
Westafrika wird häufig durch die Krisen des Sahel betrachtet. Dabei geraten die Chancen und Potenziale der Staaten am Golf von Guinea oft aus dem Blick. Warum lohnt sich ein stärkeres deutsches und europäisches Engagement in Sicherheit, Wirtschaft, Rohstoffen und Bildung und welche Risiken entstehen, wenn diese Chancen ungenutzt bleiben?
Bei der Debatte um die Diversifizierung internationaler Partnerschaften werden die Potenziale in Europas südlicher Nachbarschaft nach wie vor unterschätzt. Bereits die geografische Nähe zu Westafrika legt nahe, dass Herausforderungen und Entwicklungspotenziale beider Regionen eng miteinander verflochten sind und politische, wirtschaftliche sowie sicherheitspolitische Dynamiken wechselseitige Auswirkungen entfalten. Dennoch sind die deutsche und die europäische Perspektive auf Westafrika vielfach noch von einer doppelten Verkürzung geprägt: Einerseits dominiert der Fokus auf Krisendynamiken, fragile Staatlichkeit und sogenannte shrinking spaces; andererseits richtet sich der Blick auf wirtschaftliche Potenziale nahezu ausschließlich auf Nigeria als vermeintlichen regionalen „Wirtschaftsgiganten“. Eine solche Perspektive verstellt jedoch den Blick auf die Staaten des Golfs von Guinea, obwohl viele von ihnen auf Jahrzehnte vergleichsweise stabiler demokratischer Entwicklung, wirtschaftlichen Wachstums sowie außenpolitischer Offenheit und Kooperationsbereitschaft zurückblicken können.
Staaten wie Ghana, Côte d’Ivoire, Liberia und Sierra Leone verfügen über vergleichsweise stabile politische Systeme.
Vor diesem Hintergrund stellt sich zunehmend die strategische Frage, ob und in welcher Form eine Neuausrichtung deutscher und europäischer Westafrika-Politik erforderlich ist. Eine mögliche Antwort liegt in einer bewussten Perspektiverweiterung: weg von einer nahezu exklusiven Konzentration auf den Sahel und die dortige sicherheits- und ordnungspolitische Abwärtsspirale, hin zu einer differenzierteren Betrachtung Westafrikas insgesamt – insbesondere der Küstenstaaten am Golf von Guinea. Während sich die politischen und sicherheitspolitischen Handlungsspielräume für internationale Kooperation im Sahel in den vergangenen Jahren erheblich verengt haben, bestehen sie in den Staaten des Golfs von Guinea weiterhin in hohem Maße fort. Dies betrifft die sicherheitspolitische Zusammenarbeit, wirtschaftliche Beziehungen, Handels- und Investitionspotenziale, Energie- und Rohstoffpartnerschaften sowie Kooperationen in den Bereichen Bildung und Fachkräftemigration.
Staaten wie Ghana, Côte d’Ivoire, Liberia und Sierra Leone verfügen – trotz bestehender struktureller und regierungsführungsbezogener Herausforderungen – über vergleichsweise stabile politische Systeme, wirtschaftliche Dynamik und eine ausgeprägte Offenheit gegenüber internationalen Partnerschaften. Vor dem Hintergrund einer zunehmend multipolaren Weltordnung sowie der Notwendigkeit Deutschlands und Europas, außenwirtschaftliche und sicherheitspolitische Beziehungen breiter zu diversifizieren, gewinnen diese Staaten damit an strategischer Relevanz. Sie bieten Ansatzpunkte für Formen partnerschaftlicher Zusammenarbeit, die nicht primär auf kurzfristige Krisenbewältigung oder Stabilisierung abzielen, sondern auf den Aufbau langfristiger Resilienz, wirtschaftlicher Entwicklung sowie gemeinsamer Interessen und normativer Bezugspunkte, wie Verfassungsstaatlichkeit, Demokratie, freiheitliche Grundrechte und eine marktwirtschaftliche Ausrichtung.
Der Zeitpunkt für eine solche strategische Neujustierung erscheint günstig. In vielen Küstenstaaten sind die strukturellen Voraussetzungen für eine vertiefte Kooperation grundsätzlich vorhanden, während zugleich das politische Interesse an internationaler Zusammenarbeit hoch bleibt. Parallel dazu intensiviert sich jedoch der Wettbewerb externer Akteure wie China, Indien, Russland, der Golfstaaten und der Türkei um politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Einfluss in der Region. Gleichzeitig nimmt der sicherheitspolitische Druck aus den Sahelstaaten spürbar zu. Gerade deshalb erscheint es geboten, bestehende Kooperations- und Einflussmöglichkeiten frühzeitig zu nutzen, bevor sich auch in den Küstenstaaten politische und sicherheitspolitische Verwerfungen nachhaltig verfestigen.
Andererseits wäre es verkürzt, die Region ausschließlich aus einer Chancenperspektive zu betrachten. Defizite in der Regierungsführung wie eine unverhältnismäßig starke Exekutive, schwache staatliche Institutionen oder weitverbreitete Korruption, infrastrukturelle Engpässe, soziale Ungleichheiten sowie der Einfluss externer Akteure stellen erhebliche Herausforderungen dar, die eine differenzierte und kontextbezogene Analyse erforderlich machen.
Ghana – Stabilitätsanker mit regionaler Strahlkraft
Ghana gilt seit Jahrzehnten als einer der verlässlichsten demokratischen Ankerstaaten Westafrikas. Seit dem Übergang zur Vierten Republik im Jahr 1992 hat das Land mehrere friedliche Machtwechsel erlebt und sich durch stabile Institutionen, eine aktive Zivilgesellschaft sowie eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz demokratischer Verfahren ausgezeichnet …
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