Deutsche Kühe als Entwicklungshelfer und ein ARD-Team – kann das gutgehen?

Deutsche Kühe als Entwicklungshelfer und ein ARD-Team – kann das gutgehen?
Screenshot aus dem Weltspiegel-Bericht. ©ARD

Von Martin Zimmermann. ARD-Weltspiegel, 10. Mai. „Eritrea: Deutsche Kühe als Entwicklungshelfer“. So die Ankündigung eines Beitrags. Das macht neugierig. Wer sich für das Thema interessiert, wie Kühe als Entwicklungshelfer eingesetzt werden können, wird bei der Anmoderation des Beitrags durch Tessniem Kadiri noch neugieriger gemacht: es gäbe eine spezielle Verbindung zwischen Deutschland und Eritrea, die viele vermutlich nicht erwarten würden und von der die Menschen in Deutschland wenig wüssten.

„Kein Wunder“, sagt Kadiri, gelte Eritrea doch als das Nordkorea Afrikas. Also muss, bevor es zur Sache gehen darf, die Moderatorin zunächst tief in die Schublade der Stigmatisierung des kleinen Landes am Horn von Afrika greifen: systematische Menschenrechtsverletzungen stünden an der Tagesordnung, Eritrea belege in Sachen Pressefreiheit weltweit Rang 180 von 180. „Journalismus existiert faktisch nicht“. Erst nach dieser „Einordnung“ kommt die Moderatorin zur Sache: „Mitten in dem abgeschotteten Land“ produziert doch tatsächlich ein Milchbauer Käse aus der Milch von Kühen, die aus Süddeutschland importiert wurden.

Obwohl Journalismus laut Kadiri in dem Land „faktisch nicht existiert“, konnte also ein ARD-Team dort arbeiten, sich umhören und schöne Bilder eingefangen. Der Zuschauer erfährt jedoch nicht, ob das Team dabei auch von Regierungsspitzeln und Geheimdienstmitarbeitern Schritt für Schritt beobachtet und bei der Arbeit reglementiert wurde, eben so, wie es sich für einen rigide autoritär aufgestellten Staat des Kalibers von Nordkorea geziemt. Das ist bedauerlich. Hätte doch diese Information mehr Aufschluss darüber geben können, ob das Bild des schrecklichen Staates, der von einem Diktator, einer willigen Funktionärskaste und Schergen beherrscht wird, wie das Kadiri eingangs zeichnete, wirklich zutreffend ist. Und genau dieses Bild wird seit 2009 nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Ländern von den Mainstream-Medien – wozu die ARD zweifellos gehört – bei jedem Beitrag geradezu genüsslich zelebriert: Eritrea, das Nordkorea Afrikas. Diese plastische Etikettierung wurde mit der Absicht kreiert, im Hirn des Zuschauers oder des Lesers einen psychologischen Effekt zu stimulieren, der einem Warnsignal gleichkommt: ACHTUNG – Eritrea, ein Schurkenstaat!

Mozarella läuft besser als Gouda
Nun, da der Stempel “Diktatur” unablösbar auf die Stirn geklebt ist, darf der Beitrag sich endlich der Erfolgsgeschichte eines Milchbauern widmen, der in die Käseproduktion eingestiegen ist. Die Kühe hat er – wie viele andere Bauern im Land – von der „Staatsfarm“. Die Tiere wurden von der eritreischen Regierung aus Süddeutschland importiert und geben besonders viel Milch. In dem „autoritär geführten Land“, so erfährt der Zuschauer nebenbei, sorgt sich die Regierung offenbar um die Ernährungssicherheit der Bevölkerung. Die „Diktatur“ kauft Kühe im fernen Europa und gibt sie landwirtschaftlichen Fachbetrieben, um die Lebensmittelversorgung im Land zu sichern. Der Film zeigt schöne Bilder von der Käsezubereitung, ein 80-jähriger Mitarbeiter der Farm hat sein Handwerk als Käser noch bei den früheren italienischen Kolonialherren gelernt und bietet einer Dame des Filmteams ein Stück Käse zum Probieren an. „Mozarella“, sagt er stolz. Zu Wort kommt auch Abraham Michael Tseggai, der private Besitzer der Farm, der in den Niederlanden Milchtechnologie studiert hat. Zuerst produzierte er holländischen Käse, aber den mochten seine Landsleute nicht, weshalb er zu italienischer Käseproduktion wechselte. Seither läuft der Laden. Die Hälfte seiner Erzeugnisse verkauft der eritreische Käseproduzent im Land, die andere Hälfte wird exportiert. Mit großen Schwierigkeiten, wie Abraham Tseggai später noch berichten wird. Doch zunächst geht’s weiter mit der Kamera in die Stadt, auf den Markt und auf einen Rundgang durch das alte Asmara, UNESCO-Welterbe. Man widmet sich dabei auch der wirtschaftlichen Situation im Land: die Wirtschaft laufe aufgrund internationaler Embargos nicht so rund, stellt das ARD-Team fest. Und: „Viele Eritreer hoffen darauf, dass sich das Land bald stärker öffnet, das wäre auch gut für das Geschäft“.

Verkehrung von Ursache und Wirkung
An dieser Stelle hätte es dem Film mehr als gut getan, wenn das ARD-Team wenigstens in ein paar dürren Sätzen auf die tatsächliche politische Situation eingegangen wäre. Denn es ist nicht Eritrea, welches sich von der Welt abschottet. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: es sind die USA, die EU und unter deren beider Führung die UNO und somit die „Welt“, die dem kleinen Land am Horn von Afrika den Status eines „Paria-Staates“ (Nordkorea Afrikas) aufgedrückt hat. Die Menschen wünschen sich eine „Öffnung des Landes“. Sie wünschen sich internationale Zusammenarbeit und internationalen Handel auf Augenhöhe. Genau das wird – wie das ARD-Team nur andeutet, aber was Milchbauer Tseggai mit nüchterner Klarheit festhält – jedoch massiv von außen, durch Embargos, durch Sanktionen im internationalen Zahlungsverkehr behindert. Das ist die Realität. Eritrea ist kein isolationistischer Staat, sondern sucht die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auch mit westlichen Ländern – im Hafen von Massawa am Roten Meer sind modernste deutsche Krananlagen in Betrieb und im Bergbau werden robuste Caterpillar-Maschinen eingesetzt, um nur zwei kleine Beispiele zu nennen.

Wo bleibt das journalistische Selbstverständnis?
Das ARD-Team entdeckt im Rahmen seiner Dreharbeiten, dass Embargos und Sanktionen das Geschäft ihres Protagonisten, des Milchbauern Abraham Michael Tseggai, erschweren und Exporte fast unmöglich machen. Ein Grund nachzufragen, warum und auf welcher Grundlage Geschäftsleuten und den Menschen in Eritrea allgemein der Handel und überhaupt das Leben so schwer gemacht werden? Weit gefehlt! Dabei gehört dies doch zum grundlegenden journalistischen Handwerk: nach Gründen zu fragen, auf Spurensuche zu gehen. Das ARD-Team begnügt sich jedoch damit, an der Oberfläche des Mainstreams mitzuschwimmen, um auf keinen Fall vom Narrativ des „Nordkorea Afrikas“ abzuweichen. Schade. Denn gerade dieser Film hätte genug Gelegenheit geboten, die Fragwürdigkeit des komplexen, ungerechtfertigten Sanktionsregimes gegen Eritrea zumindest einmal anzusprechen. Zumal dies – und auch dies kann man gerade als Journalist ohne aufwändige Recherche wissen – zunehmend und nicht nur im globalen Süden, sondern ebenso im Westen, derzeit gerade passiert. Hat der Mut gefehlt? Oder wurde der Film – bewusst oder unbewusst – mit aller Macht in eine vorgegebene Schablone gepresst? Diese Fragen müssen sich die Macher des Beitrags gefallen lassen, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Anmoderation vor der eigentlichen „Story“ wie ein erhobener Zeigefinger und damit wie ein Fremdkörper wirkt.

Es liegt auf der Hand: Sanktionen sind politisch motiviert
Es kann, auch wenn dies für jeden unvoreingenommenen und sachkundigen Betrachter längst offenbar ist, nicht oft genug festgestellt werden, dass UN-Sanktionen gegen Eritrea von Beginn an jeglicher Grundlage entbehrten: 2009 wurde Eritrea beschuldigt, die terroristische Al Shabab-Miliz in Somalia finanziell zu unterstützen, ohne dass dafür ein einziger stichhaltiger Beweis vorgelegt wurde. Im Gegenteil: Die vom UN-Sicherheitsrat (UNSC) nach der Resolution 1907 eingerichtete „Somalia Eritrea Monitoring Group“ (SEMG) kam in ihren regelmäßig dem Sicherheitsrat vorgelegten Berichten jeweils zum Schluss, dass keine konkreten Beweise (“no evidence”) dafür vorgelegt werden könnten. Die Vorgehensweise des westlich dominierten Sicherheitsrats zeigt, dass es im Grunde um nichts anderes ging, als die wirtschaftliche Entwicklung Eritreas zu strangulieren. Erst neun Jahre später, am 16. Dezember 2018, wurde die SEMG durch die UN-Resolution 2444 aufgelöst.

Danach folgten jedoch weitere ebenso willkürliche und im völkerrechtlichen Sinne extrem fragwürdige unilaterale Sanktionen der USA und der EU, die bis heute den Zahlungsverkehr nach und aus Eritrea stark beschränken, ja fast unmöglich machen – was auch in dem Beitrag aufgegriffen wird.

Fazit: Der wirtschaftliche, sozialpolitische und menschliche Schaden, den die ungerechtfertigten Sanktionen in Eritrea verursacht haben und immer noch verursachen, ist immens. Hierfür ließen sich zahlreiche Beispiele nennen. Vor allem aber sollte niemals vergessen werden: Sanktionen lähmen nicht nur die Wirtschaft, sie töten auch Menschen. Das ist den maßgeblichen Akteuren, die Sanktionen gegen Eritrea auf den Weg bringen, auch bewusst. Das ARD-Team und der Weltspiegel haben leider die Chance vertan, anlässlich des Berichts über „Kühe aus Deutschland als Entwicklungshelfer“ von außen geschaffene massive Erschwernisse für die unmittelbar Beteiligten und damit das unwürdige Sanktionsregime gegen Eritrea beim Namen zu nennen.