35 Jahre Eritrea

Von Alfred Schlicht: Eritrea war Jahrhunderte osmanischer (1557-1872), ägyptischer (1872-1885), italienischer (1890-1940), britischer (1940-1952) und äthiopischer (1952-1991) Fremdherrschaft unterworfen. Am 24.Mai 1991 wurde Eritrea nach 30-jährigem Freiheitskrieg unabhängig.

Die umfangreichen Opfer, die auf dem Weg dorthin gebracht werden mussten und die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen und Gewaltakte, die die Eritreer in diesem leidvollen Prozess hatten erdulden müssen, hat die Welt kaum zur Kenntnis genommen. Für die Eritreer führte diese Erfahrung zu dem Schluss, dass die Unabhängigkeit ein hohes Gut war, das unter allen Umständen bewahrt werden und mit allen Mitteln verteidigt werden musste.

Dies stand als Leitmotiv über den 35 Jahren Geschichte des unabhängigen Eritrea. Denn immer wieder schien die Unabhängigkeit Eritreas in Gefahr und die zunächst guten Beziehungen zu Äthiopien – Eritrea hatte geholfen, dort die Tigray-Befreiungsfront an die Macht zu bringen – trübten sich nach und nach ein. Nach einem für beide Seiten verlustreichen Krieg 1998 bis 2000 weigerte sich Äthiopien, die von einer internationalen Kommission getroffene Grenzregelung anzuerkennen und deportierte die in Äthiopien lebenden Eritreer unter Beschlagnahmung ihres Vermögens. Der Regierungschef von Tigray, Gebru Asrat, erklärte, es müsse verhindert werden, dass Eritrea zum Singapur Ostafrikas werde.

Eine lange Periode des kalten Krieges folgte, beide Staaten standen sich schwer bewaffnet und unversöhnlich gegenüber. Eritrea konzentrierte sich vor diesem Hintergrund aufs eigene Überleben und die Bewahrung der eigenen Souveränität, denn die internationale Gemeinschaft sanktionierte weder die äthiopischen Völkerrechtsbrüche (Deportationen, Enteignungen) noch setzte sie den internationalen Schiedsspruch bezüglich einer Grenzregelung zwischen Äthiopien und Eritrea durch. Eritrea zog sich weitgehend auf sich selbst zurück, verhinderte wirtschaftliche Abhängigkeiten von Europa und Amerika und bemühte sich, seinen eigenen Weg mit eigenen Mitteln ohne den Einsatz internationaler Finanzmittel zu gehen. Die TPLF (Tigray-Miliz) geführte äthiopische Regierung dagegen wandte sich den USA zu und erhielt deren Unterstützung.

Eritrea wurde dagegen geächtet und sah sich Vorwürfen und Sanktionen (darunter Ausschluss vom internationalen Geldverkehr) ausgesetzt für ‚Vergehen‘, die bei anderen Staaten, die sich dem Westen gegenüber kooperativer zeigten, stillschweigend toleriert, verschwiegen und vertuscht wurden. So hatten die USA beispielsweise nie Probleme, mit Qatar zu kooperieren trotz der dortigen Menschenrechtsverletzungen und der guten Beziehungen des Doha-Regimes zu übelsten Terrorgruppen und -Staaten.

Ein grundsätzlicher Wandel der Situation am Horn von Afrika kam 2018, als der neue äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed erklärte, er werde den internationalen Schiedsspruch zur Grenzregelung mit Eritrea anerkennen und Ausgleich mit dem Nachbarn und bisherigen Feind suchen. Eine Entspannung in einer der gefährlichsten Krisenregionen der Welt schien greifbar. Der äthiopische Ministerpräsident und der eritreische Präsident Esayas Afwerki besuchten einander, eine Normalisierung schien sich anzubahnen. Die TPLF verlor die führende Rolle in Äthiopien und zog sich in ihr Stammland Tigray zurück.

Im Herbst 2020 brach ein TPLF-Aufstand aus, der sich gleichermaßen gegen die Zentralregierung in Addis Abeba richtete wie gegen Eritrea. Ein Überfall auf eine Basis der äthiopischen Armee und ein Massaker an Wanderarbeitern (Mai Kadra) waren die Aktionen, mit denen die TPLF die Unabhängigkeit und gleichzeitig Expansion von Tigray erlangen wollte. Von Tigray aus wurden Ziele in Äthiopien und Eritrea beschossen. Bei diesem Szenario war es nur natürlich, dass die eritreische Regierung die Bitte Äthiopiens aufnahm und militärisch gegen die TPLF eingriff, um eine Bedrohung Eritreas auszuschalten. Auch für diese Selbstverständlichkeit wurde die Regierung in Asmara wieder kritisiert, war doch die westliche Welt noch immer auf ihre alte Alliierte, die TPLF konzentriert. Der äthiopische Ministerpräsident dankte Eritrea für sein rettendes Eingreifen.

Seither hat sich die Lage grundlegend geändert. Der äthiopische Ministerpräsident versucht, angesichts zunehmender ethnischer Spannungen im Inneren, sein Land durch ein großes gemeinsames Anliegen zu versammeln und zu einen. Er fordert einen Zugang zum Roten Meer auf Kosten Eritreas. Die versöhnlichen Worte von Abiy Ahmed anlässlich der Friedensnobelpreisverleihung 2019 schienen vergessen. Somit entstehen wieder Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea, das sich erneut bedroht fühlt. Viele sehen seit 2025 wieder eine Kriegsgefahr am Horn von Afrika.

Doch hat die Entwicklung in der Region 2026 auch für das Rote Meer und seine Anrainerstaaten ein verändertes Szenario geschaffen. Der Irankrieg hat auch direkte Auswirkungen auf das Rote Meer, dessen Bedeutung jetzt noch zugenommen hat. Über den Hafen Yanbu erreicht saudisches Erdöl, durch eine Pipeline von Ost nach West gepumpt, das Rote Meer – die Blockade der Meerenge von Hormuz kann damit teilweise umgangen werden. Eine Blockade des Bab al-Mandab jedoch, der Meerenge am Übergang vom Roten Meer zum Indischen Ozean, durch die mit Iran verbündeten jemenitischen Schiiten würde den Transport diese Öls nach Asien verhindern und auch den Warentransport durch das Rote Meer nach Europa sehr erschweren. Ebenso wäre der Zugang Israels zu den Weltmeeren und insbesondere Asien stark beindert. Der Welthandel wäre eingeschränkt, noch weniger Öl würde auf die Weltmärkte gelangen. Dadurch werden Länder der Region strategisch wichtiger. Diese neue Lage könnte auch eine Chance für Eritrea sein.

Die USA haben bereits Überlegungen angestellt, wie Eritrea in eine neue US-Strategie für die Region am Roten Meer  eingebunden werden könnte und welche Rolle ein Eritrea, das nicht mehr Gegner sondern Partner wäre, spielen könnte. Dies berichtet das Wall-Street-Journal. Eine Regierungssprecherin sagte „The Trump administration looks forward in strengthening the United States‘ relationship with the government and people of Eritrea.“

Mit seiner über 1000 km langen Küste am Roten Meer hat Eritrea eine privilegierte geographische Lage. Von Spannungen und Krieg im Roten Meer wäre Eritrea selbst unmittelbar betroffen, da für den eritreischen Handel und in erster Linie für die eritreische Energieversorgung das Rote Meer eine unverzichtbare Lebensader ist. Deshalb hätte auch Eritrea eine besondere Motivation, an einer Sicherung der Verkehrswege mitzuwirken. Dies könnte zu einer amerikanisch-eritreischen Annäherung führen – Umso mehr als die USA Äthiopien signalisiert haben, in dieser prekären Lage nicht durch Feindseligkeiten gegen Eritrea zu stören. Eine diplomatische Note konstatierte, „that we are opposed to any attempt to obtain see access by force“. Eine, wenn vielleicht auch begrenzte, Zusammenarbeit Eritreas mit den USA könnte somit vielleicht eine Art Sicherheitsgarantie für Eritrea bedeuten.

In dieser Lage ist auch eine Annäherung Eritreas und Ägyptens interessant, die sich aus den Spannungen zwischen Ägypten und Äthiopien wegen des großen äthiopischen Nilstaudamms ergibt. Und der sudanesische General Burhan, Chef einer von 2 Parteien im Bürgerkrieg, der nach wie vor im Sudan tobt, versteht sich umso besser mit Eritrea als Äthiopien den VAE erlaubt, über Äthiopien Nachschub an den Chef der RSF, Himetti, der anderen Partei im sudanesischen Bürgerkrieg, zu liefern. Es scheint, dass Eritrea mehr und mehr umworben wird, zumindest aber nicht mehr die Rolle eines Paria spielt. Der Regierung Trump dürften ohnehin von der Regierung Biden verhängte Sanktionen gegen das Land wenig wichtig sein.

Es kann Eritrea gelingen, den 35. Jahrestag der Unabhängigkeit zu einem Ausgangspunkt für eine Verbesserung der Lage am Horn von Afrika zu machen und zu erreichen, dass die Welt wieder in einem positiven Sinn den Blick auf Eritrea richtet.