
Es brauchte nur einen einzigen Satz. Einen Satz, ausgesprochen im Rausch eines Sieges, mitten in einem brodelnden Stadion, um eine Lawine aus giftigen Kommentaren, Unterstellungen und identitären Verdächtigungen auszulösen. „Bis zum Ende, die Gerechtigkeit Gottes.“ Damit wurde Schauspieler Omar Sy – „Ziemlich beste Freunde“ – innerhalb weniger Sekunden vom glücklichen Fan zum moralischen Unruhestifter, fast schon zum professionellen Provokateur erklärt.
Dabei ist die Szene völlig eindeutig: Ein französisch-senegalesischer Schauspieler jubelt auf den Tribünen von Rabat nach dem historischen Sieg Senegals gegen Marokko im Finale des Afrika-Cups. Nicht mehr. Nicht weniger. Doch für manche – insbesondere auf den Sendeflächen von CNews – ist Omar Sys Freude bereits zu viel. Sie stört, weil sie sichtbar ist. Sie stört, weil sie selbstbewusst gezeigt wird. Und sie stört vor allem, weil sie an eine Wahrheit erinnert, die viele noch immer nur schwer akzeptieren: Man kann zwei Länder lieben, für zwei Nationen mitfiebern und muss niemanden um Erlaubnis bitten, um glücklich zu sein.
Der Fußball stellte am Ende ein Gleichgewicht her
Kehren wir zu den Fakten zurück, die Polemiker gern umgehen. Dieses Finale des Afrika-Cups 2025, ausgetragen in Marokko, war alles andere als ein ruhiger Spaziergang. Es war ein elektrisches, angespanntes Spiel, geprägt von einer Schiedsrichterleistung, die den Atlas-Löwen gegenüber zumindest sehr nachsichtig war. Keine nennenswerten Sanktionen trotz wiederholter Fouls an den Löwen der Teranga. Ein aberkanntes Tor für Senegal. Ein Elfmeter für Marokko, der schließlich vergeben wurde. Und am Ende der Verlängerung der senegalesische Sieg – errungen mit Mut, Disziplin und Kontrolle.
Ja, in diesem Kontext haben viele Senegalesen von der „Gerechtigkeit Gottes“ gesprochen. Nicht als Beleidigung des Gegners, sondern als populäre, spirituell geprägte Art zu sagen: Der Fußball hat am Ende ein Gleichgewicht wiederhergestellt.
Muss man daran erinnern, dass diese Ausdrucksweise Kulturen, Religionen und Stadien weit über Senegal hinaus durchzieht? Wie viele europäische Spieler, südamerikanische Trainer oder französische Fans haben schon vom „Schicksal“, von „Gerechtigkeit“, von „Karma“ oder davon gesprochen, dass „der Fußball zurückgibt, was er nimmt“, ohne dass dies nationale Debatten über ihre Loyalität oder Moral ausgelöst hätte? Doch wenn dieser Satz aus dem Mund eines schwarzen, muslimischen Mannes kommt, der aus afrikanischer Einwanderung stammt und zudem prominent ist, wird er sofort verdächtig.
Für Senegal jubeln – ein moralisches Vergehen?
Die Kontroverse ist also keine sportliche. Sie ist politisch, identitär, beinahe obsessiv. Sie sagt weniger darüber aus, was Omar Sy getan hat, als darüber, was manche gerne aus ihm machen würden. Für einen Teil der Medienlandschaft sollte Omar Sy ein dankbarer, diskreter, glatter Franzose sein – einer, der Frankreich feiert, wenn man es ihm erlaubt, und schweigt, sobald es um seine anderen Wurzeln geht. Doch diese Rolle lehnt er ab. Und genau diese Weigerung stört.
Bei CNews wird die Szene zur „gesellschaftlichen Affäre“ umgedeutet. Der Afrika-Cup wird zum Vorwand, der Satz zum Beweisstück. Es geht nicht mehr um Fußball, sondern um „Botschaften“, „Provokation“, ja sogar um „Verachtung“. Als wäre es ein moralisches Fehlverhalten, für Senegal zu jubeln – noch dazu in Marokko. Als würde bloßes Glücklichsein eine versteckte Feindseligkeit gegenüber Frankreich offenbaren. Diese Verschiebung ist entlarvend: Sie zeigt die Unfähigkeit, eine plurale Identität zu akzeptieren, ohne sie zu hierarchisieren.
Senegal, ein „kleines Land“ in Westafrika
Dabei ist die Realität von bestechender Banalität. Omar Sy ist französisch-senegalesisch. Er ist mit zwei Geschichten, zwei Kulturen, zwei Flaggen aufgewachsen. Er hat 2018 Tränen vergossen, als Frankreich Weltmeister wurde. Er hat französische wie senegalesische Medaillen bei Olympischen Spielen gefeiert. Er tut genau das, was Millionen Menschen aus der Diaspora tun: lieben, ohne zu wählen, unterstützen, ohne zu verleugnen.
Was im Grunde stört, ist nicht der Satz „Gerechtigkeit Gottes“. Es ist der Sieg Senegals selbst. Ein „kleines Land“ in Westafrika, wie man es noch immer allzu gern nennt, das der Welt weiterhin Lektionen in Größe erteilt. Im Fußball natürlich – durch Organisation, Spielweise und Konstanz. Aber auch politisch, wo das senegalesische Volk trotz Spannungen weiterhin seine Führung wählt, den Pluralismus verteidigt und daran erinnert, dass Demokratie kein Luxus ist, der dem globalen Norden vorbehalten wäre.
Ja, Gerechtigkeit Gottes
Der Sieg Senegals wirkt wie ein Spiegel. Und dieser Spiegel zeigt ein Bild, das manche nicht sehen wollen: das einer afrikanischen Nation, die gewinnt, ohne um Erlaubnis zu bitten; einer Diaspora, die ihre Freude offen lebt; und eines öffentlichen Mannes, der sich nicht für seine Begeisterung entschuldigt. Also spricht man von Arroganz, Provokation, Undankbarkeit. Man macht aus einem Lächeln eine Beleidigung, aus einem Satz einen Frevel.
Doch die Wahrheit ist einfach und widersteht dem Lärm. Omar Sy hat niemanden beleidigt. Er hat lediglich für seine zweite Heimat gejubelt – wie Millionen Senegalesen und Afrikaner. Die „Gerechtigkeit Gottes“ war kein Urteil gegen Marokko, sondern eine Feier von Verdienst und Widerstandskraft. Dass dies jene kränkt, die der Sieg Senegals so sehr stört, ändert nichts daran.
Ja, Gerechtigkeit Gottes. Ganz gleich, wie sehr es jenen missfällt, die die Freude anderer mit einer persönlichen Kränkung verwechseln. (Quelle: afrik.com)