
Marokko belebt eine Debatte über die Staatsangehörigkeit der Nachkommen von Juden marokkanischer Herkunft neu. Eine von mehreren marokkanischen Medien aufgegriffene Bürgerinitiative fordert, den Kindern und Enkeln marokkanischer Juden, die im 20. Jahrhundert ausgewandert sind, die Rückkehr zur marokkanischen Staatsangehörigkeit zu ermöglichen oder zu erleichtern. Diese Initiative wirft Fragen zur nationalen Erinnerung, zur Beziehung zur Diaspora und zur Rolle Marokkos in einem arabischen und regionalen Kontext auf, der von der Palästinafrage und dem Bündnis mit Israel geprägt ist.
Eine Bürgerinitiative zur Gesetzgebung bringt in Marokko die Frage der Staatsangehörigkeit von Nachkommen ausgewanderter marokkanischer Juden erneut auf die Tagesordnung. Jahrzehnte nach den großen Auswanderungswellen nach Israel, Frankreich, Kanada oder Lateinamerika soll damit eine nationale Bindung anerkannt werden, die durch Exil, Verwaltungsentscheidungen und die Geschichte teilweise verloren gegangen ist.
Nach den veröffentlichten Informationen richtet sich der Text an die Kinder und Enkel marokkanischer Juden, die das Königreich im Laufe des 20. Jahrhunderts verlassen haben. Damit eine solche Initiative zulässig wird, muss sie zunächst die gesetzlich vorgeschriebene Zahl von 20.000 Unterschriften erreichen, bevor sie an die Abgeordnetenkammer weitergeleitet werden kann.
Das Thema ist sensibel, weil es einen sehr persönlichen Teil der marokkanischen Geschichte berührt. Bis in die 1950er- und 1960er-Jahre hinein beherbergte das Königreich eine der größten jüdischen Gemeinschaften der arabischen Welt. Die massive Auswanderung nach Israel, Frankreich, Kanada oder Lateinamerika entleerte nach und nach die Mellahs, ohne jedoch die emotionale Bindung an Casablanca, Fès, Essaouira, Marrakesch, Meknès oder Tétouan auszulöschen.
In vielen Familien blieb die marokkanische Kultur lebendig – in der Küche, der Musik, dem Akzent oder sogar in einem Friedhof, manchmal auch in einem aufbewahrten Schlüssel als Symbol einer stets erträumten Rückkehr.
Eine Staatsangehörigkeit, verloren in den Falten der Geschichte
Könnte Marokko den Weg für die rechtliche Rückkehr tausender Nachkommen marokkanischer Juden in die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern oder Großeltern öffnen? Die Frage, die lange Zeit auf familiäre Erinnerung und kulturelle Wiederbegegnungen beschränkt war, ist nun Teil der institutionellen Debatte geworden.
Die Bürgerinitiative fordert, Nachkommen marokkanischer Juden, die das Königreich verlassen haben, die marokkanische Staatsangehörigkeit im Rahmen vereinfachter Verfahren oder sogar automatisch zu gewähren. Einige Artikel erwähnen ausdrücklich marokkanische Juden, die auf ihre Staatsangehörigkeit verzichtet haben, sowie deren Kinder und Enkel als erste potenzielle Begünstigte. Der Text stützt sich dabei auf mehrere Grundlagen: zunächst auf die marokkanische Verfassung von 2011, dann auf das Organgesetz Nr. 64-14 über Gesetzesinitiativen der Bürger sowie auf Bestimmungen zum hebräischen Personenstandsrecht und zu den Rechten marokkanischer Juden.
Eine Initiative zwischen Erinnerung und Politik
Die Initiative kommt nicht aus dem Nichts. Die Verfassung von 2011 erkennt den „hebräischen Einfluss“ als einen Bestandteil der marokkanischen nationalen Identität an – neben afrikanischen, andalusischen und mediterranen Einflüssen. Diese Anerkennung verlieh einer alten Realität politischen Ausdruck: Das marokkanische Judentum ist kein Fremdkörper in der Geschichte des Landes, sondern eine ihrer grundlegenden Schichten.
Für viele setzt sich diese historische Anerkennung heute in kulturellen und denkmalpflegerischen Initiativen fort – etwa durch die Restaurierung von Synagogen und Friedhöfen oder die Aufwertung sephardischer Erinnerungsorte. Mustapha Saha hat dieses marokkanisch-sephardische Erbe dokumentiert und daran erinnert, wie sichtbar die jüdische Präsenz weiterhin in der Architektur und den Stadtlandschaften des Königreichs ist.
Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt ist das Werk von Haim Zafrani. In seinem Buch Geschichte der Juden Marokkos seit 2.000 Jahren zeichnet er die Kontinuität der Präsenz und des Zusammenlebens von Muslimen und Juden nach – vor der tiefgreifenden Umwälzung des 20. Jahrhunderts.
Mit der aktuellen Initiative ginge es nicht mehr nur darum, Synagogen, Friedhöfe oder kulturelles Erbe zu bewahren, sondern eine staatsbürgerliche Zugehörigkeit wieder zu öffnen. Für die Unterstützer könnte die Maßnahme eine Form symbolischer Wiedergutmachung gegenüber einer Gemeinschaft darstellen, die durch Exodus und offizielles Vergessen marginalisiert wurde.
Parallelen und Besonderheiten
Oft wird der Vergleich mit Spanien und Portugal gezogen, die in den 2010er-Jahren Nachkommen sephardischer Juden, die Ende des 15. Jahrhunderts vertrieben wurden, Möglichkeiten zur Einbürgerung eröffneten. Doch der marokkanische Fall unterscheidet sich davon. Es geht nicht um die Wiedergutmachung einer mittelalterlichen Vertreibung, sondern um die Anerkennung einer nationalen Kontinuität, die durch die Umbrüche des 20. Jahrhunderts unterbrochen wurde: Dekolonisierung, Gründung Israels, regionale Spannungen, wirtschaftliche Migration und Identitätswandel.
Eine Frage, die über die jüdische Gemeinschaft hinausgeht
Die Debatte in Marokko wird auch politisch und symbolisch geführt werden. Eine solche Maßnahme könnte als Ausdruck der Treue zur vielfältigen Geschichte des Königreichs dargestellt werden und als starkes Signal an die marokkanisch-jüdische Diaspora, die ihren Wurzeln oft sehr verbunden geblieben ist. Sie würde das Bild eines Marokkos stärken, das seine historische Vielfalt anerkennt – in einer arabischen Welt, in der diese Erinnerung häufig verdrängt oder marginalisiert wurde.
Doch der regionale Kontext macht das Thema hochsensibel. Seit dem Krieg in Gaza kann jede Initiative zugunsten von Nachkommen marokkanischer Juden, die insbesondere in Israel leben, unterschiedlich interpretiert werden. Für die einen wäre die marokkanische Staatsangehörigkeit kein diplomatisches Signal, sondern die Anerkennung einer Herkunft. Für andere könnte sie als unpassende politische Geste in einer Zeit starker Spannungen rund um die Palästinafrage verstanden werden.
Es bleibt abzuwarten, ob diese Initiative tatsächlich den parlamentarischen Prozess vollständig durchlaufen wird. Allein die Tatsache, dass diese Frage erneut aufkommt, ist bereits aufschlussreich. Jahrzehnte nach dem Exil scheint Marokko sich einer tiefgreifenden Frage stellen zu müssen: Kann man eine Staatsangehörigkeit verlieren, wenn die Erinnerung einen niemals verlassen hat? (Quelle: afrik.com)