Eritrea/Teil 04: „Der Bergbau ist ein wichtiger Motor für die Entwicklung des Landes“

Eritrea/Teil 04: „Der Bergbau ist ein wichtiger Motor für die Entwicklung des Landes“
Symbolbild

Gespräch mit Alem Kibreab, Leiter des Department of Mining im Ministerium für Energieund Bergbau.

                                                                                                                                                        

Eritrea ist ein Land mit großen Ressourcen an Bodenschätzen. Können Sie mir einen Überblick geben?

In der Tat, wir haben hier viele und sehr erfolgversprechende Lagerstätten verschiedener Bodenschätze, die zum Teil bereits abgebaut werden, erkundet sind oder derzeit erkundet werden. Ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Die größte Mine, die derzeit in Betrieb ist, ist die Bisha- Mine, wo im Tagebau Gold, Silber, Kupfer und Zink in hoher Konzentration abgebaut und für den Export aufbereitet werden. Bisha ging 2011 in Betrieb. 2019 nahm die Zara-Mine ihren Betrieb voll auf und seit 2024 wird 13- bis 16-prozenthaltiges Kupfererz von der Asmara Mining Share Company aus der Mine Debarwa direkt zur Verhüttung nach China verschifft. Außerdem haben wir ein riesiges Vorkommen an Pottasche (Pottasium chloride) in der Danakil-Senke. Pottasche ist die Grundlage für die Produktion von Dünger und die Vorkommen in Eritrea können den weltweiten Bedarf laut der Machbarkeitsstudie für rund 200 Jahre decken.

An diesem Projekt wird schon seit Jahren gearbeitet – wann soll der Abbau beginnen?

Die Colluli Mining Share Company (CMSC), ein 50:50-Joint-Venture zwischen der staatlichen Eritrean National Mining Cooperation (ENAMCO) und dem australischen Unternehmen Danakali LTD, hat das Projekt in sehr guter Zusammenarbeit vollständig entwickelt. Es fehlt noch die endgültige Finanzierung der Aufbereitungsanlage. Danakali LTD konnte keine westlichen Investoren finden – ein Thema, auf das wir sicher noch zu sprechen kommen. Letztendlich verkaufte Danakali im März 2023 seinen 50-prozentigen Anteil an der CMSC für 121 Millionen US-Dollar an das chinesische Unternehmen Sichuan Road & Bridge. Wir rechnen damit, dass der Betrieb in naher Zukunft aufgenommen wird.

Das Pottasche- Vorkommen in der Danakil-Senke ist im Vergleich zu anderen Lagerstätten der Welt sehr leicht abbaubar. Sehen Sie, ich war in Deutschland und habe die Firma K+S (vormals Kali und Salz) in Kassel besucht: In Deutschland wird im Untertagebau in Förderbereichen zwischen 400 und 1300 Metern Tiefe unter enorm hohen Kosten der Rohstoff abgebaut. Hier, in Eritrea, lagert Pottasche nahezu direkt an der Oberfläche. Es ist leicht abbaubar, hat einen hohen Reinheitsgrad und die Nähe zum Roten Meer sichert eine kurze Route zur weltweiten Verschiffung. Die Weiterverarbeitung der Pottasche zu Düngemittel wurde mit EUROCHEM mit Sitz in der Schweiz bereits für die ersten zehn Jahre des Betriebs der Mine vertraglich geregelt. Außerdem haben Geologen festgestellt, dass es dort auch reiche Vorkommen an Magnesium, eventuell Lithium, sicher jedoch Sodium gibt, was zur Herstellung von Batterien verwendet wird.

Wir haben auch ergiebige Vorkommen an rotem und schwarzem Marmor, der seit einigen Jahren in einer Fabrik in Ghinda verarbeitet wird. Derzeit wird der einheimische Marmor hauptsächlich auf dem lokalen Markt verbaut.  

Zusammengefasst würde ich sagen: All diese Vorkommen sind ein wahrer Segen für unser Land! Aber dennoch – wir wollen nichts überstürzen, wenn es um die Ausbeutung dieser Rohstoffe geht. Das ist eines unserer Prinzipien. Der Bergbau muss in einem Rahmen stattfinden, in dem Natur, Umwelt und Mensch nicht geschädigt werden. Das andere ist die faire Beteiligung des eritreischen Staates an der Ausbeutung dieser Rohstoffe. Die staatliche Eritrean National Mining Cooperation (ENAMCO) ist in der Regel mit 40 Prozent an jedem Projekt beteiligt. Das ist einzigartig für Afrika. Es sind unsere Ressourcen und sie sollen helfen unser Land zu entwickeln. Der Bergbau ist derzeit die größte Einnahmequelle unseres Landes.

Gibt es Zahlen, wieviel Geld Eritrea durch den Bergbau einnimmt und wofür es verwendet wird?

Dazu habe ich keine genauen Zahlen, aber auf Grundlage der gesetzlichen Bestimmungen lässt sich das schätzen. 40 Prozent der Gewinne jedes Unternehmens gehen über ENAMCO als Anteil am Eigenkapital direkt an die Regierung. Die Gesamteinnahmen der Regierung steigen jedoch darüber hinaus noch signifikant durch Steuereinnahmen auf den Gewinn der Unternehmen (38 Prozent) und durch Lizenzgebühren. Die Regierung finanziert einen Großteil ihrer Ausgaben aus diesen Gewinnen. Dazu gehören Sozialausgaben, kostenlose Gesundheitsversorgung im Land und kostenlose Bildung: Vom Kindergarten bis zur Hochschule werden keine Schul- oder Studiengebühren erhoben.

Die reichen Bodenschätze müssten doch Investoren aus aller Welt wie ein Magnet anziehen. Aber wenn ich die Situation heute betrachte, haben sich westliche Bergbaugesellschaften zurückgezogen und überwiegend chinesische Unternehmen sind aktiv.

Ja, so ist es. Westliche Bergbauunternehmen hatten und haben sehr großes Interesse, in Eritrea zu investieren – so wie wir auch. An uns liegt es nicht. Dass sich westliche Partner zurückgezogen haben, hat vor allem mit Politik zu tun: Mit Sanktionen, die zu Unrecht von den USA und der UNO gegen Eritrea verhängt wurden. Begleitet wurden die Sanktionen auch von politischen Diffamierungen unseres Landes. Zum Beispiel durch die UN-Sonderbeauftragte und sogenannten Menschenrechtsorganisationen, die bis heute ein völlig falsches Bild von Eritrea zeichnen. Die meisten Sanktionen sind zwar mittlerweile aufgehoben, aber westliche Banken sind bei Projekten in Eritrea immer noch sehr zurückhaltend. Wie zuvor erwähnt waren Bergbauunternehmen wie beispielsweise Danakali deshalb nicht in der Lage, private Beteiligungsfinanzierungen für das weitestgehend ausgearbeitete Kali-Projekt zu bekommen.

… und haben deshalb das Feld den Chinesen überlassen?

Ja, größtenteils, obwohl sich einige westliche Unternehmen in der Prospektionsphase befinden. Dies ist jedoch nicht unsere Entscheidung, da unsere umsichtige Investitionspolitik auf Diversifizierung und transparentem Wettbewerb auf der Grundlage von Preis und Servicequalität basiert. Das änderte im konkreten Fall aber nichts an dem, was ENAMCO gemeinsam mit Danakali entwickelt hat: Die Machbarkeitsstudie für das Kaliprojekt legt Anforderungen an die Ausrüstung fest, wie beispielsweise die Beschaffung robuster Maschinen. Wenn es um Baumaschinen geht, ist die robuste Marke Caterpillar die erste Wahl. Sie ist zwar teurer, aber auf lange Sicht günstiger. Zusammen mit unseren chinesischen Partnern setzen wir auch westliche Technologie für Bergbaumaschinen ein, wenn diese besser ist als chinesische Technologie.

Können Sie etwas zu den Rahmenbedingungen sagen, die für Bergbauinvestoren in Eritrea gelten?

Kurz zusammengefasst: Wir bieten Investoren einen klaren, gesetzlich geregelten Rahmen der Zusammenarbeit an. Dazu gehört die finanzielle Seite der Beteiligung und präzise Regelungen zur Besteuerung sowie unter anderem auch investorenfreundliche Regelungen wie einen niedrigen Einfuhrzoll von nur 0,5 Prozent auf wesentliche Dinge wie Ausrüstung, Maschinen und Materialien. Wir haben ein Bergbaugesetz, das hohe Ansprüche an Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Menschenrechte stellt. Wir haben ein Arbeitsrecht, das klare Regeln aufstellt. Kinderarbeit ist strikt verboten, geregelte Arbeitsverhältnisse sind verlangt.  Unsere Vorschriften schauen auch in die Zukunft: Bergbauunternehmen sind verpflichtet, Umweltsanierungs-programme in die laufende Geschäftstätigkeit zu integrieren. Sie sind außerdem verpflichtet Rücklagen in einem zweckgebundenen Fond zurückzustellen. Dieser Fond dient der Absicherung für künftige ökologische Sanierungsmaßnahmen oder soziale Maßnahmen, die erforderlich werden könnten, falls durch ihre Bergbauaktivität unvorhergesehene Schäden entstehen sollten. Unsere Erfahrungen zeigen uns, dass ausländische Investoren solche eindeutigen und klaren Regelungen der Zusammenarbeit schätzen. Denn unsere Gesetze schaffen Rechtssicherheit für beide Seiten.

Was bedeutet das konkret?

Bevor eine Lizenz zum Abbau von Rohstoffen vergeben wird, muss eine Machbarkeitsstudie erstellt werden, die das Projekt und seine Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesellschaft und aus verschiedenen Blickwinkeln gründlich betrachtet. Daran sind alle Ministerien beteiligt. Dieses umfangreiche Vergabeverfahren hat zum Ziel, dass unsere Umwelt nicht zerstört und unsere gewachsenen sozialen Strukturen bewahrt werden. Je nach örtlicher Lage des Projekts dauert dieser Prozess unterschiedlich lang: In Bisha, einem kaum besiedelten Gebiet, hat es vier Jahre gedauert, bis die Lizenz erteilt wurde. Dort gab es kaum soziale Aspekte zu beachten. Es wurde eine gründliche Umweltstudie durchgeführt, eine Bestandsaufnahme der dort lebenden wilden Tiere angefertigt und historische Funde vom Nationalmuseum in Asmara begutachtet und gesichert.

Beim Standort Emba Derho, im dicht besiedelten Gebiet um Asmara, hat die Erstellung der Machbarkeitsstudie 10 Jahre gedauert. Das macht deutlich, wie sorgfältig vorgegangen wird und wie ernsthaft alle eventuellen Umweltprobleme und gesellschaftliche Fragen untersucht wurden. Dort, an diesem Standort, muss absolut sichergestellt sein, dass keine Chemikalien in die Umwelt oder das Grundwasser gelangen.

Wie stehen Sie zu handwerklichem Goldabbau?

Ein unregulierter handwerklicher Abbau von Bodenschätzen ist verboten: Wir wollen keinen „Goldrausch“ zulassen, bei dem die Menschen ihre Arbeit, die Schule oder das Studium verlassen, um als Goldschürfer ihr Glück zu versuchen und dabei mit gefährlichen Chemikalien hantieren, die sie selbst und die Umwelt höchst gefährden. Wir wollen, dass Menschen sichere Arbeit in modernen Bergbaubetrieben finden. Das ist ihre Chance für die Zukunft.

Sind die Betreiber der Minen verpflichtet lokales Personal einzustellen und auszubilden?

Selbstverständlich, das ist in unserem Bergbaugesetz eindeutig geregelt. Wir haben in Eritrea viele Menschen, die eine geregelte Arbeit suchen und dort finden können. Wir haben aber auch sehr gut ausgebildete Abgänger vom Technischen College in Mai Nefih, die als Bergbauexperten weitergebildet werden können. Deshalb ist die Ausbildung dieser Abgänger ein Bestandteil der Kooperation. Einen Bergbaubetrieb am Laufen zu halten, dazu braucht es Experten in Geologie und anderen, technischen Bereichen. In Bisha waren zu Beginn des Abbaus 75 Prozent der Beschäftigten ausländische Bergbauexperten. Heute sind es deutlich weniger als 10 Prozent, weil in den vergangenen 10 Jahren junge eritreische Ingenieure ausgebildet wurden. Sie sind dort auf Managementebene, Ingenieurebene, als Geologen, Metallurgen und Techniker tätig. Unser Ziel ist es, dass wir am Ende des Tages unsere Bergbaubetriebe selbst mit eigenen Leuten am Laufen halten können.

Welche wirtschaftliche Rolle spielt der Bergbausektor für Eritrea heute und in der Zukunft?

Unsere natürlichen Ressourcen sind nicht die alleinige wirtschaftliche Zukunft für Generationen: Unser Land hat auch noch viele andere Probleme zu lösen. Für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung sollten alle Sektoren wie Industrie, Landwirtschaft und Fischerei parallel wachsen, um dem Wohl des Volkes zu dienen – der Bergbausektor ist in Eritrea dafür aber ohne Zweifel ein wichtiger Motor. (Interview: Martin Zimmermann)