
In ihrem autobiografischen Roman schildert Tina, die Autorin dieses Buches, ihre täglichen Erlebnisse und Begebenheiten, gebündelt in Geschichten von über 20 Jahren in Südafrika.
2001 reist sie mit ihrem Mann auf einem Containerschiff nach Kapstadt. Später ziehen sie nach Johannesburg, leben und arbeiten, sie als Filmemacherin, er als Kameramann. Sie trennen sich. Tina muss für ihre journalistischen Arbeiten neue Mitarbeiter:innen suchen.
Im Süden von Johannesburg kauft sich Tina ein eigenes Haus. Nelson, den Gärtner, übernimmt sie von den Vorbesitzern. Später kommt Sally, die Haushaltshilfe, dazu. Nelson will sie heiraten, er wartet auf sie. Auch Tina muss sich immer wieder gedulden, bis Sally wiederkommt.
Entweder ist sie bei ihren Verwandten oder sie möchte nicht darüber sprechen, wo sie sich aufgehalten hat.
Beide nimmt sie als Familienangehörige auf. Sie teilt mit ihnen das Haus, die Mahlzeiten sowie ihre Haustiere.
Der Sohn einer befreundeten Familie darf bei ihr wohnen. Seine Mutter ist an HIV/Aids erkrankt, der Vater ist überfordert und überlässt ihr gerne seinen Sohn: Tina sorgt dafür, dass er in die Schule gehen kann.
In ihrem Haus versammeln sich unterschiedliche Personen: Musiker, Männer und Frauen mit wechselvollen Lebensgeschichten. Tina findet für alle einen Platz.
Ihre Beziehungen zu Männern beendet sie, da sie der Meinung ist, dass sie ihre Großzügigkeit ausnutzen und eigentlich nur an finanzieller Unterstützung interessiert sind.
Unterschiedlich sind ihre journalistischen Aktivitäten. Tina ist an einem Institut beschäftigt, wo Journalist:innen ausgebildet werden. Neue Aufträge im Inland und im Ausland zu bekommen, ist ihre ständige Sorge. Reportagen dreht sie für Fernsehsender in der Schweiz.
Für die Roger Federer Stiftung arbeitet sie an einem Langzeitvideo. Tina fährt mit ihrem Team nach Malawi. Beobachtungen über die frühkindliche Bildung sollen in einem Video festgehalten werden.
Trotz der schwierigen Lernbedingungen in den überfüllten Schulklassen sind die Kinder motiviert. Sie wollen sich Wissen aneignen.
Ihr Haus ist immer voll bis auf den letzten Platz. Auch ihre demente Mutter holt sie aus der Schweiz und lässt sie von Pflegerinnen umsorgen.
Tina ist trotz ihrer körperlichen Verletzungen und erlebten Enttäuschungen immer unterwegs. An ihrer Seite finden sich regelmäßig Fachleute, die sie in ihren Produktionen unterstützen.
Ihr Drogenkonsum holt sie ein. Sie wird von der Polizei festgenommen. Sie erhält eine Strafanzeige wegen unerlaubten Besitzes von Kokain. Ein Jahr lang darf sie nicht nach Südafrika einreisen, da sie wegen der Drogen als vorbestraft gilt.
Der erlebte Überfall in ihrem Haus trifft sie schwer, da sie vermutet, dass einer ihrer Mitbewohner mit den Banditen gemeinsame Sache gemacht hat. Stürze schränken ihre Arbeitsfähigkeiten ein. Durch das Netzwerk an Freund:innen gelingt es ihr, diese Krisen zu bewältigen.
Ihre Beziehungen zu Männern scheitern mehrfach. Sie lernt Ricky kennen, einen Journalisten, der zu ihrer Lebensform passt.
Für ihre Reportagen, Videos und Artikel erhielt Cristina Karrer mehrere Auszeichnungen.
Die Bandbreite ihrer Arbeiten beinhaltet Porträts von Südafrikaner:innen.
Sie berichtet von Tieren in ihrer natürlichen Umwelt und von den zahlreichen Naturparks.
Auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2010, die erste auf dem afrikanischen Kontinent, bringt sie dem interessierten Publikum nahe.
Als Afrika-Korrespondentin skizziert sie die südafrikanische Politik. Sie vermittelt in ihren Reportagen die fundamentale Rolle von Nelson Mandela für die Entwicklung Südafrikas.
Die Journalistin weist auf die Gefahren hin, die sich mit dem Nachfolger von Mandela, Zuma, offensichtlich zeigen.
Cristina Karrer Dokumentarfilm „Namibia – Deutschlands langer Schatten“ von 2022 findet internationale Anerkennung. Für den Dokumentarfilm „Überleben in der Dürre“ erhielt sie 2023 den Swiss Press Award. Der Film thematisiert den Klimawandel in Kenia und zeigt dessen wünschenswerte Lösungen zur Verbesserung der Lage, auf.
Die Afrika-Korrespondentin, die Filmemacherin, die Autorin, hat ihr Leben in Johannesburg in diesem Buch festgehalten. Ein zentraler Punkt bezieht sich auf Warten. Die Autorin meint damit nicht nur das Warten auf Susy, sondern ihr Warten auf sich selbst, dass sie endlich verstehe, dass gewisse Beziehungen sich nicht in Freundschaft verwandeln können. Denn der Graben, der Unterschied, die Andersartigkeit sei einfach zu groß.
Ein berührendes Buch. Es spart nicht an widersprüchlichen Gefühlen. Der Verfasserin fällt es schwer, die Unterschiedlichkeit der Lebenswelten anzuerkennen. Sie versucht dies auszugleichen, indem sie immer wieder, meist finanziell, ihre Mitbewohner:innen unterstützt.
Cristina Karrer thematisiert Arroganz, Rassismus, weiße Schuld und schwarze Spiritualität.
Dieses Buch mit ihrer persönlichen Geschichte von Enttäuschungen, und neuem Mut hat viel mit Lernen zu tun. Es macht trotz der persönlichen Note viel über den afrikanischen Kontinent begreifbar. Das macht ihr Buch besonders: eine spannende und aufschlussreiche Lektüre. (Theresa Endres)
Cristina Karrer
Warten auf Susy
Mein afrikanisches Leben
Dumont Verlag, 2025
296 Seiten
ISBN 978-3-616-03516-1
18,95 Euro