
Seit fast zwei Monaten ist Kameruns Präsident Paul Biya nicht mehr öffentlich aufgetreten. Nun hat er zahlreiche strategisch wichtige Posten innerhalb der Streitkräfte neu besetzt. Das Ausmaß der Umbildung verstärkt die Spekulationen über seinen Gesundheitszustand und darüber, wer in Yaoundé tatsächlich die Macht ausübt. Statt auf einen unmittelbar bevorstehenden Militärputsch deuten die Maßnahmen jedoch eher darauf hin, mögliche Umsturzversuche zu verhindern und eine zunehmend ungewisse Nachfolge abzusichern.
Paul Biya hat Kamerun am 7. Juni 2026 verlassen, offiziell für einen „kurzen privaten Aufenthalt in Europa“. 58 Tage später ist der Staatschef noch immer nicht zurückgekehrt. Es handelt sich um die längste Auslandsabwesenheit seiner inzwischen 43-jährigen Herrschaft. Kommunikationsminister René Emmanuel Sadi erklärte am 2. August gegenüber RFI lediglich, der Präsident „lebe“, sei „nicht zurückgetreten“ und werde „sehr bald“ zurückkehren – ohne jedoch ein Datum zu nennen.
Umfangreiche Veränderungen in der Armeeführung
In diesem Umfeld wurden am 3. August mehrere Präsidialdekrete im Staatsfernsehen CRTV veröffentlicht. Sie sehen eine weitreichende Neuordnung der militärischen Führung vor:
- Sechs neue regionale Militärkommandanten wurden in vier der fünf Militärregionen ernannt, darunter im Zentrum des Landes, im anglophonen Südwesten und im hohen Norden, wo die Armee gegen Boko Haram kämpft.
- Fünf Oberste wurden zu Generälen befördert.
- Der seit 13 Jahren amtierende Kommandeur der Präsidentengarde, Raymond Jean Charles Beko’o Abondo, wurde zum Brigadegeneral befördert und bleibt gleichzeitig Chef der Präsidentengarde – ein Novum seit deren Gründung im Jahr 1985.
- Generalmajor Hippolyte Ebaka übernimmt den Posten des Generalmajors der Streitkräfte.
- General Romance Mezui Zo’o wechselt an die Spitze der Schnellen Eingreifbrigade (BIR).
Damit wurden nahezu alle Einheiten neu geordnet, die im Ernstfall rasch Personal und Material im Land verlegen können.
Kasernen sichern, bevor die Nachfolge geregelt wird
Eine derart umfassende Umbildung nährt zwangsläufig Gerüchte über einen möglichen Staatsstreich. Vieles spricht jedoch dafür, dass genau das verhindert werden soll.
Seit dem Putschversuch vom 6. April 1984 achtet Paul Biya darauf, dass sich Armee, Gendarmerie, Präsidentengarde und Eliteeinheiten gegenseitig kontrollieren. Dieses System soll verhindern, dass ein einzelnes Kommando genügend Macht erhält, um den Präsidentenpalast zu bedrohen.
Besonders aussagekräftig ist die Entscheidung zur Präsidentengarde. Statt ihren Kommandeur auszutauschen, wurde dieser befördert und im Amt bestätigt – ein klares Signal des Vertrauens und der Anerkennung seiner langjährigen Loyalität. Auch die übrigen Ernennungen dienen offenbar dazu, die Treue der schlagkräftigsten Einheiten sicherzustellen, während der 93-jährige Präsident seit fast zwei Monaten nicht mehr öffentlich in Erscheinung tritt und verschiedene Machtgruppen sich bereits auf die Nachfolge vorbereiten könnten.
Ein Zeichen für die Verletzlichkeit des Regimes
Die Personalentscheidungen zeigen, dass die Staatsspitze das militärische oder politische Risiko offenbar als ernst genug einschätzt, um die Befehlskette kurzfristig neu zu organisieren. Offen bleibt jedoch, wer tatsächlich hinter den Dekreten steht. Regiert Paul Biya weiterhin persönlich aus dem Ausland? Oder nutzt sein Umfeld den Präsidentenstempel bereits, um die Zeit nach Biya vorzubereiten?
Ein pensionierter Oberst erklärte gegenüber RFI, nur das Staatsoberhaupt könne solche Ernennungen vornehmen. Die Opposition bezweifelt dies jedoch und fordert Nachweise dafür, dass Biya seine Amtsgeschäfte tatsächlich noch selbst ausübt. Zudem erinnert die Oppositionspartei MRC von Maurice Kamto daran, dass die bereits Ende Dezember 2025 angekündigte Regierungsumbildung bis heute nicht erfolgt ist.
Immer noch kein neuer Vizepräsident
Die Unsicherheit wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass das durch die Verfassungsreform vom 4. April 2026 wieder eingeführte Amt des Vizepräsidenten weiterhin unbesetzt ist.
Dabei würde gerade dieser im Falle von Tod, Rücktritt oder dauerhafter Amtsunfähigkeit des Präsidenten dessen Mandat bis 2032 übernehmen. Vier Monate nach der Verfassungsänderung existiert zwar der rechtliche Mechanismus, doch eine Person für dieses Schlüsselamt wurde bislang nicht ernannt. Solange dieses Machtvakuum besteht, bleibt die Kontrolle über die Streitkräfte eine zentrale Absicherung des Regimes.
Die möglichen Nachfolger bringen sich in Stellung
Als Favorit gilt für Teile des Machtapparats Franck Emmanuel Biya (54), der älteste Sohn des Präsidenten. Obwohl er sich selbst politisch bislang kaum positioniert hat, werben seine Anhänger – die sogenannten „Franckistes“ – für eine familiäre Nachfolge nach dem Vorbild Gabuns oder des Tschad.
Der diskrete Unternehmer genießt den Ruf, kompetent und integer zu sein. Dennoch stößt eine dynastische Lösung selbst im engsten Machtzirkel auf Widerstand. Nach Informationen von Jeune Afrique werfen ihm führende Persönlichkeiten aus dem Süden des Landes mangelnde regionale Verankerung vor. Auch First Lady Chantal Biya soll einer Kandidatur ihres Stiefsohns skeptisch gegenüberstehen.
Sie selbst strebt offenbar keine politische Rolle an, gilt aber als wichtige Schiedsrichterin im Machtkampf. Manche ihrer Vertrauten bringen stattdessen ihren Sohn aus erster Ehe, Franck Hertz, ins Gespräch.
Reichen die übrigen Kandidaten aus?
Neben der Familie Biyas positionieren sich auch führende Vertreter der Regierungspartei RDPC:
- Ferdinand Ngoh Ngoh, Generalsekretär der Präsidentschaft und faktisch seit Jahren einer der mächtigsten Männer des Landes,
- Finanzminister Louis Paul Motaze,
- Kabinettschef Samuel Mvondo Ayolo,
- Premierminister Joseph Dion Ngute.
Allerdings fehlt ihnen nach Ansicht vieler Beobachter das internationale politische Gewicht, um sich eindeutig als Nachfolger durchzusetzen.
Fazit
Die jüngsten Militärdekrete dienen offensichtlich dazu, die Loyalität der Streitkräfte vor einer möglicherweise entscheidenden Phase zu sichern – sei es vor der Rückkehr Paul Biyas, der Ernennung des ersten Vizepräsidenten der jüngeren Geschichte Kameruns oder einer weitreichenderen politischen Entwicklung.
Bemerkenswert ist jedoch, dass das Staatsfernsehen CRTV zwar ausführlich über die Beförderungen berichtete, kein einziges Wort zum Aufenthaltsort oder Gesundheitszustand des Präsidenten verlor. (Quelle: afrik.com)