Von Berlin bis Wien: Algerische Mediziner:innen fassen im deutschsprachigen Europa Fuß

Sie lernen Deutsch in Algier, Oran oder Constantine und stellen sich anschließend einem der anspruchsvollsten Anerkennungsverfahren Europas. In Algerien ausgebildete Ärzte und Pflegekräfte etablieren sich zunehmend in Deutschland und Österreich – zwei Länder, die unter einem akuten Fachkräftemangel im Gesundheitswesen leiden, bei der Qualität ihrer Bewerber jedoch keine Kompromisse eingehen. Ihr Erfolg in diesem anspruchsvollen Umfeld unterstreicht den hohen Stellenwert der öffentlichen und kostenlosen medizinischen Ausbildung in Algerien.

Eine medizinische Ausbildung, die längst über Frankreich hinaus gefragt ist

Der gute Ruf algerischer Mediziner ist in Frankreich seit Langem etabliert. Dort arbeiten heute rund 8.000 Ärzte, die ihre Ausbildung in Algerien absolviert haben. Damit stellen sie mit großem Abstand die größte Gruppe ausländischer Mediziner im französischen Gesundheitswesen.

Inzwischen geht die Entwicklung jedoch weit über diesen traditionellen Zielmarkt hinaus. Während frühere Generationen fast ausschließlich aufgrund der gemeinsamen Sprache nach Frankreich gingen, richtet sich der Blick vieler junger Absolventen heute auf den deutschsprachigen Raum – ohne sprachliche Brücke und ohne gewachsene Netzwerke.

Der Weg dorthin ist deutlich anspruchsvoller: Zunächst müssen allgemeine Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2 erworben werden, anschließend medizinisches Fachdeutsch auf dem Niveau C1. Danach folgt die Kenntnisprüfung vor den zuständigen Behörden der deutschen Bundesländer. Dass immer mehr algerische Ärzte diesen anspruchsvollen Weg erfolgreich absolvieren, spricht für die Qualität der medizinischen Fakultäten, an denen sie ausgebildet wurden.

In Algier sind die deutschen Sprachinstitute inzwischen stark ausgelastet. Spezialisierte Einrichtungen begleiten Bewerber bis zum Erhalt der Approbation, der deutschen Berufszulassung. Zudem findet seit mehreren Jahren jährlich eine Konferenz algerischer Ärzte in Deutschland statt – ein Zeichen dafür, dass sich diese Berufsgruppe dauerhaft in Deutschland etabliert hat.

Anspruchsvolle Gesundheitssysteme bestätigen die Qualität des algerischen Diploms

Ende 2025 arbeiteten in Deutschland mehr als 71.000 ausländische Ärzte. Damit stellten sie rund 16 Prozent der insgesamt 446.120 praktizierenden Mediziner, wie aus den Daten der Bundesärztekammer hervorgeht. Innerhalb von 25 Jahren hat sich ihre Zahl mehr als verfünffacht.

Deutschland rekrutiert jedoch keineswegs nach dem Prinzip „Masse statt Klasse“. Das Verfahren zur Erlangung der Approbation umfasst eine Gleichwertigkeitsprüfung sowie eine Kenntnisprüfung, an der zahlreiche Bewerber scheitern. Wer diese Hürde erfolgreich nimmt, arbeitet häufig in Universitätskliniken oder hochspezialisierten Fachabteilungen – insbesondere in Bereichen mit erheblichem Personalmangel, in denen die siebenjährige universitäre und klinische Ausbildung algerischer Ärzte besonders geschätzt wird.

Auch Österreich verfolgt vergleichbare Standards. Der EURES-Bericht 2023 der Europäischen Kommission zählt das Land zu den europäischen Staaten, die besonders stark auf im Ausland ausgebildete Pflegekräfte angewiesen sind. Über die Rot-Weiß-Rot-Karte erhalten qualifizierte Fachkräfte Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt, allerdings ebenfalls erst nach einem strengen Anerkennungsverfahren. Wer bereits über gute Deutschkenntnisse verfügt, profitiert zudem davon, dass Anerkennungen innerhalb des deutschsprachigen Raums den Wechsel zwischen Deutschland und Österreich erleichtern. Entsprechend vermitteln Personalagenturen gleichermaßen Stellen in Frankfurt, Wien oder Zürich.

Eine medizinische Diaspora als Motor der Zusammenarbeit

Die wachsende Präsenz algerischer Mediziner im Ausland bietet auch für Algerien Chancen. Medizinische Diasporagemeinschaften zählen weltweit zu den aktivsten Akteuren beim Wissenstransfer – sei es durch medizinische Einsätze im Herkunftsland oder durch die Betreuung junger Fachkräfte aus der Ferne.

Die algerischen Ärzte in Frankreich gehen dabei seit Jahrzehnten mit gutem Beispiel voran. Ihre Kollegen in Deutschland und Österreich eröffnen darüber hinaus den Zugang zu führenden Forschungszentren für klinische Medizin und zur pharmazeutischen Industrie. Diese Kontakte kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Algerien neue Universitätskliniken errichtet und seine eigene Arzneimittelproduktion ausbauen möchte.

Hinzu kommen die Devisenüberweisungen der Diaspora, zu denen gut verdienende Gesundheitsfachkräfte im Ausland dauerhaft beitragen. Manche kehren nach einigen Jahren zurück – ausgestattet mit Spezialisierungen, die sie an modernsten medizinischen Einrichtungen erworben haben –, um im expandierenden privaten Gesundheitssektor oder in neuen Universitätskliniken Algeriens tätig zu werden.

Mobilität in eine echte Partnerschaft verwandeln

Deutschland hat mit dem Programm Triple Win, das gemeinsam mit mehreren Partnerstaaten unter dem Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation umgesetzt wird, gezeigt, dass die Anwerbung von Gesundheitsfachkräften auf staatlicher Ebene geregelt werden kann. Solche Abkommen verbinden die Rekrutierung mit Investitionen in Ausbildung und Gesundheitsstrukturen der Herkunftsländer.

Ein vergleichbarer Rahmen zwischen Algerien, Deutschland und Österreich könnte die Karrierewege algerischer Mediziner absichern und gleichzeitig Investitionen in die medizinischen Fakultäten Algeriens ermöglichen. Ziel wäre eine zirkuläre Mobilität, bei der ein Teil der Fachkräfte nach einer qualifizierten Weiterbildung im Ausland in die Heimat zurückkehrt.

Offizielle Gespräche über ein solches Abkommen gibt es bislang jedoch nicht. Angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland und Österreich bestehen allerdings kaum Zweifel daran, dass der Bedarf an qualifizierten Gesundheitsfachkräften auch in den kommenden Jahren hoch bleiben wird. (Quelle: afrik.com)