
Marokko steht unter Schock, nachdem ein Video, das in den sozialen Netzwerken weit verbreitet wurde, für Empörung gesorgt hat. Darin ruft ein Emirati dazu auf, in Marokko junge Mädchen im Alter von 14 Jahren zu heiraten. Frauenrechtsorganisationen reagierten umgehend und verurteilten eine „offenkundige Aufforderung“ zur Ausbeutung von Kindern und zum Menschenhandel. Eine Vereinigung wandte sich daraufhin an die Staatsanwaltschaft und forderte die umgehende Einleitung einer Untersuchung, berichtet RFI.
Alles begann mit einem Video: Vor laufender Kamera richtet sich ein Emirati an Männer aus den Golfstaaten und sagt: „Kommt nach Marokko, um zu heiraten. Alte Männer wie ihr brauchen ein 14-jähriges Mädchen. Dann bekommt ihr weder einen Schlaganfall noch Bluthochdruck. Ihr werdet bei bester Gesundheit sein.“
Maria, die eine kleine Cafeteria im Zentrum von Casablanca betreibt, ist empört: „Das ist mehr als ein Schock – ich koche innerlich vor Wut. Das ist kein Mann, das ist nur ein Macho, der lediglich seine Triebe befriedigen will.“ Sie fügt hinzu: „Ein 14-jähriges Mädchen zu verheiraten, ein Kind, das seine Jugend noch gar nicht erlebt hat und dessen Kindheit noch nicht vorbei ist – so etwas sollte aus menschlicher Sicht nicht existieren! Sie ist noch nicht bereit für die Ehe. Ihr Platz ist in der Schule, sie muss lernen und eine Ausbildung machen.“
Drei Jahre Haft ohne Bewährung
Der Urheber des Videos wurde inzwischen in seinem Heimatland zu drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt.
Genau eine solche Härte fordert auch Redouane, den wir auf einer Caféterrasse treffen: „Das gehört bestraft, da müssen Verhaftungen erfolgen“, sagt er. „Die Eltern sollten ins Gefängnis kommen. Um zu heiraten, muss ein Mädchen über 18 Jahre alt sein – und sie sollte dies nur tun, wenn sie es selbst möchte.“
Der Fall und die Welle der Empörung, die er ausgelöst hat, fallen genau in die Zeit, in der in Marokko ein neues Familiengesetz vorbereitet wird.
In seinem ersten Entwurf, der der Öffentlichkeit im Dezember 2024 vorgestellt wurde, bleibt das gesetzliche Mindestalter für die Eheschließung bei 18 Jahren. Der Text sieht jedoch weiterhin Ausnahmen vor: Minderjährige im Alter von 17 Jahren können mit Genehmigung eines Richters heiraten.
„Eine Änderung des Gesetzes und der Mentalitäten“
Das Kollektiv „Dounia“ setzt sich heute für die vollständige Abschaffung von Kinderehen in Marokko ein. Durch das Video wurde dieses Thema erneut ins öffentliche Bewusstsein gerückt.
Amal El Amine, Koordinatorin von „Dounia“, erklärt: „Das Kollektiv ist der Ansicht, dass die Reform des Familiengesetzbuches und die Abschaffung aller Ausnahmen, die die Heirat Minderjähriger erlauben, wesentliche und sehr wichtige Schritte sind. Doch das allein reicht nicht aus, um wirklich wirksam zu sein.“
Sie ergänzt: „Diese Reform muss von konkreten staatlichen Maßnahmen zum Schutz von Kindern begleitet werden – dazu gehören die Förderung des Schulbesuchs von Mädchen, der Zugang zu sozialen Diensten, die Unterstützung von Familien sowie der Kampf gegen soziale Not und Armut.“
Abschließend betont Amal El Amine: „Die Beendigung von Kinder- und Minderjährigenehen in Marokko erfordert sowohl eine Änderung der Gesetze als auch einen Wandel der gesellschaftlichen Einstellungen. Auch in dieser Hinsicht müssen große Anstrengungen unternommen werden.“
Im Jahr 2024 wurden in Marokko nahezu 9.000 Anträge auf Eheschließungen mit Beteiligung Minderjähriger gestellt.