Das Erbe von Sklaverei und Kolonialismus schürt bis heute den Rassismus

Das Erbe der Sklaverei und des Kolonialismus prägt weiterhin das Leben von Afrikanern und Menschen afrikanischer Abstammung. Darauf wies der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, am Donnerstag hin. Er forderte dringende Maßnahmen für eine Wiedergutmachung, die weit über finanzielle Entschädigungen hinausgehen müsse.

Mehr als 30 Millionen Menschen wurden gewaltsam aus Afrika verschleppt und zu einem Leben in Sklaverei gezwungen.

Dennoch hat sich bis heute kein Land, das an der Sklaverei oder am Kolonialismus beteiligt war, umfassend mit dieser Vergangenheit auseinandergesetzt.

Bei einem hochrangigen Dialog über historische Wiedergutmachung in Genf erklärte Türk, der transatlantische Sklavenhandel sei ein organisiertes Herrschaftssystem gewesen, in dem Millionen afrikanischer Männer, Frauen und Kinder wie Waren behandelt wurden.

Frauen und Mädchen seien besonders schweren Misshandlungen ausgesetzt gewesen, darunter sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt.

Türk betonte, dass die Folgen dieser historischen Ungerechtigkeiten bis heute spürbar seien. „Ihre Auswirkungen – ebenso wie die des Kolonialismus im Allgemeinen – bestimmen weiterhin, wer Zugang zu Chancen, Sicherheit und Macht hat und wer nicht.“

Die Forderungen nach historischer Wiedergutmachung würden zunehmend lauter, erklärte der UN-Hochkommissar. Einige Staaten, Universitäten, religiöse Gemeinschaften und Unternehmen hätten inzwischen begonnen, sich mit ihrer historischen Rolle bei der Versklavung von Afrikanern auseinanderzusetzen.

Rassismus im Alltag

Rassismus zeige sich in zahlreichen Bereichen des täglichen Lebens, etwa auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche sowie im Bildungs- und Gesundheitswesen, erklärte Türk. In einigen Regionen sei die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizei Gewalt gegen Menschen afrikanischer Abstammung anwende, um ein Vielfaches höher als bei anderen Bevölkerungsgruppen. Auch in Gefängnissen und innerhalb der Strafjustiz seien Menschen der afrikanischen Diaspora überproportional vertreten. Der UN-Menschenrechtskommissar warnte zudem davor, dass neue Technologien bestehende Ungleichheiten weiter verschärfen könnten.

Künstliche Intelligenz könnte rassistische Vorurteile verstärken

„Künstliche Intelligenz und andere Technologien reproduzieren bereits menschliche Vorurteile“, erklärte Türk. „Wenn wir nicht aufpassen, könnten sie den systemischen Rassismus gegenüber Afrikanern und Menschen afrikanischer Abstammung noch verstärken.“

Er betonte, dass historische Wiedergutmachung nicht allein als finanzielle Entschädigung verstanden werden dürfe. Vielmehr müsse sie auch die Aufarbeitung der historischen Wahrheit, offizielle Entschuldigungen, Initiativen zur Wahrheitsfindung sowie Gedenkstätten umfassen, die an die Erfahrungen und Leistungen von Afrikanern und Menschen afrikanischer Abstammung erinnern.

Weitere Maßnahmen könnten die Rückgabe geraubter Kulturgüter, Entschädigungszahlungen, Bildungs- und Aufklärungsprogramme sowie medizinische und psychosoziale Unterstützung zur Bewältigung generationenübergreifender Traumata sein.

Das UN-Menschenrechtsbüro (OHCHR) hat eine Reihe von Informationsmaterialien entwickelt, die Staaten dabei unterstützen sollen, Maßnahmen zur historischen Wiedergutmachung voranzubringen. Darin werden zentrale Handlungsmöglichkeiten und konkrete Beispiele vorgestellt, darunter auch offizielle Entschuldigungen.

Bisherige Maßnahmen reichen nicht aus

„Kein Staat hat die Schäden der Vergangenheit oder den heutigen systemischen Rassismus vollständig aufgearbeitet“, erklärte Türk. Er wies darauf hin, dass in vielen Ländern weiterhin Gesetze zur Bekämpfung von Rassismus fehlten. Weniger als jedes vierte Land verfüge über umfassende Antidiskriminierungsgesetze.

Türk forderte eine konsequentere Umsetzung bestehender Gesetze sowie gezielte Investitionen, um Hindernisse beim Zugang zu Gesundheitsversorgung, Wohnraum, Bildung, Justiz und Beschäftigung abzubauen. Afrikaner und Menschen afrikanischer Abstammung, insbesondere Frauen, müssten im Mittelpunkt aller Wiedergutmachungsbemühungen stehen.

Darüber hinaus sprach sich der UN-Hochkommissar für Reformen des internationalen Finanzsystems aus. Dazu gehörten Maßnahmen zur Verringerung untragbarer Schuldenlasten sowie eine stärkere Beteiligung afrikanischer Staaten an internationalen Entscheidungsprozessen.

Zum Abschluss seiner Rede erklärte Türk: „Ein Kind, das im Jahr 2026 geboren wird, sollte nicht die Last jahrhundertelanger rassistischer Diskriminierung und der Schrecken der Vergangenheit tragen müssen.“ (UNO)