
Mit 190.607 in Marokko geborenen Personen, die in internationalen Migrationsstatistiken erfasst wurden, bilden Marokkaner inzwischen die größte Gemeinschaft ausländischer Herkunft in Israel. Dieser Rang verweist jedoch nicht auf eine jüngste Einwanderung, sondern auf die tief verwurzelte Geschichte des marokkanischen Judentums, seine massenhafte Auswanderung im 20. Jahrhundert sowie auf die bis heute sensible Verbindung zwischen Rabat und Tel Aviv.
Marokko nimmt in der israelischen Demografie eine besondere Stellung ein. Laut den neuesten internationalen Migrationsdaten leben heute 190.607 in Marokko geborene Menschen in Israel, gegenüber 158.396 noch vor zwei Jahren. Damit liegt das Königreich inzwischen vor der Ukraine (etwa 152.000) und Russland (rund 127.000) im Ranking der wichtigsten Einwanderergemeinschaften.
Diese Zahl bezeichnet jedoch größtenteils keine Ausländer im administrativen Sinne. Die überwältigende Mehrheit der Betroffenen besitzt längst die israelische Staatsbürgerschaft – oftmals bereits seit mehreren Jahrzehnten. Die Statistik bezieht sich daher auf die Migrationsherkunft und nicht auf die aktuelle Nationalität. Sie verdeutlicht vor allem das Ausmaß der marokkanischen Präsenz in der heutigen israelischen Gesellschaft.
In Israel sind Migrationsgeschichten eng mit der Entstehung des Staates verbunden. Juden aus Europa, Nordafrika oder dem Nahen Osten erhielten bei ihrer Ankunft gemäß dem Rückkehrgesetz automatisch die israelische Staatsbürgerschaft. Die marokkanischen Israelis bilden daher keine klassische ausländische Diaspora, sondern einen alten, sichtbaren und einflussreichen Bestandteil des Landes. Die Weltföderation des marokkanischen Judentums schätzt die Zahl der Israelis marokkanischer Herkunft – einschließlich ihrer Nachkommen – sogar auf nahezu eine Million.
Das Erbe des marokkanischen Judentums
Mitte des 20. Jahrhunderts beherbergte das Königreich eine der größten jüdischen Gemeinschaften der arabischen Welt, die auf 250.000 bis 350.000 Menschen geschätzt wurde. Sie war in Casablanca, Fès, Marrakesch, Meknès, Essaouira oder Tétouan präsent und spielte eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes.
Nach der Gründung Israels im Jahr 1948 und später nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 beschleunigte sich die Auswanderung. Zehntausende marokkanische Juden wanderten nach Israel aus, andere ließen sich in Frankreich, Kanada, Spanien oder Lateinamerika nieder. Die Beweggründe waren vielfältig: religiöse Hoffnungen, politische Unsicherheit, wirtschaftliche Erwartungen oder familiäre Netzwerke. Die geheime „Operation Jachin“, die zwischen 1961 und 1964 mit Zustimmung von König Hassan II. durchgeführt wurde, ermöglichte allein 97.000 marokkanischen Juden die Ausreise nach Israel über Frankreich und Italien.
In Israel blieb diese marokkanische Erinnerung sehr lebendig. Sie zeigt sich in Familiennamen, Musik, Küche und Politik. Die Mimouna, ein jüdisch-marokkanisches Fest am Ende des Pessachfestes, ist zu einem nationalen Ereignis geworden. Zahlreiche israelische Politiker, Rabbiner, Künstler und Offiziere bekennen sich offen zu ihrer marokkanischen Herkunft.
Eine nationale Verbindung, die wiederbelebt werden könnte
Diese Geschichte könnte für die Nachkommen marokkanischer Juden sogar eine neue rechtliche Dimension erhalten. Eine Bürgerinitiative im Parlament hat die Debatte über eine mögliche Wiedererlangung der marokkanischen Staatsangehörigkeit für Nachkommen jüdischer Familien neu entfacht, die das Königreich im 20. Jahrhundert verlassen hatten. Dabei ginge es um die Anerkennung einer nationalen Verbindung, die durch die Geschichte unterbrochen wurde. Die betroffenen Menschen leben übrigens nicht ausschließlich in Israel: Viele Nachkommen marokkanischer Juden wohnen heute in Frankreich, Kanada, den Vereinigten Staaten, Spanien oder Venezuela.
Dass die Marokkaner nun den ersten Platz in den israelischen Migrationsstatistiken einnehmen, verleiht den Beziehungen zwischen Rabat und Tel Aviv eine besondere Tiefe. Als Marokko im Dezember 2020 im Rahmen der Abraham-Abkommen seine Beziehungen zu Israel offiziell wieder aufnahm, wurde damit auch eine alte menschliche Verbindung reaktiviert.
Eine menschliche Brücke in einer fragilen diplomatischen Beziehung
Die Normalisierung förderte Familienbesuche, wirtschaftlichen Austausch, Sicherheitskooperationen und die Einführung direkter Flugverbindungen. Sie war Teil einer strategischen Kalkulation Marokkos, vor deren Hintergrund die unter Donald Trump verkündete amerikanische Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara stand.
Dennoch bleibt die Beziehung fragil. Seit dem Krieg in Gaza lehnt ein bedeutender Teil der marokkanischen Öffentlichkeit die Fortsetzung der Normalisierung ab. Pro-palästinensische Demonstrationen in Rabat, Casablanca oder Tanger zeigen, dass die israelische Frage weiterhin eines der sensibelsten Themen der marokkanischen Außenpolitik bleibt.
Das demografische Gewicht der marokkanischen Israelis reicht daher nicht aus, um die Spannungen zu entschärfen – es macht vielmehr ihre Komplexität sichtbar. Zwischen familiärer Erinnerung, israelischer Staatsbürgerschaft und der Solidarität eines Teils der marokkanischen Bevölkerung mit den Palästinensern befinden sich diese Lebenswege am Schnittpunkt mehrerer historischer Erzählungen. (Quelle: afrik.com)