Nigeria: Makoko – Eine schwimmende Gemeinde kämpft um ihre Zukunft

Nigeria: Makoko - Eine schwimmende Gemeinde kämpft um ihre Zukunft
Symbolbild

Von Gastautorin *Fatimoh Danjuma Bintu
Makoko wird oft als das „Venedig Afrikas“ bezeichnet. Seit Generationen bauen die Menschen dort ihre Häuser auf Stelzen über dem Wasser der Lagune von Lagos. Viele der Bewohner verdienen ihren Lebensunterhalt als Fischer, die frisch gefangenen Fisch an die lokalen Märkte liefern. Doch sie sollen vertrieben werden. Auffällig ist das Schweigen der sonst so lauten Menschenrechtsaktivisten in westlichen Staaten, die sonst so gerne im Rampenlicht stehen.

Die Wurzeln Makokos reichen bis ins späte 19. Jahrhundert zurück, einige Hinweise deuten sogar auf das 18. Jahrhundert hin. Damals wanderten Menschen der Egun- und Ilaje-Kulturen aus der heutigen Republik Benin ein und gründeten entlang der Lagune Fischersiedlungen. Über Generationen hinweg passten sich die Bewohner den Bedingungen der Lagune an – mit Stelzenhäusern, Kanus als Verkehrsmittel und dem Wasser als Lebensgrundlage. So entwickelte sich über Jahrhunderten hinweg eine weitgehend selbsttragende sozioökonomische Struktur, eng mit der Lagune und den Herausforderungen verbunden.

Die dicht bebaute Siedlung mit geschätzt mehreren tausend Stelzenhäusern bietet rund 80.000–100.000 Menschen ein Zuhause – ein Ort, an dem sie Familien gründen, Kinder aufziehen und zur Schule schicken und hauptsächlich vom Fischfang und kleinen Tätigkeiten leben. Trotz ihrer kulturellen Vielfalt und Widerstandskraft sah sich Makoko wiederholt von Abriss, Vernachlässigung und sozialer Marginalisierung betroffen, während Lagos seine städtische Entwicklungs- und Planungsvorhaben vorantreibt – manche bezeichnen die Gemeinde sogar als einen „schwimmenden Slum“.

Trotz seiner langen Geschichte wurde Makoko nie formell in die städtische Planung von Lagos integriert. Das Fehlen von Landtiteln und offizieller Anerkennung macht die Gemeinschaft rechtlich verwundbar. Behörden versuchten über Jahrzehnte hinweg, die Siedlung zu räumen oder zu regulieren – mit wechselndem Nachdruck und unterschiedlichem Erfolg.

Vertreibung als ständige Bedrohung
Diese Verwundbarkeit zeigte sich 2012, als der Bundesstaat Lagos eine 72‑Stunden-Räumungsanordnung erließ und Hunderte Häuser abreißen ließ. Tausende Bewohner wurden ohne Entschädigung oder Umsiedlungsplan vertrieben und verloren neben ihrem Hab und Gute ihre angestammte Heimat und soziale Bindung. Die Aktion zerstörte nicht nur ihre Häuser, sondern auch die Lebensgrundlage, Familien und Gemeinschaften wurden auseinandergerissen. Der großflächige Abriss führte zu nationaler und internationaler Kritik, ehe rechtliche Schritte das weitere Vorgehen vorübergehend stoppten. Die grundlegenden Probleme der Planung und Landnutzung blieben jedoch weiter ungelöst.

2018 kam es erneut zu teilweisen Abrissen – ein weiteres Zeichen der seit Langem bestehenden Spannungen zwischen informellen Siedlungen und der städtischen Politik. Spätere Untersuchungen zeigten, dass zwar Sicherheits-, Umwelt- und Infrastrukturbedenken angeführt werden, Zeitpunkt und Ausmaß der Abrisse jedoch häufig von politischen und wirtschaftlichen Interessen geprägt sind.

Makoko steht exemplarisch für ein breiteres Muster von Abrissen an den Uferzonen von Lagos. Seit den frühen 2000er-Jahren wurden informelle Siedlungen wie Badia East, Otodo-Gbame, Ilubirin und Teile von Ijora unter dem Vorwand von Umweltschutz, Hochwasserprävention und Stadterneuerung geräumt. Gebiete, die später an Bautraeger veräußert wurden, um dann exklusive und teure Wohnhäuser an Uferpromenaden zu errichten.

Die aktuelle Abrisswelle, die im Dezember 2025 begann und immer noch andauert, wurde offiziell mit Sicherheitsbedenken begründet. Die Behörden stellen das Vorgehen als Durchsetzung von Sicherheitsvorschriften dar und demonstrieren Entschlossenheit. Nach Angaben der Verantwortlichen habe sich die Siedlung zu stark ausgedehnt; Häuser befänden sich inzwischen unter Hochspannungsleitungen und rückten näher an die Third Mainland Bridge heran.

Zweifel an der offiziellen Darstellung – Wirtschaftliche Interessen im Vordergrund
Doch die offizielle Erzählung von ökologischen Gründen und dem Wohlergehen der Bewohner wird von vielen als schale Ausrede gesehen, um die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe zu verschleiert. Gouverneur Babajide Sanwo‑Olu und Vertreter des Bundesstaats mentieren, die Abrisse dienten der Durchsetzung von Sicherheits- und Bauvorschriften, insbesondere in der Nähe elektrischer Infrastruktur.

Kritiker werfen der Regierung jedoch vor, die Bewohner weder konsultiert noch Umsiedlungen angeboten zu haben – ein klarer Verstoß gegen Menschenrechte. Ein zentraler, wenig diskutierter Faktor ist der Sandabbau in der Region. Sand ist ein entscheidendes Baumaterial für Lagos’ Bauindustrie – von Infrastrukturprojekten über Wohnanlagen bis hin zu Landgewinnung. Die Lagune ist eine der Hauptquellen für Sand für das Makokos‘ dichte Bebauung ein logistisches Hindernis darstellt.

Die lokale Regierung bestreitet diesen Zusammenhang zwar, doch staatliche Stellen haben gleichzeitig bestätigt, dass ein ambitioniertes Großprojekt geplant ist: ein neuer internationaler Flughafen in Lekki, welcher in Partnerschaft mit dem türkischen Bauunternehmen Summa Group errichtet werden soll.

Die Last trägt die Gemeinschaft
Proteste der Bewohner wurden mit brutaler Gewalt beantwortet – einschließlich Tränengas und Schlagstöcken. Bewohner werden aus ihren Häusern von Polizeikräften vertrieben, Bagger zerstörten Schulen, Kliniken und Orte des Gebetes, was die humanitäre Krise weiter verschärfte.

Bewohner berichten: „Wir hatten kaum Vorwarnung, und alles, was wir hatten, ist weg!“ Die Regierung bot weder Entschädigung noch Hilfe bei der geordneten Umsiedlung. Viele verloren nicht nur ihre Häuser mitsamt Möbeln und persönlichen Gegenständen, sondern auch Fischereigeräte und Werkzeuge – unmittelbare Grundlagen ihres Lebensunterhalts. Zudem, so die Beschwerden, gehe der Abriss weit über das ursprünglich angekündigte Gebiet hinaus und mehr Häuser zerstört wurden, als von staatlicher Seite kommuniziert.

Diese Berichte zeigen sowohl die physische Zerstörung als auch das emotionale Trauma, das die Bewohner erleiden. Jahrzehntelang gewachsene soziale Strukturen werden auseinandergerissen, Familien werden vertrieben, Schulen geschlossen, soziale Netzwerke zerstört. Die Risiken für die nun entwurzelten Menschen sind immens – von fehlender Unterkunft und sanitärer Einrichtungen hin zu mangelhafter medizinischer Versorgung und ein erhöhtes Krankheitsrisiko bis hin zu massiven wirtschaftlichen Verlusten. Die Zerstörung von Booten, Häusern und kleinen Betrieben sowie der Wegfall von Einkommen wirken kumulativ und belasten die Menschen zusätzlich.

Verteidiger der Menschenrechte – weit und breit nicht zu sehen
Makokos reiche Geschichte und lebendige Kultur stehen im krassen Kontrast zu der humanitären Krise, die durch einen als ungerecht empfundenen Abriss ausgelöst wurde – angeheizt von gierigen Investoren und abgeschirmt von machthungrigen Politikern. Urbaner Fortschritt, Sicherheit und Modernisierung sind wichtig, doch Lösungen müssen die Menschenrechte respektieren, die Bewohner schützen, ihre Lebensgrundlagen sichern und die Widerstandskraft der Gemeinschaft anerkennen.

Menschenrechtsorganisationen verweisen auf Verletzungen verfassungsrechtlicher Garantien und internationaler Standards. Für die Betroffenen bleiben jedoch oft nur gute Wünsche. Ohne Unterstützung aus dem Ausland, ohne Geld und angesichts eines korrupten Systems und ohne Aussicht auf ein faires Gerichtsverfahren für die Menschen von Makoko ein Erfolg vor Gericht für Makoko kaum möglich.

Umso auffälliger ist das Schweigen der sonst so lauten Menschenrechtsaktivisten in westlichen Staaten, die sonst so gerne im Rampenlicht stehen. Der Eindruck drängt sich auf, dass sich moralische Maßstäbe mancher Aktivisten stärker an Geld, medialer Aufmerksamkeit und Einfluss orientieren als an der Sache, die sie vorgeben zu vertreten. Auch internationale Politiker, die sich gerne im Rampenlicht sonnen und ihre Moral wie eine glänzende Monstranz vor sich hertragen, um angeblich für marginalisierte Minderheiten einzutreten, sind nirgends zu sehen. Die Lehren daraus sind bitter: Wo Macht auf mediales Schweigen setzt, stirbt Verantwortung und Rechenschaftspflicht – und Willkür gedeiht, selbst in den vermeintlich am weitesten entwickelten Staaten der Welt. (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung der Autorin *Fatimoh Danjuma Bintu (25), aus Benue State. Sie lebt und arbeitet derzeit in Lagos, Nigeria, und hat einen Abschluss in Gesundheitstechnologie. Sie setzt sich dafür ein, verlässliche Informationen sowie politische und wirtschaftliche Zusammenhänge aus ihrem Land und Westafrika verständlich einzuordnen).