Kap Verde: Wenn Fußball den Blick der Welt auf ein Land verändert

Von Dr. Pierrette Herzberger-Fofana.
Kap-Verde: Die Lektion einer kleinen Nation

Die Fußball Weltmeisterschaft 2026 wird als jenes Turnier in Erinnerung bleiben, bei dem ein kleiner Inselstaat mit weniger als einer halben Million Einwohnerinnen und Einwohnern die Herzen der Welt eroberte. Kap Verde hat gezeigt, dass die Größe eines Landes nicht an seiner Fläche, seiner Einwohnerzahl oder seiner wirtschaftlichen Macht gemessen wird.

Mit Mut, Disziplin und außergewöhnlichem Teamgeist haben die „Tubarões Azuis“, die Blauen Haie, die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf einen Archipel gelenkt, der lange Zeit im Schatten der großen Fußballnationen stand.

Doch der Erfolg Kap Verdes geht weit über den Sport hinaus. Er erzählt die Geschichte einer kleinen Nation, die gelernt hat, aus ihrer geografischen Lage, ihrer Geschichte und ihrer Diaspora eine besondere Kraft zu entwickeln.

I. Wenn ein kleines Land plötzlich im Mittelpunkt der Welt steht

Kap Verde besteht aus zehn Inseln im Atlantischen Ozean, rund 470 Kilometer vor der westafrikanischen Küste. Das Land gehört zu den kleinsten Staaten Afrikas. Seine Bevölkerung ist geringer als die vieler europäischer Großstädte.

Und dennoch richteten sich während dieser Weltmeisterschaft plötzlich die Blicke der Welt auf Praia, Mindelo und die anderen Inseln des Archipels.  Die Landschaft des Archipels ist vulkanisch und zerklüftet. Neun der zehn Inseln sind bewohnt.

Im Norden liegen die Barlavento-Inseln, die „Inseln über dem Wind“: Boa Vista, Sal, São Nicolau, Santo Antão und São Vicente. Im Süden befinden sich die Sotavento-Inseln, die „Inseln unter dem Wind“: Brava, Fogo, Santiago und Maio.

Jede Insel besitzt ihren eigenen Charakter. Sal ist für seinen Sonnenschein bekannt, Boa Vista für sein angenehmes Klima, Brava als Blumeninsel und Santiago, die größte und bevölkerungsreichste Insel, für ihre fruchtbaren Landschaften.

Die Fußballer hatten etwas geschafft, das keine politische Kommunikationskampagne hätte erreichen können: Millionen Menschen wollten wissen, wo Kap Verde liegt, wer dort lebt, welche Sprache gesprochen wird und welche Geschichte dieses Land geprägt hat.

Fußball wurde zu einem Fenster, durch das die Welt auf Kap Verde blickte.

Dabei entdeckte sie weit mehr als eine erfolgreiche Nationalmannschaft.

II. Die Legende von der Entstehung Kap Verdes

Nach einer Legende, die mir meine Mutter oft erzählte, schüttelte der liebe Gott, nachdem er sein Schöpfungswerk vollendet hatte, Seine Hände über dem Atlantik aus. Aus dem Meer seien daraufhin zehn Inseln entstanden: Kap Verde.

Sie sollten symbolisieren, dass der Mensch sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen muss.

Diese Geschichte über die Entstehung Kap Verdes hat meine Kindheit begleitet. Sie wurde in meiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben. In keinem Buch habe ich sie bislang gefunden.

Ich glaube dennoch gerne an diese Legende, die mich als Kind so sehr faszinierte.

Ebenso erinnere ich mich an die Ladainhas: Zusammenkünfte mit Gebeten, Gesängen und Erzählungen, aber auch mit Festlichkeiten sowie mystischen und poetischen Anrufungen zu Ehren von Heiligen und bedeutenden Persönlichkeiten des Landes.

Und ich erinnere mich an die  Gesangs und Tanzrunden des Batuku bei Hochzeitsfeiern. Dabei dient ein Stoff als Perkussionsinstrument, begleitet von einer Vorsängerin und einem Chor. Die Texte greifen häufig gesellschaftliche Kritik, den Alltag oder historische Ereignisse auf.

II. Die Kraft einer weltweiten Diaspora

Kap Verde ist ein besonderes Land: Außerhalb des Archipels leben mehr Menschen kapverdischer Herkunft als auf den Inseln selbst.

Die Geschichte Kap Verdes ist deshalb auch eine Geschichte der Migration.

Dürreperioden, Hungersnöte und wirtschaftliche Not zwangen Generationen von Kapverdierinnen und Kapverdiern, ihre Heimat zu verlassen. Viele wanderten nach Senegal aus, später nach Portugal, Frankreich, in die Niederlande, nach Luxemburg, Italien und in die Vereinigten Staaten.

Doch die Entfernung hat die Verbindung zu den Inseln nicht zerstört. Im Gegenteil: Die Diaspora ist zu einem wesentlichen Bestandteil der kapverdischen Identität geworden.

Während der Weltmeisterschaft konnte man diese Verbundenheit besonders deutlich erleben. Von Lissabon bis Dakar, von Amsterdam bis São Tomé, von Luxemburg bis Paris, von Hamburg bis Bissau und weit darüber hinaus feierten kapverdische Familien jedes Spiel, als befänden sie sich wieder in Praia, Mindelo oder São Vicente.

Diese weltweite Gemeinschaft ist eine der großen Stärken des Landes.

Kap Verde zeigt damit auch anderen kleinen Staaten, welche politische, kulturelle und wirtschaftliche Kraft in einer Diaspora liegen kann, wenn sie nicht als Verlust, sondern als Teil der Nation verstanden wird.

III. Eine Geschichte von Widerstand und Selbstbehauptung

Kap Verde kann nicht verstanden werden, ohne seine koloniale Vergangenheit zu berücksichtigen.

Die Inseln waren unbewohnt, als sie im 15. Jahrhundert von portugiesischen Seefahrern besiedelt wurden. Aufgrund ihrer Lage wurden sie zu einem wichtigen Umschlagplatz des transatlantischen Sklavenhandels.

Aus dieser schmerzhaften Geschichte entstand jedoch eine eigenständige kreolische Kultur, in der sich afrikanische und europäische Einflüsse miteinander verbanden.

Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten dieser Geschichte ist Amílcar Cabral.

IV. Das Vermächtnis Amílcar Cabrals

Man kann die Geschichte Kap Verdes nicht erzählen, ohne Amílcar Cabral zu erwähnen.

Cabral war nicht nur einer der bedeutendsten Denker führenden Köpfe des Befreiungskampfes von Guinea-Bissau und Kap Verde. Er war auch ein bedeutender politischer Anführer, der früh erkannte, dass nationale Befreiung ohne kulturelle Selbstbehauptung unvollständig bleibt. Für Cabral war Kultur eine Form des Widerstands.

Cabral wurde am 12.September 1924  in Bafatá, im damaligen Portugiesisch-Guinea, als Sohn kapverdischer Eltern geboren. 1945 ging er nach Portugal, um Agrarwissenschaften zu studieren. Gemeinsam mit anderen Mitstreitern gründete er später die Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde, die PAIGC heute PAICV.

Cabral wurde im Januar 1973 in Conakry ermordet, zwei Jahre bevor Guinea-Bissau seine Unabhängigkeit erklärte. Die vollständige Verwirklichung jener Befreiung, für die er gekämpft hatte, erlebte er nicht mehr.

Doch seine Vorstellungen von Freiheit, Würde, Kultur und Bildung inspirierten nicht nur die Unabhängigkeitsbewegungen Guinea-Bissaus und Kap Verdes, sondern Generationen von Afrikanerinnen und Afrikanern in aller Welt. Sein Vermächtnis reicht deshalb weit über die Grenzen Kap Verdes hinaus.

Die Unabhängigkeit im Jahr 1975 eröffnete dem jungen Staat die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu gehen. Trotz begrenzter natürlicher Ressourcen und schwieriger geografischer Bedingungen entwickelte sich Kap Verde zu einem politisch stabilen Land.

Diese Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Arbeit und einer starken demokratischen Kultur.

Cabrals‘ Vermächtnis gehört auch zu meiner eigenen Familiengeschichte.

Zu Ehren dieses Freiheitskämpfers habe ich einem meiner Söhne seinen Namen gegeben. Jahrelang musste ich diesen Namen immer wieder erklären: Wer war Amílcar Cabral? Und wo genau liegt Kap Verde?

Dank der Tubarões Azuis werde ich zumindest die zweite Frage vermutlich sehr viel seltener beantworten müssen.

Der größte internationale Flughafen Kap Verdes auf der Insel Sal trägt Cabrals Namen.

Der Fußball hat nun für Millionen Menschen sichtbar gemacht, was Geschichte und Kultur längst hervorgebracht hatten.

Und wenn der Fußball Kap Verde der Welt neu vorgestellt hat, dann ist dieser Erfolg keineswegs aus dem Nichts entstanden. Er wurzelt in einer Geschichte, einer Kultur und einem Verständnis von Freiheit, die das Land seit Generationen prägen.

V. Kultur als Visitenkarte eines kleinen Landes

Lange bevor die Blauen Haie die internationale Fußballwelt begeisterten, hatte eine andere Kapverdierin ihr Land weltweit bekannt gemacht: Cesária Évora.

Die „barfüßige Diva“ brachte die Morna aus Mindelo auf die großen Bühnen der Welt.

Sie sang in kapverdischem Kreol über Liebe, Trennung, Sehnsucht und Heimat. Millionen Menschen verstanden ihre Sprache nicht und verstanden dennoch ihre Botschaft.

Mit ihrer Musik machte Cesária Évora Millionen Menschen mit der Morna bekannt, jenen sanften, melancholischen Liedern, in denen sich die Seele einer Nation widerspiegelt.

Cesária Évora hat gezeigt, dass ein kleines Land durch seine Kultur eine weltweite Präsenz entwickeln kann. Kap Verde ehrte Cesária Évora wiederum, indem es ihr Porträt auf die 2.000-Escudo-Banknote druckte.

Lange bevor der Fußball die Inseln einem neuen, weltweiten Publikum bekannt machte, hatte die Musik Kap Verde bereits um die ganze Welt getragen Heute  übernimmt der Fußball auf andere Weise eine ähnliche Funktion.

Musik und Sport sprechen universelle Sprachen. Sie überwinden Grenzen und schaffen emotionale Verbindungen zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht niemals für ein kleines Land im Atlantik interessiert hätten.

Kap Verde besitzt damit eine Form von „Soft Power“, die nicht auf wirtschaftlicher oder militärischer Stärke beruht, sondern auf Kultur, Glaubwürdigkeit, Sympathie und Identifikation.

VI. Die Blauen Haie verändern das Bild des Landes

Der Erfolg der kapverdischen Nationalmannschaft hat die internationale Wahrnehmung des Landes verändert.

Kap Verde wurde nicht länger nur als touristisches Reiseziel mit Sonne, Stränden und Musik wahrgenommen. Plötzlich stand das Land für sportliche Leistung, Disziplin, Fairness, Teamgeist und Selbstbewusstsein.

Gerade für kleine Staaten ist eine solche Sichtbarkeit von unschätzbarem Wert.

Denn internationale Aufmerksamkeit ist ungleich verteilt.

Große Staaten verfügen über diplomatische Netzwerke, Medienmacht und erhebliche finanzielle Ressourcen. Kleine Staaten müssen andere Wege finden, um wahrgenommen zu werden.

Sport kann ein solcher Weg sein.

Die Blauen Haie haben gezeigt, dass man keine Millionenbevölkerung braucht, um Millionen Menschen zu erreichen.

Sie haben Kap Verde eine Sichtbarkeit verschafft, die weit über das Turnier hinaus Bestand haben kann.

VII. Eine persönliche Geschichte

Für mich ist diese Geschichte auch persönlich.

Ich bin die Tochter eines Vaters aus Guinea-Conakry, wurde in Bamako geboren und wuchs in Dakar auf. Über meine Mutter bin ich Kapverdierin. Ich bin zudem die Enkelin von Nhu Naco, einer bekannten historischen Persönlichkeit Kap Verdes.

Deshalb ist der Erfolg der Tubarões Azuis für mich weit mehr als ein sportliches Ereignis.

Er berührt meine Familiengeschichte, die Erinnerung an meine Mutter und all jene Inseln, die in mir weiterleben.

Meine Mutter wäre heute sehr glücklich gewesen zu sehen, dass Kap Verde nun weltweit geliebt, bewundert und respektiert wird. Auch meine Cousinen in Praia werden diese Freude und diesen Stolz tief empfinden.

Kap Verde ist für mich deshalb nicht nur ein Land auf der Landkarte. Es ist Erinnerung, Herkunft und Zugehörigkeit.

VIII. Die Lektion der kleinen Nationen

Was können andere kleine Staaten aus der Geschichte Kap Verdes lernen?

Vielleicht zunächst dies: Größe ist relativ.

Ein Land kann geografisch klein sein und dennoch kulturell groß. Es kann nur wenige Einwohner haben und dennoch über eine weltweite Gemeinschaft verfügen. Es kann über begrenzte wirtschaftliche Ressourcen verfügen und dennoch durch Bildung, Kultur, Demokratie, Migration und Sport internationale Anerkennung gewinnen.

Die Geschichte Kap Verdes erinnert uns daran, dass kleine Staaten nicht dazu verurteilt sind, am Rand der Weltpolitik zu stehen.

Sie können ihre eigene Form von Einfluss entwickeln.

Die Blauen Haie haben dies auf dem Fußballplatz sichtbar gemacht.

Doch hinter ihrem Erfolg steht etwas Größeres: die Geschichte eines Volkes, das über Jahrhunderte gelernt hat, Entfernungen zu überwinden, seine kulturelle Identität zu bewahren und aus der Diaspora eine Stärke zu machen.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft dieser Weltmeisterschaft.

Der Erfolg Kap Verdes gehört nicht nur den Fußballern.

Er gehört den Menschen auf den Inseln, den Familien in der Diaspora, den Generationen, die das Land aufgebaut haben, und all jenen, die seine Kultur über die Grenzen hinweg lebendig gehalten haben. Er ist ein Sieg für alle kleinen Nationen, die sich weigern, zur Unsichtbarkeit verurteilt zu werden.

(Dr. Pierrette Herzberger-Fofana, ehem. Mitglied des Europäischen Parlaments, ehem. Co-Vorsitzende der ARDI-Intergroup im Europäischen Parlament Neta di Nhu Naco)