Friedensnobelpreis 2026 geht an Südafrikanerin Navanethem „Navi“ Pillay

U.S. Mission Geneva/ Eric Bridiers

Der Friedensnobelpreis 2026 geht an eine Persönlichkeit, die mit außergewöhnlichem Mut und Integrität den Weg zu einer umfassenderen internationalen Rechtsordnung geebnet hat. Die diesjährige Preisträgerin hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord strafrechtlich verfolgt werden.

Navi Pillays Engagement für universelle Rechtsgrundsätze und ihr unerschütterlicher moralischer Kompass ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre lange Karriere. Sie wurde während der Apartheid in Durban, Südafrika, in eine Familie indisch-tamilischer Herkunft geboren. Pillay wurde Rechtsanwältin und juristische Wegbereiterin, die sich gegen tief verwurzelte strukturelle Diskriminierung, Rassentrennung und Ausgrenzung stellte. Von ihrer frühen Tätigkeit als Verteidigerin Nelson Mandelas und anderer Gegner der Apartheid bis hin zu ihrer Arbeit als Richterin in einigen der bedeutendsten internationalen Gerichtsverfahren unserer Zeit lässt sich eine klare Kontinuität erkennen.

Die diesjährige Preisträgerin hat den Geltungsbereich und die Wirkung des Völkerrechts erheblich erweitert. Sie war Richterin am Obersten Gerichtshof in Südafrika, am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda und am Internationalen Strafgerichtshof. Sie bekleidete das Amt der Hohen Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte und stand bis vor Kurzem der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete vor. Heute ist Navi Pillay als Richterin am Internationalen Gerichtshof in dem Verfahren tätig, in dem Myanmar des Völkermords beschuldigt wird.

In historischen internationalen Gerichtsverfahren hat sie gezeigt, dass rechtliche Maßnahmen dazu beitragen können, Kriegshandlungen und Gewalt zu verhindern. Navi Pillay hat außerdem die Institutionen des Völkerrechts gestärkt. Ihre Unabhängigkeit, ihre Fachkompetenz und ihre Standhaftigkeit haben sie zu einer der angesehensten internationalen Juristinnen unserer Zeit gemacht.

Der erste Friedensnobelpreis wurde vor 125 Jahren verliehen. Schon damals betonte das norwegische Nobelkomitee die Bedeutung der Konfliktlösung durch das Völkerrecht – ein Thema, das in der gesamten Geschichte des Friedensnobelpreises eine zentrale Rolle gespielt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Geltungsbereich des Völkerrechts erheblich ausgeweitet, insbesondere durch die Gründung der Institutionen der Vereinten Nationen. Die grundlegende Erkenntnis lautete, dass dauerhafter Frieden auf Rechtsgrundsätzen beruhen muss und nicht auf dem Willen der Mächtigen oder einem fragilen Gleichgewicht der Kräfte. In den Nachkriegsjahrzehnten wurden zusätzliche rechtliche Mechanismen geschaffen. Nach dem Ende des Kalten Krieges gewann diese Entwicklung weiter an Dynamik.

Allerdings war die regelbasierte internationale Ordnung nie vollkommen. Die mächtigsten Staaten haben sich häufig ihrer Verantwortung entzogen. In der Praxis führten völkerrechtliche Verfahren zu unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, wer der Täter und wer das Opfer war.

Dennoch haben wir erlebt, dass immer mehr Konflikte durch Diplomatie, Verträge und rechtliche Mechanismen gelöst werden, anstatt durch Drohungen, Gewalt und Krieg. Sowohl politische Entscheidungsträger als auch die Bevölkerung sind zu derselben Erkenntnis gelangt: Das Völkerrecht bildet eine Grundlage für eine friedlichere Welt.

In einer Zeit existenzieller Herausforderungen – darunter mehr Kriege und Konflikte, als die Welt seit Langem erlebt hat – ist das Völkerrecht nicht mehr nur eine Ergänzung zu Frieden und Sicherheit. Es ist eine absolute Notwendigkeit.

Gleichzeitig steht das System des Völkerrechts unter enormem Druck, und seine Institutionen werden angegriffen. Wir erleben eine Hinwendung zur Machtpolitik auf Kosten rechtlicher Rahmenbedingungen und der weltweiten Achtung von Recht und Gerechtigkeit. Wann immer Macht über Recht gestellt wird, untergräbt dies Stabilität, Vertrauen und friedliches Zusammenleben.

Mit der Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises möchte das norwegische Nobelkomitee die Welt daran erinnern, dass die Rechtsstaatlichkeit – sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene – das Fundament des Systems bildet, das wir geschaffen haben, um Frieden zu gewährleisten und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Frieden erfordert Gerechtigkeit.

Die Geschichte hat gezeigt, dass eine Welt ohne Rechtsstaatlichkeit ungerecht, unvernünftig und unmenschlich ist. Richterinnen und Richter – jene Menschen, die die schmale rote Linie zwischen Ordnung und Chaos bewahren – verdienen daher unsere höchste Anerkennung. Doch gerade heute, da diese Richter mit Sanktionen belegt und ihre Institutionen angegriffen werden, brauchen wir Menschen mit Mut, Weitsicht und Entschlossenheit – Eigenschaften, die Navi Pillay in ihrer richterlichen Tätigkeit verkörpert.

Navi Pillay hat Staaten und politische Führungspersönlichkeiten zur Verantwortung gezogen und Opfern von Gewalt und Konflikten Hoffnung gegeben. In allen Ämtern, die sie bekleidete, betonte sie die Verantwortung von Einzelpersonen und Staaten, die Rechtsstaatlichkeit zu achten. Darüber hinaus hat sie dazu beigetragen, die maßgeblichen Normen und Rechtsgrundsätze zu definieren.

Als der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda feststellte, dass Vergewaltigung und sexuelle Gewalt sowohl Verbrechen gegen die Menschlichkeit als auch Völkermord darstellen können, spielte ihr Einfluss eine entscheidende Rolle. Im selben Verfahren trug Pillay maßgeblich zu einem weiteren juristischen Durchbruch bei: Erstmals wurde ein Angeklagter allein aufgrund der Verbreitung von Propaganda wegen Anstiftung zum Völkermord angeklagt.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises 2026 steht in direktem Einklang mit dem Testament Alfred Nobels. Navi Pillay stärkt die Brüderlichkeit zwischen den Nationen und verleiht – indem sie den Einsatz internationaler Gerichte für Frieden und Gerechtigkeit systematisch vorantreibt – den Friedenskonferenzen in ihrer modernen Form Inhalt, Richtung und neue Impulse.

Navi Pillay gehört zu den großen Verteidigerinnen der internationalen Rechtsgrundsätze unserer Zeit. Ihre außergewöhnliche Karriere erinnert uns daran, wie wichtig es ist, die weltweite Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen, zu stärken und weiter auszubauen.

Navi Pillays Engagement für Gerechtigkeit und Menschenwürde ist eine Quelle der Hoffnung und Inspiration für alle, die sich für eine friedlichere Welt einsetzen.  (Quelle: nobelprize.org, Foto: Flickr)