Kamerun: Mit der deutschen Sprache den eigenen Weg finden

Prof. Dr. Bertin Nyemb: Germanist, Kulturvermittler, NGO-Gründer. © privat

Germanistik-Professor Bertin Nyemb hat für die deutsche Sprache einen außergewöhnlichen Weg gewählt. Heute vermittelt er seine Begeisterung für den kulturellen Austausch zwischen seinem Heimatland Kamerun und Deutschland.

Literatur lässt uns Neues entdecken – gerade auch über kulturelle und nationale Grenzen hinweg. Interkulturalität ist das Forschungs- und Lebensthema des Germanisten Professor Bertin Nyemb von der Universität Jaunde I in Kamerun. Seit vielen Jahren kommt er regelmäßig zu Forschungsaufenthalten an deutsche Hochschulen. Derzeit forscht und lehrt er als DAAD-Gastprofessor an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und befasst sich dort mit postkolonialem Erbe in der Kinderliteratur. „Auch für die Studierenden ist es sehr interessant zu untersuchen, wie koloniale Machtkonstellationen in heutigen Texten noch sichtbar sind, etwa in der Darstellung weißer und schwarzer Figuren“, sagt Nyemb.

In Kamerun verwendet er für seine Lehre gern Erzählungen wie die des syrisch-deutschen Schriftstellers Rafik Schami, die lebensnah die Erfahrung von Migration und Fremdheit schildern. „Diese Texte sind nicht nur sehr gut zugänglich, man lernt daraus auch viel über den deutschen Alltag und interkulturelle Situationen“, erläutert er. Aufgrund des Fachkräftemangels in Deutschland sei das Interesse am Deutschlernen in den letzten Jahren in Kamerun stark gestiegen. Viele seiner Studierenden hätten das Ziel, nach dem Bachelorabschluss in Deutschland zu arbeiten.

Anders als die älteren Geschwister

Als Schüler wählte Bertin Nyemb vor allem deshalb Deutsch als dritte Fremdsprache, weil seine älteren Geschwister sich für Spanisch entschieden hatten. In seiner Familie hätten Disziplin und Respekt vor Älteren eine enorme Rolle gespielt: „Aber Deutsch war für mich die Chance, einen eigenen Weg zu gehen. Und gerade die Komplexität der Sprache hat mir gefallen.“ Sein Deutschlehrer ermutigte ihn, Germanistik zu studieren. Die ersten vier Studienjahre in Jaunde seien sehr hart gewesen, erzählt Nyemb: „Meine Eltern konnten die Studiengebühren gerade so finanzieren, aber meinen Lebensunterhalt musste ich mit Nachhilfe und kleinen Jobs selbst verdienen. Ich bin oft hungrig ins Bett gegangen.“

Sein Leben änderte sich völlig, als er 1997 ein DAAD-Stipendium bekam, um für ein Jahr an die Universität des Saarlandes in Saarbrücken zu gehen. Alles in Deutschland sei anders gewesen, erinnert er sich: „Es fiel mir am Anfang sehr schwer, meine Gastmutter mit Vornamen anzureden, weil mir das respektlos vorkam. Überhaupt das Familienleben: Dass auch die Kinder mitreden dürfen, kannte ich aus Kamerun nicht.“ Bald nach seinem Masterabschluss in Jaunde kehrte Nyemb nach Deutschland zurück, um an der Universität Bremen zu promovieren. Sein Thema: „Interkulturalität im Werk Thomas Manns“. Wieder erhielt er ein DAAD-Stipendium. „Dem DAAD habe ich es zu verdanken, dass ich meine beruflichen Ziele erreichen konnte“, sagt der Germanist. Um etwas zurückzugeben, engagierte er sich über mehrere Jahre in der Betreuung internationaler Studierender. An der Universität Bremen war er im AStA aktiv: „Ich fand die demokratische Kultur an deutschen Hochschulen toll und wollte mich dafür starkmachen.“ Für sein vielfältiges Engagement für ausländische Studierende in Deutschland wurde Nyemb mehrfach ausgezeichnet: „Das hat meine Verbundenheit mit Deutschland noch verstärkt.“

Um die Germanistik in seiner Heimat Kamerun voranzubringen, kehrte Nyemb nach seiner Promotion im Jahr 2007 an die Universität Jaunde I zurück. Seither setzt er sich intensiv für den deutsch-kamerunischen Austausch ein – nicht nur von Studierenden, sondern auch von Schülerinnen und Schülern. Dabei helfen ihm die vielen Kontakte zu Schulleitungen, die er als Ausbilder von Deutschlehrkräften knüpfen konnte. „Manche Schülerinnen und Schüler aus Kamerun, die an so einem Austausch teilnehmen konnten, gehen später zum Studium nach Deutschland. Das spornt mich an.“

Bertin Nyemb ist nicht allein die Vermittlung von Wissen wichtig. Mit der von ihm gegründeten NGO „Association pour la Promotion des Valeurs au Cameroun“ (PROVAC) setzt er sich dafür ein, kamerunischen Kindern und Jugendlichen auf Veranstaltungen und in Radiosendungen gesellschaftliche Werte nahezubringen. „Wir versuchen zu vermitteln, wie wichtig Ehrlichkeit und Respekt vor anderen sind, und dass man durch eigenes Engagement sehr viel erreichen kann.“ Zugleich verdeutlicht Bertin Nyemb deutschen Studierenden die Lebensrealität vieler junger Afrikanerinnen und Afrikaner: „Wenn sie erfahren, wie arm viele Studierende in Jaunde sind, wie oft im Seminar der Strom ausfällt, dann werden ihnen ihre eigenen Privilegien bewusst.“ (Quelle: DAAD, mit frdl. Genehmigung von Herrn Nyemb)