
Von *Volker Seitz • Die Seychellen gelten als eines der vorbildlichsten Länder Afrikas. Eine stabile Präsidialrepublik, die vorwiegend vom Tourismus lebt, gilt als eines der sichersten, transparentesten und am wenigsten korrupten Länder des Kontinents.
Das Ranking „Best Countries 2026“ des U.S. Nachrichtenmagazins News & World Report bewertete 100 Staaten anhand von Regierungsführung (Governance), wirtschaftlicher Entwicklung, Gesundheitssystem, Infrastruktur, natürlicher Umwelt, Chancen, Kultur und Tourismus. Ausgewertet wurden 30 internationale Quellen wie OECD, Weltbank, IWF, ILO oder Transparency International. Das Ranking basiert jetzt auf harten Daten (Statistik) statt wie früher auf Umfragen (weiche Daten).
Die Spitzenplätze belegen die Schweiz, Dänemark und Schweden, die im Alltag hocheffiziente staatliche Systeme vorweisen können. Der Platz vier für Deutschland ist angesichts der Realität in Deutschland mit der maroden Infrastruktur, wirtschaftlichen Stagnation, hoher Unternehmensbürokratie, Bahn Chaos, sinkenden Pisa-Leistungen, fehlender Haushaltsdisziplin und bei den Zukunftsindikatoren im Vergleich zur Schweiz , den skandinavischen Ländern , Singapur oder Südkorea äußerst wohlwollend. Möglicherweise wurde die aktuelle Wirtschaftskraft, die noch von der Substanz zehrt, statistisch hoch bewertet. Das können aber Ökonomen besser beurteilen.
Mich interessieren in diesem Ranking die Seychellen, die den Spitzenplatz in Afrika belegen (49. Gesamtplatz weltweit). Der Inselstaat wird bei uns lediglich als Urlaubsparadies wahrgenommen. Der Tourismus ist mit Abstand der wichtigste Wirtschaftszweig der Inselgruppe (trägt ca. 70 Prozent zum BIP bei) und beschäftigt den Großteil der Bevölkerung. Es ist darüberhinaus eine stabile Präsidialrepublik. Das Staatsoberhaupt wird in einer Direktwahl für eine Amtszeit von 5 Jahren gewählt. Nur eine Wiederwahl ist möglich. Auf dem Mo Ibrahim Index of African Governance belegen die Seychellen seit Jahren Spitzenplätze. Sie gelten als eines der sichersten, transparentesten und am wenigsten korrupten Länder des Kontinents.
Staaten wie die Seychellen mit einer soliden Regierungsführung, fairem und rechtsstaatlichem Umgang mit der Opposition, einer Verwaltung, die transparent arbeitet, gerechter Wohlstandsverteilung, kostenloser Gesundheitsversorgung und hoher Lebensqualität werden in unseren Medien nur am Rande wahrgenommen. Erfolgsgeschichten sind Journalisten in der Regel nicht berichtenswert.
Neben dem Tourismus sind die Seychellen ein wichtiger internationaler Offshore-Finanzplatz. Das Land agiert als regulierter, digitalisierter Dienstleister für legalen grenzüberschreitenden Handel. Seit dem 1. Januar 2026 gibt einen Code of Corporate Governance der seychellischen Finanzaufsicht. Lizenzierten Firmen müssen ortsansässiges Personal beschäftigen und jährliche Transparenzberichte vorlegen.
Früher unbewohnt
Der spätere Inselstaat (115 Inseln) war bis weit in das 18. Jahrhundert unbewohnt. Eine Besiedlung begann 1770 mit der Ankunft französischer Siedler mit Sklaven. Sie begannen eine Plantagenwirtschaft mit dem Anbau von Grundnahrungsmitteln, wie Reis, Mais, Maniok und Zuckerrohr. Für den Export pflanzten sie Zimt, Nelken, Muskatnuss und Vanille. Die Sklaven als Arbeitskräfte kauften sie über arabische Zwischenhändler auf Sklavenmärkten in Sansibar oder Mosambik.
Die Seychellen waren bis zu ihrer Unabhängigkeit (1976) französisch und später britisch kolonisiert. Die heute kreolische Bevölkerung stammt mehrheitlich von afrikanischen Sklaven ab, die im 18. und 19. Jahrhundert auf die Inseln verschleppt wurden. Nachdem Großbritannien die Seychellen während der Napoleonischen Kriege besetzt hatte, setzten die Briten das Verbot des Sklavenhandels ab 1815 durch. Danach war es verboten, neue Sklaven auf die Inseln zu importieren. Die bestehende Sklaverei auf den Plantagen wurde aber erst 1835 verboten. Am 1. Februar 1835 bekamen rund 6.500 Sklaven ihre Freiheit, das waren etwa 90 Prozent der Menschen auf den Inseln. Die ehemals Versklavten und deren Nachfahren lebten von Subsistenzwirtschaft, Tierhaltung, Fischfang oder arbeiteten auf den Plantagen. Die britische Marine brachte illegale Sklavenschiffe im Indischen Ozean auf und brachte Tausende befreite Afrikaner auf die Seychellen.
Am 2. Dezember 1888 trat die internationale Seeblockade vor der Küste Ostafrikas in Kraft, um den arabischen Sklavenhändlern den Nachschub abzuschneiden. Daran war auch die Kaiserliche Marine unter anderem mit dem Korvettenkapitän Johannes Hirschberg beteiligt, der den Kreuzer „Schwalbe“ befehligte. Die deutschen Schiffe kaperten arabische Dhaus und befreiten 200 für arabische Länder vorgesehene Sklaven. Hirschberg starb kurz danach an Malaria, aber seine Witwe Hedwig veröffentlichte 1895 seine Aufzeichnungen. Er dokumentierte das Elend der Sklaven und beschrieb den schlechten körperlichen Zustand der Verschleppten. Die Befreiten, die tagelang ohne Wasser und Nahrung eingepfercht waren, wurden vom Schiffsarzt versorgt. Hirschberg ließ auch Kleidung anfertigen und nahm den Verängstigten die Todesangst. Die Befreiten wurden zu christlichen Missionen nach Sansibar und Bagamoyo (Deutsch-Afrika, heute Tansania) gebracht. Einzelne jüngere Männer wurden auf den deutschen Schiffen des Kreuzergeschwaders als Dolmetscher angestellt. Ob auch damals befreite Afrikaner nach den Seychellen befördert wurden, ist nicht bekannt. In der Geschichte des deutschen Kolonialismus wird diese Geschichte weitgehend ausgespart. Kein Hinweis auf Hirschberg im Berliner Humboldtforum. Dafür wird Hassan bin Omari, ein mächtiger Sklavenhändler, als Freiheitskämpfer verklärt.
Heutige Zeit
Friedliche Machtwechsel, konfliktfreie Wahlen und der Umgang mit der Opposition auf den Seychellen werden, ähnlich wie in Botswana, als leuchtendes Beispiel gelobt. In vielen anderen Staaten versuchen autokratische Regime wie z.B. in Uganda,, Kamerun und Äquatorialguinea, ihre Macht durch Verfassungsänderungen oder manipulierte Wahlen zu sichern. In West- und Zentralafrika führten die Unzufriedenheit mit den Regierenden in zahlreichen Staaten zu Militärputschen. Auf den Seychellen gibt es effektive Kontrollmechanismen, die Machtmissbrauch und Korruption blockieren und für Transparenz sorgen.
Im aktuellen Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) von Transparency International führen die Seychellen Subsahara-Afrika unverkennbar an. Global liegen sie auf Platz 24 gleichauf mit Taiwan (noch vor Frankreich Platz 27 oder Spanien Platz 49). In Afrika folgen Kap Verde, Botswana und Ruanda.
Die Opposition unterliegt in der Nationalversammlung keinen institutionellen Beschränkungen, keiner finanziellen Benachteiligung, die parlamentarische Kontrolle wird nicht untergraben, und der Einfluss von Regierungskritikern wird nicht – wie in anderen Staaten – systematisch geschwächt. Afrikanische Beobachter der Presse und des Rundfunks bewerten die Unabhängigkeit der Medien im afrikanischen Vergleich als überdurchschnittlich gut. Der politische Wettbewerb verlaufe nach rechtsstaatlichen Prinzipien. Die Opposition werde nicht behindert. Sie nehme eine aktive, kontrollierende und respektierte Rolle im parlamentarischen Alltag ein.
Für Deutsche sind die Seychellen eines der beliebtesten Fernreiseziele. Deutschland hat nur einen geringen Warenaustausch (Generatoren, Fahrzeuge, Medikamente und Lebensmittel, z.B. Brot für Deutsche auf dem Frühstücksbuffet in den Luxushotels). Wir importieren vorwiegend verarbeitete Fischerzeugnisse wie Thunfischkonserven. Die Chinesen investieren im Rahmen ihrer maritimen Seidenstraße in Infrastrukturprojekte (Wohnungsbauprojekte, sanitäre Infrastruktur und Abwassermanagement sowie Lager- und Agrarinfrastruktur), um ihren Einfluss im Indischen Ozean auszubauen. Indien hilft beim Kampf gegen Piraterie, und die USA nutzen die Seychellen zur Überwachung von Drogen- und Waffenschmuggel.
Das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen entwickelte sich friedlich. Es gab keine Unruhen oder ethnische Konflikte. Französische Siedler, befreite Sklaven, indische und chinesische Händler (ab dem 19. Jahrhundert) heirateten untereinander. Aus dieser Vermischung entstand die heutige kreolische Bevölkerung. Rassismus und ethnische Diskriminierung spielen offenbar kaum eine Rolle, da fast jede Familie Vorfahren verschiedener Hautfarben hat. Die seychellische Gesellschaft ist stark matriarchalisch geprägt. Immobilien, Grundstücke werden bevorzugt an Töchter vererbt, um die Stabilität der nächsten Generation zu sichern. Bereits zu Lebzeiten wird das Familienhaus auf die Tochter überschrieben, um spätere Erbstreitigkeiten auszuschließen. (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“).