
Anlässlich des diesjährigen Christopher Street Day und der Pride Weeks richtet dieser Blog-Beitrag den Blick auf Fotografie als Mittel zum künstlerischen Aktivismus für Menschenrechte und Gleichheit. Denn die Preisträgerin der wichtigsten internationalen Fotografie-Auszeichnung, des Hasselblad Award 2026, ist die südafrikanische Fotografin Zanele Muholi.
Ein öffentliches Archiv der Sichtbarkeit
Der Preis gilt als vergleichbar mit dem Literaturnobelpreis. Die Hasselblad-Foundation zeichnet damit Muholis künstlerische Praxis aus, die Fotografie und politisches bzw. menschenrechtliches Engagement auf höchstem Niveau miteinander verbindet. Die Fotograf*in versteht sich selbst als visuelle Aktivist*in, denn sie dokumentiert den Widerstand sexueller Minderheiten gegen Hassgewalt und Diskriminierung; zudem veranschaulicht sie die große Vielfalt diverser Identitäten und (Selbst-)Repräsentationen von Schwarzen queeren Menschen in Südafrika (Muholi 2010; 2014). Mit ihren Portraitfotos will sie ein öffentliches Archiv der Sichtbarkeit schaffen, das auch der Nachwelt zeigen soll: Schwarze Lesben, trans* und nichtbinäre Personen sind Teil der südafrikanischen Gesellschaft und sollten als Mit-Bürger*innen respektiert werden. Zanele Muholi stellt mit ihren Bildern fortbestehende Hierarchien und Ungleichheiten infrage und nimmt Bezug auf die sozialen Bewegungen, die das rassistische Apartheidregime zu Fall brachten, das Homosexualität und Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben kriminalisierte. Die kritische Auseinandersetzung mit den komplexen Machtverhältnissen und Mehrfachdiskriminierungen im Zusammenwirken von race, class und gender für den Aufbau einer demokratischen, nicht-rassistischen und nicht-sexistischen Gesellschaft in Südafrika hat einen großen Stellenwert in ihrem Werk.
Würde unter prekären Bedingungen
Im Fokus stehen die Würde und Individualität der Portraitierten, die oft unter sehr prekären Bedingungen in Townships wohnen, also in urbanen Siedlungen am Rande der Industriestädte, die das Apartheidregime mit billigstem Baumaterial und auf engstem Raum aus dem Boden stampfte. Auch Muholi ist 1972 in einem Township geboren und aufgewachsen. Nicht nur in Umlazi nahe der Hafenstadt Durban/eThekwini, wo Muholi ihre Kindheit und Jugend verbrachte, sind Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität noch immer verbreitet. Zuverlässige Stromversorgung sowie Trink- und Abwassersysteme fehlen mancherorts bis heute. Muholi zeigt in ihren Fotos die Lebensbedingungen der Portraitierten und thematisiert, dass die miserablen infrastrukturellen und ökonomischen Umstände den Nährboden für (Hass-)Gewalt bieten. Damit hält sie auch der südafrikanischen weißen Gesellschaft, die das menschenunwürdige Wohnen als Erbe des rassistischen Siedlerregimes weitgehend ignoriert, und der neuen politischen Elite den Spiegel vor.
Politische Machthaber und reformierte staatliche Institutionen schaffen es nicht, wirtschaftlich marginalisierte queere Menschen zu schützen – obwohl Homosexuellen-Organisationen den verfassungsrechtlichen Schutz vor Diskriminierung, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen und die Strafbarkeit von Hassgewalt bereits erkämpft haben. Insbesondere Schwarze Lesben in Townships sind Opfer von Mord und körperlichen Angriffen, da sie keine finanziellen Mittel für Wohnungen mit Sicherheitsanlagen haben. Zanele Muholi hat mehrere Trauerfeiern für Ermordete fotografiert und dokumentiert so diese Verletzlichkeit. Zudem legen einige ihrer Fotos Zeugnis ab von erlittener und überlebter Hassgewalt, denn ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen beispielsweise große Narben, die bleiben – lange nachdem die Wunden oberflächlich verheilt sind (van der Vlies 2012). Diese Bildsprache steht im Kontrast zur medialen sexistisch-voyeuristischen Kriminalitätsberichterstattung, die Muholi anprangert.
Visualisierte Vielfalt
Zanele Muholi geht es um Gewaltvermeidung. Dazu muss Hassgewalt als Folge der Apartheid und der rassistischen Abwertung von Menschen (Othering) überwunden werden. Aufbauend auf der Veränderungskraft von Südafrikaner*innen zur Abschaffung des Apartheidregimes setzt sie auf Respekt und Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten als Teil der südafrikanischen Gesellschaft. Ihre Fotos visualisieren – erstmals in der Fotografiegeschichte Südafrikas und zudem aus einer Binnenperspektive – Schwarze lesbische Lebensrealitäten und Vielfalt an Identitäten (Kylie 2010).
Den individuellen Facettenreichtum hebt Zanele Muholi mit schwarz-weißen Portraitbildern und Fotos von Paaren hervor, deren gemeinsamer Alltag visualisiert und deren Intimität, Nähe und Sinnlichkeit respektvoll angedeutet werden. Alle Fotografierten gaben ihr Einverständnis zu den Aufnahmen und zur Nennung ihrer Namen. Viele kennt Muholi persönlich oder hat sie in queeren Netzwerken getroffen und arbeitet mit ihnen als Partizipierenden an der Gestaltung jeder einzelnen Aufnahme. Im Lauf der Jahre baute sie ein Archiv mit über 500 Portraitbildern auf; es dokumentiert die Präsenz Schwarzer Lesben und queerer Menschen in allen Regionen Südafrikas. Diese visuellen Zeugnisse sind Teil einer neuen öffentlichen Erinnerungskultur, die moralisierendem, patriarchalem Kulturnationalismus entgegentritt, denn sie bieten ästhetische Identifikationsmöglichkeiten für queere Menschen, die noch im Verborgenen leben und für Mütter von Kindern, die nicht in heteronormative Raster passen.
Selbstverortung und Selbstverständnis
Im Lauf der Jahre fotografierte Muholi einige Bekannte erneut, um individuelle Veränderungen während unterschiedlicher Lebensphasen zu dokumentieren (Muholi 2010; 2014). So ist ihre eigene Biografie und Selbstverortung von vielen Wandlungen durchzogen, zumal sie als junge Frau zunächst mit Gelegenheitsjobs Geld für den familiären Unterhalt verdiente, dann Fotografiekurse am Market Foto Workshop in Johannesburg besuchte und 2009 einen Master of Fine Arts für Dokumentationsmedien an der Ryerson Universität in Toronto (inzwischen umbenannt in Toronto Metropolitan University) erwarb. Zeitweilig arbeitete sie für das Johannesburger Medienportal Behind the Mask, baute die Multimediaplattform inkanyiso für Schwarze, visuell-aktivistische Künstler*innen auf und wirkte mit im Forum for the Empowerment of Women (FEW), einer Organisation Schwarzer Lesben.
Inzwischen versteht sie sich als nicht-binäre Person und fördert durch ihr Kunstinstitut Schwarze queere Fotografieinteressierte. Gemäß ihrem Selbstverständnis als visuelle Aktivist*in, die in und mit Kollektiven arbeitet, bildet sie eine neue Generation junger Kreativer aus, eröffnete ihnen den Zugang zu (inter)nationalen Plattformen für künstlerischen Austausch und die Entwicklung individueller Stile. Muholis eigene Werke wurden in großen Einzel- und Gruppenausstellungen u. a. von Berlin über London und Paris bis New York und Vancouver gezeigt. Darin präsentiert sie auch Arbeiten, die die Fotografiegeschichte in Südafrika infrage stellen.
Aufmischen von Archiven – Referenzen auf die Gegenwart
Nationale (Foto-)Archive in der früheren Siedlerkolonie Südafrika haben Leerstellen hinsichtlich der Sichtbarkeit von Schwarzen queeren Menschen. Über Jahrhunderte strukturierten koloniale Hierarchien und ab 1948 Apartheidgesetze die Gesellschaft, dadurch wurden Rassismus und Sexismus verbreitet – auch in der Fotografie. Mit ahistorischen Gender-Zuschreibungen und voyeuristisch-exotisierenden Inszenierungen bricht Muholi, indem sie sich mit Requisiten aus der Klamottenkiste der Kolonialfotografie und mit „Airport-Art“ grotesk behängt und provokant selbst fotografiert. So karikiert sie weiße Fotografen, die im kolonialen Kontext rassenanthropologische und ethnografische Typisierungen vornahmen, Stereotype bedienten und die Fotografierten als namenlose Objekte entwürdigten.
Auch Polizeigewalt während der Apartheid kritisiert die visuelle Aktivist*in, wobei sie diese symbolisch andeutet, etwa mit Decken aus Gefängniszellen. Muholis Mutter musste – wie alle Schwarzen Südafrikaner*innen im Apartheidstaat auf dem Weg zur Arbeit, in ihrem Fall als Hausangestellte von Weißen – einen Ausweis mit Passfoto bei sich tragen und mit willkürlichen Polizeikontrollen oder gar Verhaftungen rechnen. Solche Erniedrigungen prangert Muholi an, indem sie sich mit Putzutensilien behängt und wie auf alten ikonografischen Gemälden aus Westeuropa mit Referenzen auf Herrschaftsembleme und christliche Symbolik inszeniert (Muholi 2018; 2024). So hält sie weißen Hausherrinnen einen Spiegel vor, die den Hausangestellten – den „girls“ – christliche Namen verpassten. Vor allem aber sind die Bilder eine Hommage an Muholis eigene Mutter. Hunderttausende Schwarze Hausangestellte mussten rassistische Demütigungen – auch durch weiße, wirtschaftlich privilegierte Frauen – aus ökonomisch existentiellen Gründen ertragen und dennoch ihre Würde bewahren. Kritische Sozialfotografie in Südafrika dokumentierte das punktuell, Muholi durchleuchtet die Strukturprobleme subversiv und innovativ mit fotografischer, widerständiger Agency.
Doch Rassismus ist nicht nur ein historisches Problem Südafrikas. In ihren Selbstportraits kommentiert die visuelle Aktivist*in – z. B. verhüllt in Kofferfolie von internationalen Flughäfen – auch die demütigenden Befragungen, mit denen sie und zahllose Afrikaner*innen bei Einreisekontrollen in die USA oder Europa schikaniert werden. (Quelle: https://www.gender-blog.de/beitrag/zanele-muholis-fotografie, mit frdl. Genehmigung der Autorin Rita Schäfer)