
Hinter den offiziellen Zahlen und den Regierungsankündigungen zieht sich heute eine zentrale Frage durch die gesamte ivorische Kakaobranche: Wer entscheidet tatsächlich über den Preis, der an die Produzenten gezahlt wird?
Während der garantierte Kakaopreis, der für die laufende Kampagne auf 2.800 FCFA (ca. 4,25 Euro) pro Kilo festgesetzt wurde, in der nächsten Zwischenkampagne auf bis zu 1.800 FCFA (ca. 2,75 Euro) fallen könnte, wächst die Unzufriedenheit in den Produktionsgebieten. Für Hunderttausende von Plantagenbesitzern würde eine solche Senkung einen brutalen wirtschaftlichen Schock bedeuten und die tiefen Machtverhältnisse offenlegen, die den globalen Kakaomarkt strukturieren.
Ein „garantierter“ Preis – aber unter Vorbehalt
Offiziell ist es der ivorische Staat, der über den Kaffeekakao-Rat (Conseil du Café-Cacao, CCC) den Ab-Hof-Preis festlegt. Dieses System, das häufig als Schutzwall gegen die Volatilität der internationalen Märkte dargestellt wird, beruht auf dem Vorverkauf der nationalen Produktion: Rund 85 % des Kakaos werden im Voraus verkauft, der Rest als strategische Reserve zurückgehalten.
Auf dem Papier bietet dieses Modell den Produzenten Planungssicherheit. In der Praxis hängt der garantierte Preis jedoch eng von der Fähigkeit des Staates ab, den Kakao auf dem internationalen Markt abzusetzen. Und genau dort konzentriert sich die eigentliche Macht.
Das entscheidende Gewicht der Multinationalen
Die Côte d’Ivoire produziert rund 40 % des weltweiten Kakaos, doch der Export wird von einer Handvoll multinationaler Unternehmen dominiert, die unter anderem im GEPEX (Berufsverband der Kaffee- und Kakaoexporteure) organisiert sind. Diese Firmen kaufen den Großteil der ivorischen Kakaobohnen auf und kontrollieren Logistik, internationale Verarbeitung sowie den Zugang zu den Schokoladenmärkten.
In den vergangenen Monaten haben sie ihre Einkäufe verlangsamt, wodurch sich erhebliche Lagerbestände in den Häfen und im Landesinneren angesammelt haben. Offiziell wird diese Zurückhaltung mit der Volatilität der Weltmarktpreise begründet. Für viele Branchenbeobachter handelt es sich jedoch um eine Strategie des Drucks: Indem die Abnahmen verzögert werden, schwächen die Käufer das Stabilisierungssystem und erzwingen faktisch eine Abwärtsrevision des garantierten Preises. Die unmittelbare Folge: In ländlichen Gebieten sitzen Produzenten auf unverkäuflichen Bohnen und sind teilweise gezwungen, ihren Kakao unter dem offiziellen Preis zu verkaufen, um laufende Ausgaben wie Schulgebühren, Gesundheitskosten oder Lebensmittel zu decken.
Wenn der Weltmarkt das Gesetz diktiert
Zu diesem kommerziellen Druck kommt eine ungewöhnliche Überschusssituation hinzu. Die Kombination aus guter Ernte, Zufluss von Kakao aus Nachbarländern und der Anhäufung von Lagerbeständen aus der vorherigen Kampagne hat den lokalen Markt gesättigt. Dieser Überschuss, der eigentlich ein Vorteil sein könnte, wird zur Verwundbarkeit, sobald die dominierenden Käufer ihre Bestellungen reduzieren. Das Paradox ist bitter: Je mehr die Côte d’Ivoire produziert, desto mehr entgleitet ihr die Preissetzungsmacht – mangels vollständiger Kontrolle über die Wertschöpfungskette.
Der historische Preisanstieg auf den Weltmärkten hatte es erstmals ermöglicht, den Preis pro Kilo Kakaobohnen in der Côte d’Ivoire 2024 auf 1.800 FCFA anzuheben. 2025 sprang dieser Preis sogar auf 2.800 FCFA – in einem vorwahlpolitischen Kontext, der den Eindruck eines politischen Manövers des ivorischen Präsidenten erweckte. Der nun drohende erneute Preisverfall am Ab-Hof-Preis kündigt eine Rückkehr zur harten Realität des Weltmarktes an, der letztlich dem produzierenden Land Côte d’Ivoire seine Regeln aufzwingt. Diese Volatilität macht die Fragilität des ivorischen Modells deutlich, das stark von den Terminmärkten in London und New York abhängt, wo die Erwartungen der Händler und der Schokoladenindustrie ausgehandelt werden.
In diesem Kontext ist der Preis, der an den ivorischen Kakaobauern gezahlt wird, nicht mehr allein das Ergebnis einer nationalen Entscheidung, sondern das Produkt eines Geflechts externer Faktoren: Strategien internationaler Händler, finanzielle Arbitragen, weltweite Lagerbestände und Konsumprognosen.
Der Staat in der Defensive
Angesichts dieser Lage versucht der CCC, wieder die Initiative zu ergreifen. Mehrere Lösungsansätze werden geprüft:
- eine stärkere Mobilisierung der staatlichen Tochtergesellschaft Transcao Négoce zur Abnahme eines Teils der Überschüsse,
- strategische Lagerhaltung,
- der Rückgriff auf nationale Exporteure, um die Abhängigkeit von multinationalen Konzernen zu begrenzen.
Doch diese Hebel bleiben begrenzt, solange die lokale Weiterverarbeitung des Kakaos unzureichend ist. Derzeit werden nur 35 bis 40 % der ivorischen Produktion im Land selbst verarbeitet, was die Fähigkeit des Landes, Wertschöpfung zu erzielen und Einfluss auf die Preisbildung zu nehmen, erheblich einschränkt.
Am Ende der Kette sind die Plantagenbesitzer die Hauptleidtragenden. Eine Senkung um 1.000 FCFA pro Kilo – also eine Rückkehr zur früheren Situation – würde für viele Haushalte, von denen zahlreiche mit weniger als 100.000 FCFA pro Monat auskommen müssen, massive Einkommensverluste bedeuten. Diese strukturelle Prekarität führt zu Resignation, zur Aufgabe von Plantagen oder sogar zu illegalen grenzüberschreitenden Verkäufen. Für die Bauernorganisationen ist die Bilanz ernüchternd: Diejenigen, die den Reichtum erzeugen, kontrollieren weder dessen Preis noch dessen Bestimmung.
Eine zutiefst politische Frage
Hinter der Preisfrage des Kakaos verbirgt sich letztlich ein grundlegendes Problem wirtschaftlicher Souveränität. Solange die Côte d’Ivoire überwiegend Rohbohnen exportiert, bleibt sie den Entscheidungen externer Akteure ausgeliefert. Solange lokale Verarbeitung, Diversifizierung der Absatzmärkte und die Stärkung der Verhandlungsmacht der Produzenten unzureichend bleiben, wird der „garantierte“ Preis fragil sein.
Auf die Frage „Wer legt wirklich den Preis fest, der an ivorische Kakaobauern gezahlt wird?“ zeichnet sich daher eine immer klarere Antwort ab: Es ist weder der Bauer noch vollständig der Staat, sondern ein globalisierter Markt, der von wenigen mächtigen Akteuren dominiert wird. Und solange dieses Gleichgewicht nicht grundlegend reformiert wird, trägt jede Kakaokampagne das Risiko eines neuen sozialen Schocks in sich. (Quelle: afrik.com)