
Der Vorfall an Marokkos Ostgrenze ist keine bloße Randnotiz: Er ist ein vergrößernder Spiegel einer tiefen geopolitischen Bruchlinie im Maghreb. Während Algier seine Souveränität durch unerschütterliche Treue zur palästinensischen Sache bekräftigt, verstrickt sich Rabat in ein existenzielles Dilemma. Zwischen einer offen eingegangenen Militärallianz mit Israel und dem Vorsitz des Al-Quds-Komitees spielt das Königreich ein gefährliches Spiel, das für eine aufgebrachte marokkanische Straße zunehmend unhörbar wird.
Auf den ersten Blick war es nur eine isolierte Provokationsgeste am Strand von Bin Lajraf, jenem geografischen Reibungspunkt, an dem der Oued Kiss Marokko von Algerien trennt. Doch das Bild einer israelischen Flagge, die in den letzten Tagen auf marokkanischer Seite gegenüber den algerischen Grenzposten geschwenkt wurde, wirkte wie ein Indikator für die Geopolitik des Maghreb. Es legte brutal zwei Weltanschauungen offen: die doktrinäre Beständigkeit Algiers gegenüber den zunehmend untragbaren Widersprüchen Rabats.
Die algerische Zitadelle: eine unerschütterliche Treue
Die Reaktion aus Algerien ließ nicht auf sich warten. Unmittelbar nach der Provokation wurde auf der anderen Seite des Ufers die palästinensische Flagge hoch und deutlich gehisst. Über den Reflex hinaus symbolisiert diese Geste die Haltung Algeriens: die einer moralischen Festung, die sich weigert, den Sirenengesängen der Normalisierung zu erliegen.
In einem sich wandelnden Maghreb behauptet sich Algerien mehr denn je als letzter Hüter des Tempels der palästinensischen Sache. Dort, wo andere arabische Hauptstädte ihre Prinzipien gegen Handels- oder Sicherheitsabkommen eingetauscht haben, hält Algier an einer klaren Linie fest: keine Kompromisse. Diese Klarheit verleiht der algerischen Diplomatie eine Kohärenz, die selbst bei ihren Kritikern Respekt erzwingt, und sichert ihr eine vollständige nationale Geschlossenheit in dieser Frage. Volk und Staat sprechen hier mit einer Stimme.
Das Paradox des Befehlshabers der Gläubigen
Auf der anderen Seite der Grenze ist das Unbehagen greifbar. Der Flaggenvorfall hat die diplomatische Schizophrenie des schérifischen Königreichs schonungslos offengelegt. Wie kann König Mohammed VI., der offiziell den Vorsitz des Al-Quds-Komitees innehat, das mit dem Schutz des arabisch-muslimischen Charakters Jerusalems betraut ist, dulden, dass die Flagge des hebräischen Staates an seinen eigenen Grenzen weht? Und morgen vielleicht auf den Dächern Ostjerusalems?
Darin liegt das ganze Drama der gegenwärtigen marokkanischen Position. Mit der einen Hand versucht der Palast, seine religiöse Legitimität und seine Aura als Verteidiger des Islam zu bewahren; mit der anderen beschleunigt er eine militärische und strategische Allianz mit Tel Aviv. Die jüngst unterzeichneten Rüstungsverträge mit der israelischen Militärindustrie, die die militärische Überlegenheit des Königreichs in der Region sichern sollen, werden von vielen als ein faustischer Pakt wahrgenommen.
Diese Strategie geht mit einer immer stärkeren Anlehnung an Washington einher. Der Beitritt Marokkos zum „Club für den Frieden“ gleicht zunehmend einer offen akzeptierten Vasallisierung. Indem es den Schutz des amerikanischen Schutzschirms und israelische Technologie sucht, um dem algerischen Nachbarn zu begegnen, scheint Marokko einen Teil seiner politischen Souveränität verpfändet zu haben.
Tanger: der Aufschrei des Volkes gegen den Verrat der Eliten
Doch die eigentliche Gefahr für Rabat kommt nicht aus Algier, sondern von der Straße. Die Wut, die in Tanger ausbrach, ist das Symptom einer wachsenden Kluft zwischen dem „Makhzen“ (der zentralen Macht) und dem marokkanischen Volk.
Tanger, eine historisch aufmüpfige Stadt, tief verwurzelt in der arabisch-muslimischen Identität, wurde zum Schauplatz hochsymbolischer Szenen. Indem die Demonstranten die israelische Flagge verbrannten, zeigten sie, dass nicht alle Marokkaner diese Annäherung an den hebräischen Staat teilen. Darüber hinaus sandten sie ein deutliches Zeichen der Missbilligung an ihre eigenen Machthaber. Für den durchschnittlichen marokkanischen Bürger bleibt die palästinensische Sache heilig, existenziell. Mit anzusehen, wie seine Regierung israelischen Offiziellen den roten Teppich ausrollt, während Gaza leidet, ist eine tägliche Demütigung. Dies, kombiniert mit dem luxuriösen Lebensstil Mohammeds VI. und seinen fragwürdigen Kontakten zu MMA-Sportlern, schwächt die Monarchie erheblich.
Der Grenzzwischenfall hat die Masken fallen lassen. Auf der einen Seite ein Algerien, das fest in seinen Stiefeln steht und seiner revolutionären Geschichte treu bleibt. Auf der anderen Seite ein offizielles Marokko, verstrickt in seine Widersprüche, dessen Spagat zwischen dem Vorsitz des Al-Quds-Komitees und der Allianz mit Tel Aviv nun droht, das Vertrauensband zum eigenen Volk zu zerreißen.
Wer auf allen Schachbrettern zugleich spielen will, läuft Gefahr festzustellen, dass man äußere Sicherheit nicht unbegrenzt um den Preis des inneren sozialen Friedens erkaufen kann. (Quelle: afrik.com)