
Lange Zeit eingefroren, rückt die Frage der Westsahara wieder ins Zentrum des diplomatischen Geschehens. In den deutschen Medien vertritt Washington inzwischen offen eine klare Linie: Der Konflikt ist rechtlicher Natur, er ist ein bilateraler Konflikt zwischen Marokko und der Frente Polisario – und er ist zutiefst wirtschaftlich geprägt.
Die diskrete Wiederaufnahme der Gespräche über die Westsahara geht mit einem bemerkenswerten Tonwechsel in Washington einher. In einem Interview mit dem deutschen Sender Deutsche Welle erläuterte Massad Boulos, Sonderberater der USA für Afrika, die von den Vereinigten Staaten vertretene Lesart: Der Konflikt betrifft in erster Linie zwei eindeutig identifizierte politische Akteure – Marokko und die Frente Polisario –, wobei die Interessen der Nachbarstaaten, allen voran Algeriens, zu berücksichtigen seien.
Nach Ansicht des US-Vertreters kann jede glaubwürdige Lösung nur über einen direkten und ausgewogenen Dialog zwischen diesen beiden Akteuren erreicht werden. Damit distanziert sich Washington von den Strategien der Verwässerung, die über lange Zeit den Status quo aufrechterhalten haben, und bestätigt zugleich, dass der marokkanische Autonomieplan nicht einseitig umgesetzt werden kann. Die USA bekennen sich nun zu einem enger gefassten Ansatz: Unter internationaler Vermittlung finden die Gespräche in Madrid statt, mit dem Ziel, die Verhandlungen dorthin zurückzuführen, wo sie nie hätten verlassen werden dürfen – nämlich zwischen den eigentlichen Konfliktparteien und innerhalb eines durch das Völkerrecht klar definierten Rahmens.
Algerien und Mauretanien unverzichtbar für eine Lösung
Algerien und Mauretanien bleiben dennoch unverzichtbar. „Ohne sie geht nichts“, räumt Massad Boulos ein, erinnert jedoch daran, dass sie rechtlich keine direkten Parteien des Konflikts sind. Ihre Rolle ist wesentlich, aber klar vom Kern des Konflikts zu unterscheiden.
Auf rechtlicher Ebene fügt sich das Interview in eine Realität ein, die Washington nicht bestreitet. Die Westsahara gilt aus Sicht der Vereinten Nationen weiterhin als nicht selbstverwaltetes Gebiet, das zu entkolonisieren ist, und steht seit 1963 auf der entsprechenden UN-Liste. Diese Position wird regelmäßig auch vom Gerichtshof der Europäischen Union bekräftigt. Das Selbstbestimmungsrecht des sahrauischen Volkes bleibt der maßgebliche Referenzrahmen. Kein vollendeter Fakt und keine wirtschaftliche Ausbeutung kann dieses Prinzip ersetzen.
Die Wirtschaft als Motor des amerikanischen Engagements
Der amerikanische Ansatz ist jedoch zugleich ausgesprochen pragmatisch. Für Washington ist ein Abkommen vor allem ein Deal. Die Westsahara verfügt über bedeutende strategische Ressourcen: Phosphate, reiche Fischgründe sowie ein erhebliches Energie- und Bergbaupotenzial. Diese Ressourcen werden derzeit einseitig von Marokko ausgebeutet – ohne Zustimmung des sahrauischen Volkes und im Widerspruch zu den rechtlichen Stellungnahmen der Vereinten Nationen.
Aus amerikanischer Sicht ist diese Situation weder nachhaltig noch wirtschaftlich sinnvoll. Die Vereinigten Staaten sprechen sich für eine ausgewogenere Nutzung aus, die es den Sahrauis ermöglicht, direkt von den Reichtümern ihres Territoriums zu profitieren, und gleichzeitig den Weg für internationale – implizit amerikanische – Wirtschaftspartnerschaften ebnet. Die rechtliche Stabilisierung der Westsahara wird damit zur Voraussetzung für Investitionen und für die Absicherung strategischer Interessen. (Quelle: afrik.com)