Marokko: Mohammed VI. und Moulay Hassan: Das Unbehagen einer erstarrten marokkanischen Monarchie

Die Geste des Kronprinzen Moulay Hassan, der seine Hand zurückzieht, um den Handkuss zu vermeiden, hat eine alte Debatte über den Platz von Traditionen innerhalb der marokkanischen Monarchie neu entfacht. Hinter dieser Szene, die in den sozialen Medien viral ging, verbirgt sich eine tiefere Frage nach der Funktionsweise und den Symbolen der Macht, die von König Mohammed VI. verkörpert werden.

Der Kronprinz Moulay Hassan wird häufig dabei gefilmt, wie er seine Hand zurückzieht, um den Handkuss zu vermeiden. Diese wiederholte Geste bei offiziellen Zeremonien erfolgt in einem Umfeld, in dem protokollarische Praktiken weiterhin strenge Formen der Ehrbezeugung vorschreiben. Der Handkuss, fest in den Traditionen verankert, bleibt ein sichtbares Zeichen der Hierarchie zwischen dem Monarchen und seinen Untertanen. Indem der Kronprinz dieses Ritual ablehnt, setzt er einen Bruch in der Inszenierung der Macht, die gerade auf solchen Symbolen beruht.

Eine umstrittene, aber beibehaltene Tradition

Die marokkanische Monarchie stützt sich historisch auf eine Reihe von Ritualen, die ihre Autorität bekräftigen sollen. Zu den wichtigsten gehört die Bayʿa-Zeremonie, der Treueeid gegenüber dem König. Jedes Jahr versammeln sich politische Verantwortungsträger, Würdenträger und Vertreter des Staates, um dem Monarchen ihre Loyalität zu bekunden – in einer streng geregelten Inszenierung.

Während dieser Zeremonie verbeugen sich die Teilnehmer vor dem König und erkennen seine Autorität als Staatsoberhaupt und als „Befehlshaber der Gläubigen“ an. Die zentrale Stellung des Königs beruht auch auf den Artikeln 41 und 42 der marokkanischen Verfassung. Dort wird der Monarch sowohl als „Amir al-Mouminine“ (Befehlshaber der Gläubigen) als auch als Staatsoberhaupt definiert und als Garant der Kontinuität des Staates bezeichnet.

Diese Praxis, die sowohl religiöse als auch politische Wurzeln hat, wurde unter der Herrschaft von Hassan II. institutionalisiert und bis heute beibehalten. Dennoch steht diese Inszenierung regelmäßig in der Kritik. Politische Akteure und Menschenrechtsorganisationen verurteilen sie als Praxis, die ihrer Ansicht nach mit der individuellen Würde unvereinbar ist. Die Weigerung des Istiqlal-Abgeordneten Adil Tchikitou im Jahr 2013, an dieser Zeremonie teilzunehmen, verdeutlichte, dass selbst innerhalb der Eliten ein gewisses Unbehagen besteht.

Das Symbol einer vertikalen Machtstruktur

Die Beibehaltung dieser Rituale zeigt die Fortdauer eines stark vertikal geprägten politischen Modells. Die Beziehung zwischen dem Monarchen und den Institutionen bleibt von einer Logik der Loyalität geprägt und weniger von einem Gleichgewicht der Gewalten. Die Bayʿa ist nicht nur ein symbolischer Akt, sondern verkörpert ein Machtverständnis, in dem die Autorität des Königs über den übrigen staatlichen Strukturen steht.

In diesem Zusammenhang sind Gesten wie der Handkuss nicht bloß kulturelle Traditionen. Sie tragen zu einer Darstellung der Macht bei, die auf Distanz, Hierarchie und symbolischer Unterordnung basiert. Ihre jährliche Wiederholung festigt dieses Bild. Der Gegensatz zwischen solchen Praktiken und den Erwartungen eines Teils der marokkanischen Gesellschaft wird immer deutlicher. Gesellschaftliche Veränderungen, der Zugang zu Informationen und die Entwicklungen moderner Gesellschaften führen dazu, dass diese Rituale stärker hinterfragt werden als früher.

Eine junge Generation vor einem belastenden Erbe

Das Verhalten Moulay Hassans ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Indem er den Handkuss ablehnt, nimmt er eine Haltung ein, die von den üblichen protokollarischen Erwartungen abweicht. Diese scheinbar kleine Geste besitzt eine erhebliche symbolische Bedeutung. Sie macht einen Widerspruch sichtbar: Auf der einen Seite steht eine Institution, die alte Praktiken bewahrt, um ihre Legitimität zu untermauern. Auf der anderen Seite scheint eine jüngere Generation Abstand von diesen Traditionen nehmen zu wollen.

Der Kronprinz befindet sich als Symbol der Kontinuität des Regimes im Zentrum dieses Spannungsverhältnisses. Diese Diskrepanz wirft eine grundlegende Frage auf: Kann sich die Monarchie weiterentwickeln, ohne die Grundlagen ihrer Autorität infrage zu stellen? Reichen individuelle Gesten aus, um eine tief verwurzelte politische Struktur zu verändern? Über die protokollarischen Fragen hinaus war die marokkanische Monarchie in den vergangenen Jahren zudem mit mehreren Kontroversen konfrontiert, die ihr öffentliches Ansehen beeinflusst haben.

Eine Modernisierung, die an Symbolen scheitert

Seit seiner Thronbesteigung im Jahr 1999 hat Mohammed VI. verschiedene Reformen eingeleitet und ein Bild der Modernisierung gefördert. Die symbolischen Praktiken der Macht haben sich jedoch kaum verändert. Das Nebeneinander eines reformorientierten Diskurses und der Beibehaltung traditioneller Rituale schafft eine gewisse Widersprüchlichkeit.

Die Geste Moulay Hassans erscheint daher als ein isoliertes Signal innerhalb eines Systems, das insgesamt unverändert geblieben ist. Sie stellt weder die Existenz der Bayʿa noch die zentrale Rolle des Königs innerhalb der Institutionen infrage. Die Frage nach der Entwicklung der marokkanischen Monarchie bleibt somit offen. Die beobachtbaren Veränderungen am Rande des Systems gehen bislang nicht mit einer grundlegenden strukturellen Neuorientierung einher.

Eine Spannung, die fortbestehen dürfte

Die Reaktionen auf die Videos des Kronprinzen zeigen, dass diese Fragen die Gesellschaft weiterhin spalten. Manche verteidigen die Traditionen als wesentliche Bestandteile der nationalen Identität. Andere betrachten sie als Praktiken, die mit modernen Vorstellungen von Würde und Gleichheit unvereinbar sind. Diese Spannung zwischen Tradition und Anpassung betrifft nicht nur Marokko, sondern viele Monarchien weltweit.

Im marokkanischen Fall erhält sie jedoch eine besondere Bedeutung, weil der Monarch sowohl eine religiöse als auch eine politische Rolle innehat. Die Geste Moulay El Hassans verändert die marokkanische Monarchie nicht. Sie schafft weder die Bayʿa ab noch die vertikale Machtstruktur oder die religiöse und politische Zentralstellung des Königs. Sie macht jedoch eine immer sichtbarer werdende Spannung deutlich: jene einer Institution, die sich modern präsentieren möchte, während sie gleichzeitig Rituale aus einer anderen Epoche bewahrt.

Solange diese Symbole weiterhin im Zentrum der monarchischen Inszenierung stehen, wird dieser Widerspruch die Zukunft der marokkanischen Macht begleiten. (Quelle: afrik.com)