Mali: Nein zur weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) – Ja zur körperlichen Unversehrtheit von Mädchen und Frauen

Dr. Pierrette Herzberger-Fofana

Seit Mitte August 2026 erlebt Mali eine beunruhigende digitale Kampagne zugunsten der weiblichen Genitalverstümmelung. In den sozialen Medien, insbesondere auf Facebook, rufen mit künstlicher Intelligenz erzeugte Bilder offen dazu auf, diese Praxis fortzuführen. Darauf ist etwa zu lesen: „Ja zur Beschneidung in Mali“ oder „Wir wollen sie schützen“.

Aber schützt man ein Mädchen, indem man ihm einen Teil seines Körpers entfernt?

Auf diesen Bildern ist eine Rasierklinge zu sehen, ein erschreckendes Symbol für das Instrument, mit dem die Körper von Mädchen verstümmelt werden.

Wir müssen die Dinge beim Namen nennen: Die sogenannte Beschneidung ist weibliche Genitalverstümmelung. Dabei werden ohne jede medizinische Notwendigkeit die äußeren Geschlechtsorgane eines Mädchens oder einer Frau ganz oder teilweise verändert oder entfernt. Diese Praxis verursacht körperliche, sexuelle und psychische Traumata, die Leben zerstören und die Betroffenen dauerhaft begleiten.

Eine Rasierklinge schützt kein Mädchen. Sie verstümmelt es.

Diese digitale Kampagne ist umso alarmierender, als Mali noch immer kein spezifisches Gesetz hat, das weibliche Genitalverstümmelung verbietet.

Ein Gesetz muss verabschiedet werden

Es ist Zeit zu handeln und ein Gesetz zu verabschieden. An die malischen Behörden und Abgeordneten sowie an religiöse und gesellschaftliche Verantwortungsträger richte ich einen eindringlichen Appell:

Hören Sie auf die Stimmen der Malierinnen und der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die seit Jahrzehnten den Schutz der Mädchen fordern. Es ist Zeit, diesem Kampf rechtliche Geltung zu verschaffen: Mali sollte ein Gesetz verabschieden, das alle Formen der weiblichen Genitalverstümmelung ausdrücklich verbietet.

Ein solches Gesetz wäre nicht gegen die malische Kultur gerichtet. Es würde die Kinder Malis schützen.

Es wäre nicht gegen die Religion gerichtet. Es würde ihre körperliche Unversehrtheit und Würde schützen.

Es wäre Mali auch nicht von außen auferlegt. Seit Jahrzehnten führen Malierinnen und Malier, Vereine, Ärztinnen und Ärzte, Pädagoginnen und Menschenrechtsverteidiger*innen diesen Kampf selbst.

Hören wir ihnen zu. Unterstützen wir sie. Schützen wir sie!

Uneingeschränkte Solidarität mit den malischen Aktivistinnen

Ich möchte den malischen Aktivistinnen, die Tag für Tag mutig für die Abschaffung der Genitalverstümmelung kämpfen, meine volle Solidarität aussprechen.

Dieser Appell bewegt mich auch persönlich. Ich wurde in Bamako geboren. Mali ist Teil meiner eigenen Geschichte. Als Tochter dieses Landes stehe ich heute an der Seite dieser mutigen Frauen. Sie wollen nicht hinnehmen, dass neue Generationen von Mädchen erleiden müssen, was ihre Mütter und Großmütter erlitten haben.

Die Berichte malischer Frauen in den sozialen Medien über das Leid, das sie erfahren haben, sind erschütternd. Hinter den Statistiken stehen Kinder. Hinter den Berufungen auf die „Tradition“ stehen verletzte Körper und zerstörte Leben.

All diesen Frauen möchte ich laut und deutlich sagen: Ihr seid nicht allein. Euer Kampf ist auch unser Kampf.

Als ehemalige Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Berichterstatterin meiner Fraktion für die Entschließung des Europäischen Parlaments vom 12. Februar 2020 zur weiblichen Genitalverstümmelung habe ich diesen Kampf auf europäischer Ebene geführt. Heute bekräftige ich als Schirmherrin des deutschen Netzwerks INTEGRA, das Organisationen für die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung zusammenbringt, erneut unsere uneingeschränkte Solidarität mit allen, die sich in Mali und in der Diaspora dafür einsetzen.

Dieses Engagement besteht seit vielen Jahren

Seit 2007 arbeitet unsere Organisation FORWARD-Germany, heute FORWARD for Women e.V., mit der Association pour le Progrès et la Défense des Droits des Femmes (APDF) zusammen. Sie wurde von unserer leider verstorbenen Freundin, Fatoumata Siré Diakité gegründet. Sie war eine bedeutende Kämpferin für Frauenrechte in Mali und Botschafterin Malis in Deutschland. Möge sie in Frieden ruhen!

Wir haben die bemerkenswerte Präventions-und Aufklärungsarbeit der APDF in Mali unterstützt, insbesondere durch eine „Jugendkarawane. Nein zur weiblichen Genitalverstümmelung“. Sie reiste durch Mali und informierte junge Menschen über die Folgen dieser Praxis.

Ich kenne die Entschlossenheit der malischen Aktivistinnen und Aktivisten. Ihr Kampf verdient es, heute zu einem historischen Fortschritt zu führen.

Genitalverstümmelung ist keine Pflicht des Islam

Der Islam schützt die Unversehrtheit des Menschen und verbietet es, anderen körperlichen Schaden zuzufügen. Der Glaube verlangt nicht, Kinder zu verstümmeln, um ihre Tugend oder Würde zu bewahren. Einen alten patriarchalen Brauch mit einem göttlichen Gebot zu verwechseln, ist ein Irrtum, für den Frauen mit Blut und Leid bezahlen. Religion sollte Schutz und Mitgefühl bieten und nicht als Vorwand für unumkehrbare körperliche Gewalt dienen.

Genitalverstümmelung darf unter keinen Umständen als religiöse Pflicht dargestellt werden. Es handelt sich um eine alte Praxis, die sich im Lauf der Geschichte in manchen Gesellschaften mit religiösen Vorstellungen vermischt hat. Doch das Alter eines Brauchs verleiht ihm weder Legitimität noch verpflichtenden Charakter.

Im November 2006 befasste sich eine internationale Konferenz muslimischer Gelehrter und Würdenträger an der Al-Azhar-Universität in Kairo, einer der angesehensten Institutionen des sunnitischen Islam, mit genau dieser Frage.

Ihre Schlussfolgerungen waren eindeutig: Genitalverstümmelung ist ein überlieferter Brauch. Weder im Heiligen Koran noch in einer authentischen Überlieferung (Sunna) des Propheten (Friede sei mit Ihm) findet sich eine Grundlage dafür, sie als Pflicht darzustellen. Kein heiliger Text, weder der Koran noch die Bibel, schreibt weibliche Genitalverstümmelung vor.

Der damalige Großscheich von Al-Azhar, Mohamed Sayed Tantawi, betonte selbst das Fehlen einer solchen textlichen Grundlage und erinnerte an eine wesentliche historische Tatsache: Die Töchter des Propheten wurden nicht beschnitten

Die Medizin hat gezeigt, dass Genitalverstümmelung keinen Nutzen hat und schwere körperliche und psychische Schäden verursacht. Dazu gehören auch die Arbeiten von Dr. Touré aus Bamako über Fisteln infolge weiblicher Genitalverstümmelung. Der islamische Grundsatz, weder Schaden zuzufügen noch Schaden mit Schaden zu vergelten, bestärkt die Forderung nach einem Verbot.

Wie könnte man sich also auf Gott berufen, um eine Praxis zu rechtfertigen, die ein gesundes Organ verstümmelt und chronische Schmerzen, Infektionen, mitunter tödliche Komplikationen bei der Geburt, psychische Traumata und dauerhafte sexuelle Beeinträchtigungen hervorrufen kann? Der Islam darf nicht als Schutzschild für die Verstümmelung von Mädchen dienen.

Traditionen können sich ändern

Der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in all ihren Formen ist kein Kampf gegen Afrika, Mali oder afrikanische Traditionen.

Afrikanische Gesellschaften waren immer fähig, sich weiterzuentwickeln. Ein Brauch, der die Gesundheit, körperliche Unversehrtheit und Würde eines Menschen verletzt, muss hinterfragt, verändert und aufgegeben werden können. Wie der große malische Schriftsteller und Denker Amadou Hampâté Bâ sagte: Es gibt Praktiken, die selbst unsere Vorfahren, kehrten sie ins Leben zurück, für hinfällig, veraltet und überholt hielten! (Meine Übersetzung des französischen Zitats.)

Weisen wir vor allem entschieden das Argument zurück, Genitalverstümmelung sei nötig, um die Moral der Mädchen zu bewahren, ein angeblich „ausschweifendes Leben“ zu verhindern oder ihre Sexualität zu kontrollieren. Die Tugend einer Frau lässt sich nicht daran messen, welcher Teil ihres Körpers ihr entfernt wurde.

Bildung schützt.

Wissen schützt.

Das Gesetz schützt. Die Klinge schützt nicht.

An die malischen Behörden: Mali steht vor einer historischen Entscheidung

Heute geht die Debatte über die Frage der Genitalverstümmelung hinaus. Sie wirft eine grundlegende Frage auf: Welche Gesellschaft wollen wir den Mädchen Malis hinterlassen? Eine Gesellschaft, in der ihre Körper im Namen einer Tradition verstümmelt werden dürfen? Oder eine Gesellschaft, die bekräftigt, dass jedes Mädchen mit Würde, körperlicher Unversehrtheit und unveräußerlichen Rechten geboren wird, die ihm niemand nehmen darf?

Für Mali ist die Zeit gekommen, einen historischen Schritt zu tun.

Ich rufe die malischen Behörden nachdrücklich dazu auf, den Weg für ein nationales Gesetz zu ebnen, das alle Formen weiblicher Genitalverstümmelung ausdrücklich verbietet. Dieser rechtliche Rahmen muss unbedingt durch ehrgeizige Maßnahmen zur Prävention, zum Schutz der Betroffenen und zum Dialog mit den Gemeinschaften und religiösen Verantwortungsträgern ergänzt werden.

Ein Gesetz allein wird die Einstellungen nicht über Nacht verändern. Aber auch das Fehlen eines Gesetzes sendet eine Botschaft. Angesichts einer Kampagne, die eine Rasierklinge zeigt und zugleich vorgibt, „Mädchen zu schützen“, ist Schweigen keine Option mehr.

Den malischen Aktivistinnen, die seit so vielen Jahren, Tag für Tag unermüdlich kämpfen, versichere ich erneut meine tiefe Solidarität.

Den Frauen und Mädchen, die genitalverstümmelt wurden: Eure Stimme zählt.

Den Mädchen, die bedroht sind: Euer Körper gehört euch.

Und an die politischen Verantwortungsträger Malis: Es ist Zeit zu handeln.

NEIN ZUR WEIBLICHEN GENITALVERSTÜMMELUNG IN MALI!

JA ZU EINEM GESETZ!

JA ZUR KÖRPERLICHEN UNVERSEHRTHEIT, ZUR WÜRDE UND ZUR ZUKUNFT VON MÄDCHEN UND FRAUEN!

(Dr. Pierrette Herzberger-Fofana, ehem. Mitglied des Europäischen Parlaments)