
Aktuell verbreiten rechte Medien einen kurzen Ausschnitt aus einem Frontex-Video und behaupten, er beweise eine Zusammenarbeit von Sea-Watch mit libyschen Milizen oder sogenannten Schleppern. Diese Behauptung ist falsch und verfolgt ein klares Ziel: zivile Seenotrettung zu diskreditieren und ihre weitere Kriminalisierung politisch voranzutreiben. Das Video zeigt wenige Sekunden einer Rettung – ohne den entscheidenden Kontext. Doch was ist wirklich passiert? Seawatch erklärt …
Am 11. Mai 2026 entdeckte unsere Crew ein Boot mit rund 90 Menschen an Bord. Schon beim ersten Blick war klar: Die Menschen befanden sich in Seenot. Mehrere waren extrem geschwächt, zwei bewusstlos, andere waren unter Deck eingesperrt. Es gab weder ausreichende Rettungsmittel noch funktionierende Navigation. Nach internationalem Seerecht ist das ein eindeutiger Seenotfall. Unsere Crew meldete die Situation transparent und in Echtzeit den zuständigen Behörden – das tun wir bei jeder einzelnen Rettung.
Als sich unser Schnellboot dem Boot in Seenot näherte, bemerkte die Crew außerdem mehrere maskierte Männer an Bord. Wer sie genau waren, konnte in diesem Moment niemand sicher feststellen. Es gab jedoch Hinweise darauf, dass sie zu libyschen Milizen gehören könnten. Auch diese gefährliche Situation wurde den Behörden unmittelbar gemeldet.
Was das Video nicht zeigt, ist die Entscheidung, mit der unsere Crew konfrontiert war.
Vor ihr befanden sich 90 Menschen in Seenot – und gleichzeitig eine unübersichtliche und potenziell lebensgefährliche Situation. Ein Abbruch der Rettung hätte bedeutet, diese 90 Menschen ihrem Schicksal zu überlassen. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen bewaffnete Akteure Menschen auf See bedroht, mit vorgehaltener Waffe ins Wasser gezwungen oder nach Libyen verschleppt haben.
Unsere Aufgabe ist in einem solchen Moment nicht zu beurteilen, wer sich auf einem Boot befindet. Unsere Aufgabe ist es, Menschenleben zu retten. Wer in Seenot ist, hat Anspruch auf Hilfe – unabhängig davon, wer sich ebenfalls an Bord befindet. Das ist keine politische Haltung, sondern geltendes internationales Recht.
Während des gesamten Einsatzes informierte unsere Crew die zuständigen Behörden über jeden einzelnen Schritt: den Seenotfall, die maskierten Männer, die Gefahrenlage und den Verlauf der Rettung. Transparenz ist fester Bestandteil jeder unserer Einsätze.
Doch worüber wird jetzt gesprochen? Über wenige Sekunden eines Videos. Nicht über die Rettung von 90 Menschen. Und schon gar nicht über das, was kurz danach geschah. Denn nur wenig später wurde die Sea-Watch 5 von der sogenannten libyschen Küstenwache beschossen. Unsere Crew setzte mehrere Notrufe ab und meldete den Angriff den Behörden. Videoaufnahmen von Frontex davon gibt es nicht – ihr Flugzeug hatte das Gebiet bereits verlassen, obwohl bekannt war, dass sich die für ihre Gewalt bekannte sogenannte libysche Küstenwache näherte.
Der eigentliche Skandal ist ein anderer: Seit Jahren finanziert, trainiert und unterstützt die Europäische Union libysche Akteure, obwohl deren Gewalt gegen Menschen auf der Flucht umfassend dokumentiert ist. Menschen werden abgefangen, in libysche Haftlager verschleppt, dort gefoltert, ausgebeutet und erpresst. Viele werden später erneut auf seeuntüchtige Boote gezwungen. Ein Kreislauf der Gewalt, den Europa ganz bewusst am Laufen hält. Über dieses System wird kaum gesprochen. Stattdessen soll die zivile Seenotrettung zum Skandal erklärt werden.
Wir lassen uns davon nicht einschüchtern. Solange Menschen im Mittelmeer in Lebensgefahr geraten, werden wir retten. Weil es das einzig Richtige ist. Und weil niemand ertrinken, verschleppt oder in Folterlager zurückgebracht werden darf. (Seawatch)
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