Burkina Faso: Thomas Sankara – Der Mann, der der Entwicklungshilfe gefährlich wurde

Von *Volker Seitz • Im Rahmen der offiziellen Unabhängigkeitsfeiern in Burkina Faso gab es am Donnerstag, dem 6. August, zum zehnten Mal eine Gedenkzeremonie für den Präsidenten Thomas Sankara und seine zwölf Weggefährten, die gemeinsam mit ihm ums Leben kamen. Thomas Sankara hatte die Machtinteressen Frankreichs und die „guten Absichten“ der Helferindustrie empfindlich gestört. Das hatte Folgen.

Um das Andenken an Thomas Sankara lebendig zu erhalten, wurde der Bau eines Mausoleums mit insgesamt 14 Statuen angekündigt. Zwölf davon sollen Sankaras Wegbegleitern gewidmet werden, eine weitere dem „Ehrenpräsidenten“ Jerry John Rawlings (Präsident von Ghana 1981–2001).  (Wie sein Freund Sankara gab sich Rawlings volksnah, verzichtete auf Statussymbole und hatte wegen seiner am Gemeinwohl orientierten Politik einen Kultstatus bei der armen Bevölkerung.) Überdies sollen auch eine Bibliothek und ein Amphitheater für 3.000 Personen entstehen. Der Staat übernimmt 60 Prozent der Kosten von 180 Millionen Euro. Der verbleibende Rest soll über Spenden der Bevölkerung und der Diaspora zusammenkommen („Ma brique pour Sankara“/„Mein Baustein für Sankara“). Da er bis heute als Symbol für Integrität, Antikolonialismus und Patriotismus gilt, zweifle ich nicht, dass insbesondere die Diaspora es nicht an Unterstützung fehlen lassen wird.

Thomas Sankara wurde 1949 in der damaligen französischen Kolonie Obervolta geboren. Wie sein Vater, der in der französischen Armee gedient hatte, schlug er nach der Unabhängigkeit des Landes eine militärische Laufbahn ein. Er beteiligte sich an dem unblutigen Putsch seines Freundes Blaise Compaoré und wurde 1983 der fünfte Präsident Obervoltas. Er änderte den Namen in Burkina Faso (Land der Aufrechten). 1987 wurde er mit Wissen seines Weggefährten Compaoré umgebracht. Nach Sankaras gewaltsamem Tod wurde dieser zum Präsidenten ernannt und blieb es bis 2014, wo er durch einen Volksaufstand verjagt wurde. Heute wird Thomas Sankara in vielen afrikanischen Ländern als Held gefeiert. Er hatte einen ehrlichen Reformwillen, der bis heute noch Millionen, vor allem junge Menschen in Afrika inspiriert.

Welche Reformen brachte Sankara auf den Weg?

 – Radikaler Sparkurs: Er senkte die Gehälter von Politikern, Beamten (inklusive seines eigenen Gehaltes) und ersetzte Dienstwagen der Minister durch einfache Kleinwagen (Renault 5) ohne Fahrer. (Sankara war von einem unbestreitbaren Idealismus geleitet. Er ließ sich als Präsident nur das Gehalt eines Armee-Hauptmannes von 138.000 CFA-Francs (ca. 450 US-Dollar) auszahlen.) Nach seinem Tod hinterließ er als persönlichen Besitz einen gebrauchten Renault 5, vier Fahrräder und drei Gitarren.)

– Eine Bodenreform: Um die ländliche Bevölkerung zu stärken, verteilte er Land direkt an Kleinbauern. Durch Anbauprogramme und Bewässerung steigerte er die nationale Produktion von Nahrungsmitteln, um teure Importe zu ersetzen.

– Förderung der Frauen in politischen Ämtern und im Militär. Weibliche Genitalverstümmelung, Kinderehe, Polygamie und Zwangsheirat wurden verboten.

– Die ländliche Bevölkerung von 15 bis 50 Jahren erhielt ab 1986 Grundbildungsunterricht (l’Opération Alfa) in den lokalen Sprachen. Die Alphabetisierungsrate stieg in kurzer Zeit von unter 10 % auf über 70 % in den betreuten Regionen. Gleichzeitig wurden Schulen und Basisgesundheitsstationen in den Dörfern aufgebaut. Mit einer großen Impfkampagne wurden innerhalb weniger Monate Kinder gegen Masern, Meningitis und Gelbfieber geimpft.

– Die lokale Produktion von Textilien, um Importe zu ersetzen, wurde gefördert. Es durfte ausschließlich im Inland angebaute Baumwolle verwendet werden. Schul- und Militäruniformen wurden gesetzlich auf heimische Baumwollstoffe umgestellt. Vor seinem Putsch produzierte Burkina Faso unter französischer Kontrolle große Mengen Baumwolle. Diese wurde billig und unverarbeitet nach Europa exportiert. Dort zu teurer Kleidung verarbeitet und zurückverkauft. Die Franzosen halfen in ihren ehemaligen Kolonien nicht dabei, eigene Fabriken aufzubauen, sondern hielten auch Burkina Faso in einer dauerhaften Rolle als abhängiger Konsument westlicher Waren.

Billigte Frankreich die Ermordung?

Durch seine extremen Sparmaßnahmen (Kürzung der Gehälter, Abschaffung von teuren Dienstwagen und sonstiger Privilegien) verlor er Rückhalt bei seinen früheren Mitstreitern. Sie sahen ihre eigene Macht gefährdet. Frankreich unter François Mitterrand sah seine Vormachtstellung in Westafrika gefährdet. Nachbarstaaten wie die Côte d’Ivoire fürchteten das Übergreifen der Revolution auf ihr Land. Es wird vermutet, dass Frankreich den Putsch und die Ermordung von Thomas Sankara billigte. Zahlreiche historische Indizien und Zeugenaussagen deuten auf eine aktive Rolle oder zumindest logistische Schützenhilfe des damaligen französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE und des berüchtigten afrikanischen Netzwerkes von Jacques Foccart (Francafrique) hin. Jedenfalls war Mitterrand nicht unglücklich, dass Blaise Compaoré sofort die Macht übernahm und viele Reformen Sankaras rückgängig machte. Beispiel: Sankaras striktes Verbot für den Import westlicher Konsumgüter und Lebensmittel schadete den französischen Exporten. Der gehorsame Partner Campaoré machte diese Verbote rückgängig.

Compaoré regierte das Land für 27 Jahre mit harter Hand, bis er 2014 aufgrund von Volksprotesten das Land fluchtartig mithilfe Frankreichs in Richtung Côte d’Ivoire verlassen musste. Ein Militärgericht in Burkina Faso verurteilte Compaoré 2022 – in Abwesenheit – für seine Rolle bei der Ermordung Sankaras und seiner 12 Mitarbeiter und Leibwächter zu lebenslanger Haft.

Wie hat die Entwicklungshilfeindustrie auf Thomas Sankara reagiert?

Sankara lehnte die klassische Entwicklungshilfe und Kredite als Werkzeuge des Neokolonialismus ab. Die Gebergemeinschaft reagierte mit diplomatischem Druck und wirtschaftlichen Sanktionen, da er die Strukturanpassungsprogramme des IWF ablehnte und stattdessen auf Eigenständigkeit und nationale Selbstversorgung setzte. Der IWF, die Weltbank und westliche Regierungen wie Frankreich sahen in ihm eine Bedrohung für ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Westafrika.

Von Frankreich unterstützte Nachbarländer wie die Côte d’Ivoire und Togo erschwerten den Transit von Gütern von und nach Burkina Faso. Als Binnenland war es existenziell auf deren Häfen angewiesen. Im sogenannten Weihnachtskrieg 1985 mit dem Nachbarland Mali um den mineralienreichen Agacher-Streifen (die vermuteten Mineralien waren allerdings nicht so ertragreich wie erhofft) unterstützte vor allem Frankreich Mali in diesem Grenzkonflikt politisch und logistisch, um Sankaras Militärregierung zu schwächen. Der Streit wurde 1986 vor dem IGH in Den Haag verhandelt und das Gebiet wurde zu gleichen Teilen aufgeteilt.

Unmittelbar nach der Ermordung von Thomas Sankara akzeptierte Compaoré die Bedingungen der ausländischen Geber. Damit kehrte das Land zu den Programmen der Weltbank und des IWF zurück, und auch die GTZ (heute GIZ) eröffnete ein offizielles Büro in Ouagadougou.

Warum war Thomas Sankara für die Entwicklungshilfe-Geschäfte gefährlich?

Thomas Sankara war für die klassische Entwicklungshilfeindustrie gefährlich, weil er durch konkrete Erfolge bewies, dass ein afrikanisches Land ohne ihre Gelder, ohne ihre „Experten“ und ohne ihre Kredite nicht nur überleben, sondern sich auch bescheiden entwickeln kann. Indem er die Geber überflüssig machte, entzog er ihnen die moralische und politische Existenzberechtigung und bedrohte ein bis heute hochprofitables System.

In nur vier Jahren erreichte Sankara durch massive Mobilisierung der Bevölkerung, den Bau von Bewässerungsanlagen und die Verteilung von Land an Kleinbauern eine nahezu vollständige Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln. Das zeigte, dass das Land nicht auf ausländische Nahrungshilfe angewiesen war. Sankara warnte eindringlich vor Krediten von Weltbank und IWF, weil viele Staaten, die diese Kredite annahmen, ihre Bildungs- und Gesundheitssysteme drastisch kürzen mussten (Strukturanpassungsprogramme), um Schulden zu bedienen. Entwicklungshilfe war für ihn ein Instrument geopolitischer Kontrolle und Lähmung der Eigeninitiative. Er war überzeugt, dass, wer die Ernährung seiner Bevölkerung nicht selbst kontrollieren konnte, erpressbar sei (Entzug von Nahrungsmittelhilfe wie Getreide, Hirse und Reisüberschüssen sowie Krediten). Er bewies, dass jahrelange westliche Nahrungsmittelhilfe nicht die Rettung vor dem Hunger war, sondern die Ursache dafür, dass die lokale Landwirtschaft nie eigenständig wachsen konnte.

Klassische Entwicklungshilfe funktioniert noch heute so, dass ein Großteil der Gelder in Form von Gehältern an westliche Berater, Gutachter und Projektleiter zurückfließt. Sankara setzte stattdessen auf das Wissen und die Arbeitskraft der eigenen Bevölkerung.

Sind die Persönlichkeiten Thomas Sankara und Paul Kagame vergleichbar?

Beide, Thomas Sankara und Paul Kagame (Ruanda), gelten als disziplinierte, machtbewusste Reformer und beide haben die klassischen Erpressungsmechanismen der Betreuungsindustrie erfolgreich ausgehebelt. Beide fordern oder forderten eine Mobilisierung aus eigener Kraft. Eine echte Unabhängigkeit und wirtschaftlicher Fortschritt können nicht durch Millionenhilfen bzw. heute Milliardenhilfen von außen entstehen, sondern durch inneren Reformwillen und die strikte Bekämpfung von Korruption.

Helferorganisationen werden in Ruanda strikt kontrolliert und müssen ihre Budgets sowie Zielsetzungen gegenüber den Behörden transparent offenlegen. Hilfe wird nur dann geduldet, wenn sie Kapazitäten vor Ort aufbaut, anstatt Abhängigkeiten zu zementieren. (In der ökonomischen Realität füttert in vielen afrikanischen Ländern auch heute noch die „Hilfsindustrie“ eine lähmende Wohlfahrtsmentalität und Korruption.)

Beide Staatschefs betonen bzw. betonten, dass internationale Entwicklungshilfe und Kredite keine Akte der Nächstenliebe sind, sondern Werkzeuge der politischen Kontrolle.

Wenn Entwicklungshilfe an die Durchsetzung westlicher Gendervorstellungen oder gesellschaftlicher Programme gekoppelt wird, stößt dies inzwischen in weiten Teilen Afrikas auf Ablehnung. Ebenso wächst die Kritik an westlichen Klimaprojekten gewaltig und wird von afrikanischen Ökonomen (z.B.  James Irungu Mwangi aus Kenia) zunehmend als eine Form des „grünen Kolonialismus“ oder „Klimaschutz-Imperialismus“ angeprangert. (Quelle: achgut.com, mit frdl. Genehmigung des Autors *Volker Seitz, Botschafter a.D. und Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“)