
2015 kauft eine Gruppe junger Menschen ein Schiff, um dem Sterbenlassen auf dem Mittelmeer etwas entgegenzusetzen. Weil sie nicht mehr zusehen wollen, wie das bewusste politische Versagen Europas dazu führt, dass immer mehr Menschen auf der Suche nach Sicherheit ertrinken. In dieser Zeit entstehen Sea-Watch, Jugend Rettet und weitere Organisationen, angetrieben von einer gemeinsamen Überzeugung: Hilfe darf niemals davon abhängen, wo ein Mensch geboren ist oder welchen Pass er besitzt.
Seit dem 17. Juli ist „23 000 Leben“ weltweit auf der Streamingplattform Netflix zu sehen.
Der Film erzählt die Geschichte der Berliner Organisation Jugend Rettet und ihres Rettungsschiffes Iuventa. Eine Crew junger Freiwilliger war zwischen 2015 und 2017 an der Rettung von mehr als 23.000 Menschen beteiligt, bevor ihr Schiff beschlagnahmt wurde und mehrere Crewmitglieder wegen angeblicher „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“ vor Gericht gestellt wurden.
Ein notwendiger Film – aber kein abschließendes Zeugnis
Wie erzählt man elf Jahre zivile Seenotrettung in 112 Minuten? Wie erzählt man von zehntausenden Menschen, die fliehen müssen, von politischem Versagen, jahrelangen Gerichtsverfahren, finanziellen Krisen, Solidarität, Angst und Erschöpfung, ohne dabei nur an der Oberfläche zu kratzen?
Der Film konzentriert sich auf die europäischen Aktivist:innen, ihre Freund:innenschaften und Konflikte. Das ist schade, denn die eigentlichen, ganz realen Geschichten sind andere: Sie handeln von Menschen, die alles aufgeben, um Sicherheit zu finden. Menschen, die trotz der Gewissheit von drohender Gewalt, Gefangenschaft und Tod die gefährliche Flucht über das Mittelmeer wagen. Ohne diese Menschen gäbe es die Geschichte der Iuventa nicht.
„Unsere Geschichte wird jetzt in einem Netflix-Film erzählt – sie endete mit einem Freispruch. Doch jedes Jahr werden in Italien Hunderte Schutzsuchende mit der gleichen Anklage tatsächlich zu Haftstrafen verurteilt, nur weil sie auf der Flucht das Boot gesteuert haben. Ihre Geschichten kennt kaum jemand. Das muss sich ändern,“ Sascha Girke – Teil der Iuventa-Crew und einer der ehemaligen Angeklagten
Der Film wird diesen Geschichten leider nicht gerecht – vielleicht kann ein Film das auch gar nicht. Aber er kann etwas anderes: Er erreicht Millionen von Zuschauer:innen. Er macht ein Thema sichtbar, das oft nur noch dann öffentliche Aufmerksamkeit erhält, wenn es für rassistische oder rechte Erzählungen instrumentalisiert wird. Er kann Menschen dazu bringen, hinzuschauen, Fragen zu stellen und sich mit der Realität hinter dem Film auseinanderzusetzen. Genau darin liegt seine Chance, die wir anerkennen und nutzen sollten.
Der Film endet nach 112 Minuten. Die Realität geht weiter.
Denn während nun über den Film diskutiert wird, spielen sich in Echtzeit Szenen ab, die noch viel gewaltvoller sind als alles, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Menschen ertrinken auch heute noch im Mittelmeer. Schutzsuchende sitzen lebenslang in Gefängnissen, weil sie ein Boot gesteuert haben, mit dem sie selbst geflohen sind. Frauen bringen Babys auf Schlauchbooten zur Welt. Menschen werden in Libyen in Lager gesperrt, gefoltert und ausgebeutet.
Gleichzeitig werden zivile Rettungsschiffe festgesetzt, ihre Crews kriminalisiert und ihre Einsätze behindert. Im Mai wurde die Sea-Watch 5 während eines Rettungseinsatzes von bewaffneten libyschen Kräften beschossen. Statt die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, leitete die italienische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen unseren Kapitän Anne van Dam ein – mit demselben Vorwurf wie damals gegen Jugend Rettet: „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“. Befeuert wird diese Kriminalisierung von gezielten politischen und medialen Kampagnen, die Solidarität diskreditieren und Menschen, die Leben retten, zu Feindbildern machen.
Kriminalisierung von Flucht und Solidarität ist keine Geschichte der Vergangenheit. Sie passiert heute, direkt vor unseren Augen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen auf der Flucht oder diejenigen, die ihnen helfen, zu Feindbildern gemacht werden. (Seawatch)