Filmrezension / Neu im Kino: „On the border – Europas Grenzen in der Sahara“

 Filmrezension / Neu im Kino: "On the border - Europas Grenzen in der Sahara"

Agadez im Norden von Niger ist der Mittelpunkt dieser Dokumentation. Die traditionsreiche Handelsstadt hat sich in der Vergangenheit durch den Karawanenhandel als wichtiger Knotenpunkt und als historisches islamisches Zentrum herausgebildet.

Es ist das Ziel der Sahara-Reisenden in das Air Gebirge und der Wüste Ténéré. Das Weltkulturerbe der Lehmarchitektur mit dem Wahrzeichen der Moschee aus dem 15. Jahrhundert zieht zahlreiche Besucher:innen an. Berühmt ist der Siberschmuck: wie das Kreuz von Agadez. Die Lederhandwerker produzieren Kamelsättel, Decken und Kissen in den Farben Türkis und Rot, sowie mit Leder überzogene Schmuckdosen.

Die Rallye Paris-Dakar, die in Agadez Zwischenstation machte, erhielt in jedem Jahr weltweite Aufmerksamkeit. Jedoch ist aufgrund der politischen Situation dieses Autorennen nicht mehr möglich. Ebenso sind die Flugverbindungen nach Paris ausgesetzt. Seit 2008 ist diese Gegend als Hochrisikozone eingestuft.

Der Film: Gezeigt werden Bilder der Europäischen Capacity Building (ECUCAP). Ihr Ziel ist es, die Migration in die europäischen Staaten zu verhindern. Der bisherige Weg durch die Sahara nach Libyen soll durch dieses Abkommen gestoppt werden. Schleusertätigkeiten sind mit harten Strafen sanktioniert, um den Transport von Menschen durch die Wüste abzu­blocken.

Die Europäische Grenzpolitik soll in Agadez das Beispiel einer gelungenen Migration umsetzen.

Im Rahmen dieses Programmes trainiert eine Berliner Polizistin die Polizei vor Ort, um sie auf einen Einsatz vorzubereiten. Zudem sollen mit dieser europäischen Initiative Jobs geschaffen werden. Eine Milliarde Euro sind dafür investiert worden.

Angela Merkel hat auf ihrer Auslandsreise dieses so dargestellte erfolgreiche Projekt besucht.

Die Migrationspolitik der EU hat nach Ablauf des sechsjährigen Mandats ihr Ziel nicht erreicht.

Nach dem Putsch von 2023, ist eine Militärjunta an der Macht, die enge Beziehungen zu Russland und China unterhalten.

Dokumentation zeigt die Blickwinkel von drei Protagonist:innen, begleitet von einem Filmteam über einen Zeitraum von fünf Jahren. Nicht Zahlen über die Migration stehen im Zentrum des Films. Vielmehr sind die Geschichten von drei Personen die wesentlichen Punkte. Der Dokumentarfilm lenkt den Blick auf das Leben in der Stadt Agadez, aufgezeigt aus verschiedenen Perspektiven.

Die Radiojournalistin Tilla Amadou, von Radio Nomad informiert in ihren Sendungen über die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation. In der Berichterstattung geht sie auf die Probleme von Frauen, auf die Prostitution und die Armut ein. Sie führt Gespräche mit unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung, die sie in ihre täglichen Radiosendungen einbaut. Auch die anstehenden Wahlen spricht sie engagiert an.

Ahmed Tizie, der Schmuckhändler und Touristenführer, spricht sieben Sprachen. Er amüsiert sich auf Deutsch über das bayerische Bier.

Von der einst früheren hohen Nachfrage nach Original-Tuareg-Schmuck ist aufgrund der fehlenden Tourist:innen wenig übriggeblieben. Ahmed erzählt vom Fernbleiben der Touristen und Kunden. Seine Lebensgrundlage ist dadurch weggebrochen.

Die Entführung und Ermordung seiner Tochter trifft ihn schwer. Seiner Einschätzung nach besitzt Gültigkeit „Nur wer nichts zu essen hat, wird Terrorist“: ohne Schulbildung gibt es keine Arbeit und auch nicht die Möglichkeit, sein Leben selbst zu gestalten „.

Der ehemalige Bürgermeister der Stadt Agadez, Rhissa Feltou, greift aktiv in die Politik ein. Trotz hoher Zustimmung auf der lokalen Ebene gelingt es ihm nicht, auf nationaler Ebene Stimmen für sich zu sammeln.

Nicht nur der Baum voller blauer und schwarzer Plastiktüten beschäftigt ihn. Er versucht vergeblich, den Baum vom Plastik mit einer langen Stange zu befreien. Für den Berg von angesammeltem Müll sieht er enormen Handlungsbedarf.

Seine Frau und seine Kinder leben in Straßburg. Er versteht sich als Mittler zwischen zwei Kulturen: der Kultur der Tuareg und der europäischen. Agadez, seine Heimatstadt, möchte er nicht verlassen.

Das Filmteam hat in jahrelanger Arbeit und der Kooperation mit nigrischen Fachleuten

eine vertrauensvolle und offene Atmosphäre geschaffen. Diese Dokumentation setzt sich auseinander mit der Überwachungskonzeption der Europäischen Union und den Lebensbedingungen vor Ort. Die Dreharbeiten sind beendet mit dem Militärputsch von 2023. Das Team muss seine Arbeit einstellen.

Mit diesem Dokumentarfilm ist es den österreichischen Regisseuren Igor Hasenberger und Gabriela Schild gelungen, ihre Langzeitbeobachtungen mit den Veränderungen in der Region zu verknüpfen.

Entstanden ist damit ein sehenswerter Film, der ausdrucksvoll die Erzählungen der in Agadez lebenden Personen in den Fokus rückt.

Die roten Lehmbauten, die Moschee und eine unendlich erscheinende Wüstenlandschaft dienen als beeindruckende Kulisse. (Theresa Endres).