
Von *Volker Seitz • Ich lese in der Regel keine Bücher, die von menschengemachten Katastrophen handeln. Bei Judith Raupps Buch „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht. C. H. Beck 2026“ habe ich eine Ausnahme gemacht, da ich ihre Berichte als freie Reporterin in der Süddeutschen und in Schweizer Medien aus Goma seit Jahren mit großem Interesse gelesen hatte. Einen besseren Bericht aus erster Hand über den Ostkongo und Umgebung kenne ich nicht.
Judith Raupp beschreibt über Jahre den Alltag im Ostkongo und hat den Kongolesen darin selbst eine Stimme gegeben. Der Titel des Buches „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“ zeigt schon die Bedrohung und könnte eine abschreckende Wirkung haben. Ich empfehle, das Buch dennoch zu lesen, denn es ist eine Hommage an den Lebenswillen im Alltag, einem jahrzehntelangen Konflikt, der aus dem Fokus der Medien völlig verschwunden ist. Sie hat viel erlebt: Schießereien, den Nyiragongo-Vulkan-Ausbruch, Kidnappings, Vergewaltigungen, Korruption (Visumsverlängerung kostete 3.000 Dollar). Zu medizinischen Eingriffen musste sie viele hundert Kilometer weit reisen.
Sie schreibt über Ereignisse und Bräuche, über die ich mir auch schon Gedanken gemacht hatte, wie den Brautpreis. Auch im übrigen südlichen Afrika sind besonders auf dem Land Brautpreis-Zahlungen noch üblich. Verlangt werden Lebensmittel, Kleidung, Bargeld, mittlerweile auch Mobiltelefone bestimmter Marken, neueste TV-Geräte, Uhren und sogar Autos. Der Besitz von Rolex und Porsche ist in Afrika weiterhin nicht kriminell. Diese Tradition belastet nicht nur im Kongo viele junge Männer. Christliche Kirchen haben es nicht geschafft, dass Christen auf die Brautgabe verzichten oder den Brautpreis begrenzen. Verbindungen, die ohne Bezahlung des Brautpreises gegründet werden, sind verpönt. Als Frau Raupp eine Bekannte fragt, ob der Brautpreis nicht vielleicht abgeschafft werden sollte, sagt die künftige Braut: „Niemals würde ich jemanden heiraten, der mir vorher nicht seine Wertschätzung beweist. Das ist unsere Kultur“.
Ein weiteres in Deutschland wenig bekanntes Thema ist das Sparverhalten. Auf dem Kontinent hat sich eine interessante eigene Form des Sparens entwickelt, auch um – jenseits von Banken – den Zwang zum verwandtschaftlichen Verteilen auszutricksen. (vgl. dazu Anders sparen in Afrika).
Frau Raupp thematisiert erfreulicherweise auch das Dezemberfieber der Entwicklungshelfer-Industrie. Die Mittel müssen – um jeden Preis – wegen des Jährlichkeitsprinzips des Haushalts noch rasch planlos ausgegeben werden.
Tiefe Verbundenheit mit der Kultur und den Menschen im Kongo
Es ist für den Leser schwer zu verstehen, dass die Angst und Bedrohung zu einem Gewöhnungseffekt bei ihr führt. Für den Leser erschließt sich nicht, dass sie mit ihrer Arbeit dauerhaft etwas bewirken konnte. Dennoch spürt man ihre tiefe Verbundenheit mit der Kultur und den Menschen im Kongo.
Ich bin skeptisch, weil ich zu oft westliche Interventionen als wirkungslos verpufft erlebt habe. Judith Raupp hat jedoch nach meinem Eindruck kein Helfersyndrom (vgl. Fernstenliebe ist leichter als Nächstenliebe). Unter dem Helfersyndrom verstehe ich, wenn Menschen ein geringes Selbstwertgefühl kompensieren und eigene Probleme verdrängen. Als Medientrainerin hat sie Radiojournalisten vor Ort ertüchtigt, damit diese selbst über Missstände in ihrer Region erzählen. Frau Raupp hat – anders als Entwicklungshelfer, die ich kannte – sich nicht gescheut, mit Menschen in Machtpositionen kontrovers zu diskutieren.
Die Autorin ist so realistisch, dass sie diese Skepsis in ihren Artikeln und in ihrem Buch teilweise sogar teilt. Judith Raupp erkannte das Dilemma und konzentrierte sich in ihrer Medienausbildung rein auf das Handwerk (Verifizieren von Quellen, Technik, Sicherheitsmanagement, z.B. Warnungen vor Milizen) und nicht darauf, was sie berichten sollen. Sie hat nicht wie andere Entwicklungshelfer den Erziehungseifer. Ihr fehlt der paternalistische Blick weißer Retter, für den Teju Cole den Begriff „White Savior Complex“ geprägt hat.
Bewundernswert ist, wie sie es aushält, über Jahre in einer Umgebung zu leben, in der Gewalt allgegenwärtig ist und enge Vertraute, Kollegen und Freunde sterben. Da hilft nur der afrikanische Fatalismus. Sie beschreibt eindrücklich, wie die Bevölkerung zusammenhält und trotz Armut Flüchtlinge und Kranke unterstützt. Das Fehlen staatlicher Strukturen wird durch Familien und Nachbarn ausgeglichen. Diese Hilfsbereitschaft ist ein berührendes Zeugnis der Nächstenliebe unter extremen Bedingungen. Einen besseren Bericht aus erster Hand über den Ostkongo und Umgebung kenne ich nicht. Es ist ein höchst ehrliches und informatives Buch. (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)