Libyen: Kameruner in willkürlicher Haft gefangen

Die Human Rights Association fordert die libyschen Behörden auf, die kamerunischen Staatsangehörigen freizulassen, die willkürlich in offiziellen und geheimen Haftzentren des Landes festgehalten werden. Hinter diesem Appell steht erneut die Anklage eines Systems zur Ausbeutung afrikanischer Migranten, das bereits von den Vereinten Nationen dokumentiert wurde.

Sie heißen Emmanuel und Christelle. Ihre Vornamen, die von der Human Rights Association (HRA) genannt werden, stehen beispielhaft für den Albtraum vieler afrikanischer Migranten in Libyen. Emmanuel, ein Kameruner, der in Tripolis arbeitete, soll bei einer Razzia von Milizionären in einem Stadtviertel der Hauptstadt festgenommen worden sein. Elf Wochen lang wurde er festgehalten. Er berichtet, geschlagen, medizinisch nicht versorgt und gezwungen worden zu sein, seine Familie in Kamerun anzurufen, um Lösegeld zu fordern. Christelle hingegen wurde auf dem Meer von der libyschen Küstenwache abgefangen und in ein Haftzentrum im Westen des Landes gebracht. Dort sollen mehr als zweihundert Frauen und junge Mädchen in einem einzigen Raum zusammengepfercht gewesen sein.

Diese von der HRA dokumentierten Aussagen decken sich mit Berichten internationaler Organisationen seit vielen Jahren. Seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 hat sich Libyen zu einem riesigen Migrationskorridor entwickelt, in dem die Routen nach Europa mit den Interessen von Milizen, Menschenhändlern und staatlich verbundenen Akteuren zusammenlaufen.

HRA richtet Appell an Tripolis

In einer im Juni 2026 veröffentlichten Erklärung fordert die in Südafrika ansässige Human Rights Association, die mit der WeCare Foundation verbunden ist, die libyschen Behörden auf, alle Kameruner freizulassen, die sich in offiziellen, inoffiziellen oder von Milizen kontrollierten Haftzentren befinden.

Nach Angaben der Organisation halten sich derzeit etwa 4.000 kamerunische Staatsangehörige in Libyen auf. Ein Teil von ihnen sei bereits inhaftiert oder einem unmittelbaren Risiko von Festnahme, Entführung oder Erpressung ausgesetzt.

Die Vereinigung wirft den libyschen Sicherheitskräften, Einheiten der Küstenwache und bewaffneten Gruppen vor, Razzien in Wohnvierteln, auf Märkten und entlang von Transitrouten durchzuführen. Subsahara-afrikanische Migranten würden anschließend in Zentren gebracht, in denen sie ohne Gerichtsverfahren, ohne Zugang zu einem Anwalt und teilweise ohne Kontakt zu ihren Familien festgehalten werden.

Der Präsident der HRA, Saad Kassis-Mohamed, erklärt, dass die Inhaftierung von Migranten zu einer Einnahmequelle geworden sei. Familien würden zur Zahlung von Lösegeld gezwungen, während die Beschlagnahmung von Ausweispapieren als Druckmittel diene.

Ein bereits von den Vereinten Nationen dokumentiertes System

Die Vorwürfe der HRA decken sich mit den Erkenntnissen eines Berichts, der im Februar 2026 von der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Libyen (UNSMIL) und dem UN-Hochkommissariat für Menschenrechte veröffentlicht wurde. Das Dokument beschreibt Misshandlungen, die inzwischen nahezu alltäglich geworden seien: Migranten, Asylsuchende und Flüchtlinge würden festgenommen, entführt und ohne rechtsstaatliches Verfahren in Haftanstalten gebracht.

Die Vereinten Nationen sprechen von einem System der Ausbeutung, in dem Migranten Folter, Zwangsarbeit, sexueller Gewalt und Menschenhandel ausgesetzt sind. Die Abfangaktionen auf See verschärfen die Situation zusätzlich: Menschen, die versuchen, aus Libyen zu fliehen, werden häufig in dieselben Haftzentren und Netzwerke zurückgebracht.

Libyen bleibt einer der wichtigsten Ausgangspunkte für die Überquerung des zentralen Mittelmeers. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration wurden im Jahr 2025 mehr als 27.000 Migranten abgefangen und nach Libyen zurückgebracht.

Für humanitäre Organisationen liegt genau darin das Problem: Die Rückführung von Menschen nach Libyen bedeutet oft, sie erneut einem Umfeld auszusetzen, in dem ihnen willkürliche Festnahmen, Ausbeutung oder sogar das Verschwinden drohen.

Auch Europa in der Kritik

Der Appell der HRA richtet sich in erster Linie an die libyschen Behörden. Gleichzeitig kritisiert die Organisation jedoch auch die europäische Migrationspolitik.

Seit Jahren arbeiten mehrere europäische Staaten mit Tripolis zusammen, um Abfahrten von Migranten in Richtung Italien und Malta zu verhindern. Schulungen, Ausrüstung und operative Unterstützung werden mit dem Ziel begründet, Schleusernetzwerke zu bekämpfen und die Zahl tödlicher Überfahrten im Mittelmeer zu reduzieren. Das 2017 zwischen Italien und Libyen geschlossene und mehrfach verlängerte Memorandum gilt als eines der bekanntesten Beispiele dieser Zusammenarbeit.

Menschenrechtsorganisationen weisen jedoch darauf hin, dass diese Kooperation ihren Preis hat. Indem europäische Staaten Maßnahmen unterstützen, die Migranten nach Libyen zurückführen, laufen sie Gefahr, indirekt genau jene Missstände zu fördern, die sie offiziell bekämpfen wollen.

Saad Kassis-Mohamed betont, dass die libyschen Haftpraktiken Teil einer internationalen Strategie zur Abschreckung von Migration seien.

Dringender Schutz für die Betroffenen

Für die betroffenen Kameruner besteht die dringlichste Aufgabe darin, die Haftzentren zu verlassen, Schutz zu erhalten und – sofern möglich – freiwillig in ihre Heimat zurückzukehren. Ist eine Rückkehr zu gefährlich, sollten sie Zugang zu einem Verfahren für internationalen Schutz erhalten.

Die HRA fordert außerdem einen uneingeschränkten Zugang für UN-Agenturen und unabhängige Beobachter zu allen Haftanstalten.

In Kamerun erhalten Familien immer wieder verzweifelte Anrufe von Angehörigen, die auf der Suche nach Arbeit oder einem Weg nach Europa aufgebrochen sind. Für viele afrikanische Migranten ist Libyen längst nicht mehr nur ein Transitland, sondern ein Ort geworden, an dem das Fehlen rechtsstaatlicher Strukturen sie nahezu schutzlos allen Formen von Missbrauch aussetzt.