungen und kollabierender Staatskapazität stehen. Die Sahelzone steht politisch bereits in Flammen. Wenn Nigeria, der Anker der Region, bricht, kollabiert die gesamte Architektur der westafrikanischen Stabilität.
Europa und die Welt profitieren mehr von Westafrika, als sie oft eingestehen: Kakao und Cashews, Kautschuk, Coltan, Rohöl und Gas, Holz, Gold und strategische Mineralien, die die Weltwirtschaft antreiben. Störungen der Lieferketten durch ein destabilisiertes Nigeria wären nicht nur in europäischen Fabriken zu spüren, sondern auf den globalen Rohstoffmärkten und bei den Preisen alltäglicher Güter. Die humanitäre Katastrophe würde europäische Ressourcen beanspruchen. Die Migrationsströme würden europäischen politischen Willen erfordern. Die Kosten der Untätigkeit übersteigen bei Weitem die Kosten des Engagements. Die Blockade der Straße von Hormus hat eindrucksvoll gezeigt, welche Auswirkungen die Unterbrechung globaler Lieferketten auf westlichen Volkswirtschaften hat.
Das bequeme Wegsehen des Westens: Warum hilft niemand?
Hier ist die Frage, die eine direkte Antwort verlangt: Warum tut die westliche Welt nicht mehr? Als russisch gestützte Kräfte die Souveränität der Ukraine bedrohten, war die westliche Reaktion, bei aller Komplexität, enorm: Milliardenhilfen an Waffen, Geheimdienstkooperation, Sanktionen, diplomatische Mobilisierung. Als dschihadistischer Terror Paris oder Brüssel traf, reagierte NATO‘s Maschinerie. Aber Tausende nigerianische Kinder, die Jahr für Jahr entführt werden, ein Land mit 250 Millionen Menschen, das auf den Status eines gescheiterten Staates zusteuert: Das generiert nur Achselzucken und kaum mehr.
Niger, Nigerias nördlicher Nachbar, ist zu einem Ausgangspunkt für die dschihadistische Expansion in Westafrika geworden. Seine Putschregierung hat die im Land stationierten französische Streitkräfte ausgewiesen und sich Russland zugewandt. Das Machtvakuum wird von bewaffneten Gruppen mit Verbindungen zu Boko Haram und dem ISWAP gefüllt. Die Sahelzone wird zu einem zusammenhängenden Terrorkorridor. Und während Iran und Katar von Kritikern beschuldigt werden, militante und terroristische Gruppen weltweit zu unterstützen, schauen europäische Politiker geflissentlich weg.
Aber da ist noch eine dunklere Frage. Die russische Außenamtssprecherin Maria Zakharova sowie der ehemalige Präsident Buhari und Burkina Fasos Anführer Ibrahim Traoré haben behauptet, dass Waffen, die westliche Nationen an die Ukraine geliefert haben, ihren Weg zu afrikanischen Terrorgruppen gefunden haben, die im Sahel und in Westafrika operieren. Waffen, die durch undurchsichtige Netzwerke zu eben jenen Extremisten fließen, die nigerianische Schulkinder entführen. Ob man diese Darstellung glaubt oder mit angemessener Skepsis behandelt: die zugrundeliegende Frage des Waffenschmuggels aus europäischen Konfliktgebieten in die Hände von Terroristen in Afrika erfordert ernsthafte, transparente Untersuchungen durch europäische Regierungen. Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Behauptungen zutrifft, trägt Europa eine direkte, wenn auch mittelbare Verantwortung für das Leid in Nigeria und darüber hinaus.
Warum schließt Europa die Augen? Ist afrikanisches Leid wirklich weniger wert als europäisches? Ist der strategische Wert der nigerianischen Stabilität tatsächlich unsichtbar für Hauptstädte, die die Folgen eines Gaza-Waffenstillstands bis auf den letzten politischen Prozentpunkt berechnen können? Oder liegt es schlicht daran, dass Westafrika, ohne eine gemeinsame Landgrenze mit der EU, bluten darf, ohne unmittelbare politische Konsequenzen? Müssen erst Millionen von Migranten Europa überschwemmen, bevor etwas passiert?
Das Schweigen der Moralvertreter
Es gibt noch ein weiteres Schweigen, das benannt werden muss. Menschenrechtsorganisationen und Frauenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, die normalerweise auf globalen Plattformen lautstark auftreten, sind bei anhaltenden, kraftvollen Kampagnen für die entführten Mädchen Nigerias auffallend abwesend. Black Lives Matter, mit Milliarden US-Dollar ausgestattet und gut vernetzt mit Journalisten und Medienfachleuten, hat bislang kein einziges Wort über das Leid in Afrika verloren. Organisationen, die enorme Ressourcen auf Debatten über Geschlechtsidentität in westlichen akademischen und politischen Kontexten verwenden, haben keine vergleichbare Energie mobilisiert, um dem zu begegnen, was nach jedem Maßstab eine der systematischsten Kampagnen von Gewalt gegen weibliche Bildung in der Gegenwart ist.
Das ist kein Wettkampf des Leidens. Aber es ist eine Frage der Prioritäten. Wenn die grundlegende physische Sicherheit und die Bildungsrechte von Tausenden von Mädchen im Globalen Süden nicht die gleiche anhaltende Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie institutionelle Debatten im Globalen Norden, dann hat die globale Menschenrechtsarchitektur ein Problem, das weit über Nigeria hinausgeht.
Auswirkungen auf die bevorstehenden Wahlen
Da die Unsicherheit anhält und die Kriminalität einen Keil in die Gesellschaft des Landes treibt, wird sie auch zu einem wichtigen Faktor in den nationalen politischen Diskussionen im Vorfeld der Wahlen in 2027. Sicherheit ist eines der Schlüsselthemen, an denen Nigerianer ihre Führung messen. Wenn deutliche Verbesserungen erzielt werden, stärkt das nicht nur das öffentliche Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung, Krisen zu bewältigen, sondern ist auch ein klares Signal für die Wirtschaft und potenzielle internationale Investoren. Wenn die Unsicherheit anhält, wird sie voraussichtlich ein zentraler Kritikpunkt in politischen Debatten bleiben.
Die Realität ist, dass Nigerias Herausforderungen in Sicherheitsfragen nicht allein durch militärische Aktionen gelöst werden können. Dauerhafte Lösungen erfordern stärkere Geheimdienstsysteme, bessere Polizeiarbeit, verbesserte Grenzkontrolle, Rechenschaftspflicht in Sicherheitsoperationen sowie langfristige Investitionen in Bildung, Beschäftigung und Gemeindeentwicklung sowie international Kollaboration.
Was sich ändern muss
Schulentführungen sind kein unvermeidliches Merkmal nigerianischer Existenz. Sie entstehen aus spezifischen, behebbaren Versäumnissen: jahrzehntelange Vernachlässigung der ländlichen Entwicklung, Korruption bei Sicherheitsaufträgen, Geheimdienste, die unfähig sind, in Aufstandsnetzwerke einzudringen und ideologischer Extremismus, dem man erlaubt hat, sich in ungeregelten Räumen auszubreiten.
Was erforderlich ist, ist kein weiteres Versprechen von Tinubu. Was erforderlich ist, ist eine grundlegende Überarbeitung der Militärdoktrin für asymmetrische Kriegsführung, echte föderale-staatliche Sicherheitskooperation, technologiegestützte Geheimdiensterfassung, die Bekämpfung der sozioökonomischen Bedingungen, die die Rekrutierungspipelines von Banden- und Terrornetzwerken speisen und robustes, ehrliches internationales Engagement. Der Westen kann helfen, indem er den globalen Geldfluss und den illegalen Handel mit Edelmetallen und Diamanten aufspürt sowie diejenigen sanktioniert und strafrechtlich verfolgt, die daran beteiligt sind.
Die Proteste in Ibadan sind ein Signal, keine Lösung. Sie repräsentieren ein Volk, das noch nicht aufgegeben hat, das noch immer glaubt, entgegen der Gewichte von Beweisen, dass das Einfordern von Besserem von ihrer Regierung das Risiko wert ist. Angesichts von Nigerias Geschichte gewaltsamer Repressionen ist dieser Glaube selbst ein Akt des Mutes, der von der Weltgemeinschaft anerkannt werden sollte.
Unterdessen befinden sich die Kinder von Oyo noch im Wald. Einige werden zurückkehren. Einige nicht. Sie alle – und die Zehntausenden vor ihnen – verdienen Besseres als eine Welt, die zuschaut, lakonisch mit den Achseln zuckt und weitermacht, als wäre nichts geschehen.
(Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung der Autorin *Fatimoh Danjuma Bintu aus Benue State. Sie lebt und arbeitet derzeit in Lagos, Nigeria, und hat einen Abschluss in Gesundheitstechnologie. Sie setzt sich dafür ein, verlässliche Informationen sowie politische und wirtschaftliche Zusammenhänge aus ihrem Land und Westafrika verständlich einzuordnen).