Interview: Untersuchung des Falls von El Fasher, Sudan

Interview: Untersuchung des Falls von El Fasher, Sudan
Eine provisorische Unterkunft aus Planen und Stöcken im Camp Ouré Cassoni im Osten des Tschad bietet einer sudanesischen Familie mit Kindern nur dürftigen Schutz vor den kalten Winterwinden. © 2025 Laetitia Bader / Human Rights Watch

Laetitia Bader, stellvertretende Afrika-Direktorin von Human Rights Watch, und Jean-Baptiste Gallopin, leitender Berater für Krisen und Konflikte, reisten Mitte Dezember 2025 in den Osten des Tschad. Dort führten sie Interviews mit Dutzenden Geflüchteten, die aus El Fasher, der Hauptstadt des sudanesischen Bundesstaates Nord-Darfur, geflohen waren, nachdem die Stadt Ende Oktober 2025 von den Rapid Support Forces (RSF), einer der beiden wichtigsten Kriegsparteien im Sudan, eingenommen worden war.

Die Gespräche mit Überlebenden bestätigten, dass die Welt die Zivilbevölkerung im Sudan im Stich gelassen hat. Was beim Fall von El Fasher geschah, war ein vorhersehbares Massaker. Der Konflikt hat sich inzwischen in die benachbarte Region Kordofan verlagert, wo Zivilisten erneut der Gefahr massenhafter Gräueltaten ausgesetzt sind. Es ist dringender denn je, dass die internationale Gemeinschaft handelt, um sie zu schützen.

Im folgenden Frage-und-Antwort-Interview beschreibt das Team einige der ersten Erkenntnisse ihrer Reise.

Was waren Ihre ersten Eindrücke von den Geflüchteten aus El Fasher, mit denen Sie gesprochen haben?
Uns fiel sofort das Ausmaß des langanhaltenden Leidens auf, dem die Menschen ausgesetzt waren.

18 Monate lang hatten die Rapid Support Forces die Stadt belagert. Kämpfer hoben einen Graben aus und errichteten einen Sandwall, um die Stadt einzukreisen. Dadurch wurde humanitäre Hilfe weitgehend daran gehindert, in die Stadt zu gelangen, und es wurde für Zivilisten extrem schwierig zu fliehen. Viele Menschen lebten unter hungerähnlichen Bedingungen.

In den letzten Wochen ihrer Offensive führten die Rapid Support Forces besonders brutale Angriffe auf Gebiete durch, die noch unter der Kontrolle der Sudanesischen Streitkräfte, verbündeter Gemeinsamer Kräfte der bewaffneten Darfur-Bewegungen sowie lokaler Volksverteidigungsgruppen standen. Interviewte berichteten von einer Bombardierungskampagne, bei der täglich Hunderte von Sprengladungen einschlugen. Die Rapid Support Forces verschärften zudem ihre Belagerung weiter und schlossen Kämpfer wie Zivilisten im Stadtteil Daraja Ula und in der Umgebung der Universität von El Fasher ein.

Der finale Angriff begann um den 23. Oktober, als die Rapid Support Forces die Stadt aus mehreren Richtungen angriffen; schwere Kämpfe dauerten bis zum 26. Oktober an. Als die Rapid Support Forces in die letzten verbliebenen Gebiete vordrangen, entfesselten sie ein Chaos der Gewalt und massakrierten in großem Umfang außer Gefecht gesetzte Kämpfer – entwaffnete oder verwundete – sowie Zivilisten.

Was haben Sie über die Massenmorde erfahren, insbesondere rund um den Graben?
Überlebende berichteten von mehreren Massakern, während die Rapid Support Forces die Kontrolle über die Stadt übernahmen.

Der Sandwall und der Graben rund um die Stadt waren Schauplätze mehrerer großangelegter Massaker, bei denen RSF-Kämpfer wiederholt Zivilisten und fliehende Kämpfer töteten – an und um mehrere Punkte entlang des Grabens.

Nahezu alle Interviewten, die versuchten, nach Garni, einem Dorf nordwestlich von El Fasher, zu gelangen, beschrieben systematische Angriffe der Rapid Support Forces: Die Kämpfer schossen aus der Distanz auf Menschenmengen, eröffneten aus mehreren Richtungen das Feuer und töteten anschließend aus nächster Nähe große Gruppen von Menschen, die im Graben eingeschlossen waren.

Sie jagten Menschen auch jenseits des Grabens und des Walls, verfolgten sie durch Felder und Grasland und eröffneten sofort das Feuer.

Welche weiteren Übergriffe haben Sie während des Falls der Stadt dokumentiert?
Die Rapid Support Forces verübten weitverbreitete sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Wir sprachen mit Überlebenden, die auf der Straße aus El Fasher entführt und vergewaltigt wurden – viele von ihnen in Gruppenvergewaltigungen, teils vor den Augen ihrer Angehörigen, teils im Busch abseits der Straße. Viele Menschen berichteten, wie jugendliche Mädchen und junge Frauen gruppenweise entführt und einem unbekannten Schicksal überlassen wurden. Eine Frau erzählte, sie sei zehn Tage lang von den Rapid Support Forces festgehalten und wiederholt gruppenvergewaltigt worden. Ein 13-jähriges Mädchen, das gemeinsam mit ihr entführt worden war, sei infolge der bei der Vergewaltigung erlittenen Verletzungen gestorben. Überlebende berichteten, dass viele Betroffene nach ihrer Flucht aus Angst vor Stigmatisierung zögerten, medizinische Hilfe zu suchen, oder diese zu spät erhielten, um Schwangerschaften zu verhindern oder eine Übertragung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu vermeiden.

Die Rapid Support Forces nahmen Menschen fest, trennten sie nach Alter und Geschlecht und töteten große Zahlen von Männern und heranwachsenden Jungen. Menschen mit Behinderungen wurden teilweise gezielt angegriffen, gerade wegen ihrer Behinderung. Interviewte beschrieben zudem, dass einige RSF-Gruppen systematisch Entführungen gegen Lösegeld betrieben. Vor allem Männer und Jungen wurden für Zeiträume von wenigen Stunden bis zu fast zwei Wochen festgehalten, bis ihre Angehörigen ihre Freilassung durch die Zahlung exorbitanter Lösegelder erwirken konnten. Männer, die nicht zahlen konnten oder keine Angehörigen hatten, wurden hingerichtet.

Interviews und Medienberichte deuten außerdem darauf hin, dass es weiterhin zu massenhaften Inhaftierungen von Männern aus El Fasher innerhalb der Stadt kommt und dass viele Gefangene nach Nyala, der Hauptstadt von Süd-Darfur, gebracht wurden.

Während dieser Übergriffe verwendeten die Rapid Support Forces häufig rassistische Beschimpfungen, was darauf hindeutet, dass sie gezielt nicht-arabische Gemeinschaften – insbesondere Angehörige der ethnischen Gruppe der Zaghawa – aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit angriffen. Sie fragten Überlebende wiederholt, warum sie in El Fasher geblieben seien, und warfen ihnen vor, sie müssten Regierungstruppen und deren Verbündete unterstützt haben.

Es ist außerdem wichtig zu betonen, dass sich diese Massenmorde gegen eine Bevölkerung richteten, die bereits anderthalb Jahre lang durch die Belagerung ausgehungert worden war. In den letzten Phasen der Belagerung hatten die Rapid Support Forces den Zugang von Waren vollständig unterbunden. Jugendliche und Händler, die dennoch versuchten, Lebensmittel und Güter an den RSF-Stellungen vorbei in die Stadt zu schmuggeln, berichteten von tödlichen Angriffen. Am Ende waren Menschen aller Gesellschaftsschichten darauf angewiesen, Tierfutter zu essen, und ließen teilweise Mahlzeiten ganz aus. Mehrere Interviewte sagten, dass viele Kinder an Unterernährung starben.

Welche Geschichten und Bilder sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Die Kämpfer der Rapid Support Forces verschonten niemanden. Ein Zeuge berichtete, gesehen zu haben, wie sie ein Kind mit Down-Syndrom, ein blindes Mädchen und eine Frau mit einer Gehbehinderung töteten.

Eine Frau erzählte, wie ihre 17-jährige Tochter gemeinsam mit drei weiteren Mädchen auf der Straße nach Garni entführt wurde. Sie fühlte sich hilflos, als die RSF-Kämpfer ihre Tochter mitnahmen, musste jedoch die verheerende Entscheidung treffen, sie zurückzulassen, um mit ihren anderen Kindern fliehen und diese schützen zu können. Später wurde sie mit ihrer 17-jährigen Tochter wiedervereint, die einen Tag lang gruppenvergewaltigt worden war. Seitdem schreit das Mädchen im Schlaf.

Auch der Mangel an unmittelbarer Unterstützung für die Geflüchteten in den Grenzgebieten nach ihrer Ankunft im Tschad wird uns in Erinnerung bleiben. Nachdem sie solchen Schrecken entkommen waren, hatten sie tagelange, teils wochenlange Reisen hinter sich. Die Menschen, die wir trafen, hatten nichts außer Planen und Stöcken, um provisorische Unterkünfte zu errichten, die sie und ihre Kinder vor den kalten Winterwinden der Region schützen sollten.

Wie fügen sich die Ereignisse in El Fasher in das Gesamtbild der Entwicklungen in Darfur und im Sudan insgesamt ein?
Dieses Muster im Verhalten der Rapid Support Forces zeigt sich im gesamten Sudan – in Darfur, in Kordofan, in Gezira und an anderen Orten. Die Rapid Support Forces begehen ihre Gräueltaten nicht nur während militärischer Angriffe; einige der schlimmsten Übergriffe geschehen vielmehr nach ihren militärischen Siegen, wenn sie ein Gebiet unter Kontrolle gebracht haben und schutzlose Zivilisten angreifen können.

Wir dokumentierten dies erstmals 2023 in West-Darfur: zunächst im Juni 2023, als die Rapid Support Forces und verbündete bewaffnete Gruppen das Feuer auf einen kilometerlangen Konvoi von Zivilisten und Kämpfern eröffneten, die aus der Hauptstadt von West-Darfur, El Geneina, flohen, und dabei zahlreiche Menschen töteten; dann erneut im November desselben Jahres, als die Rapid Support Forces nach der Einnahme der Armeegarnison in Ardamata, einem Vorort von El Geneina, Hunderte Zivilisten töteten. Diese Tötungen waren Teil einer Kampagne ethnischer Säuberungen gegen die ethnische Gruppe der Massalit und andere nicht-arabische Gemeinschaften in El Geneina.

In ähnlicher Weise töteten die Rapid Support Forces gezielt Zivilisten und hielten Frauen und Mädchen in sexueller Sklaverei, nachdem sie Ende 2023 und Anfang 2024 Teile der Region Kordofan eingenommen hatten. Das Gleiche geschah zur selben Zeit im zentral-sudanesischen Bundesstaat Gezira südlich von Khartum.

Was fordert Human Rights Watch jetzt?
Maßnahmen gegen die Täter, Anstrengungen zur Verhinderung weiterer Gräueltaten und Wiedergutmachung für die Überlebenden.

Es gibt belastende Beweise dafür, dass hochrangige Kommandeure der Rapid Support Forces – darunter der stellvertretende Befehlshaber Abdelrahim Dagalo – die Operationen in El Fasher geleitet haben. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sollte sie unverzüglich sanktionieren und dabei klar signalisieren, dass schwere Menschenrechtsverletzungen Konsequenzen haben werden. Human Rights Watch hat bereits zuvor Sanktionen gegen den obersten RSF-Kommandeur Mohammed Hamdan Dagalo („Hemedti“) gefordert, da er die Hauptverantwortung für frühere Massenverbrechen trägt. Sanktionen können ein Instrument sein, um weitere Gräueltaten zu verhindern – insbesondere in der Region Kordofan, wo die Rapid Support Forces und einige ihrer neuen Verbündeten gegen die Sudanesischen Streitkräfte und deren Verbündete um die Kontrolle kämpfen.

Zivilisten im Sudan benötigen zudem Schutz. Die Entsendung einer robusten, von den Vereinten Nationen mandatierten Mission zum Schutz der Zivilbevölkerung ist dafür bei weitem die beste Option, ungeachtet der zahlreichen Hindernisse. Staaten, die sich dem Schutz von Zivilisten verpflichtet fühlen, müssen gemeinsam daran arbeiten, sowohl die operative Struktur als auch den politischen Schwung für die Entsendung einer solchen Mission zu schaffen. Gleichzeitig sollten Staaten unverzüglich handeln, um lokale Helfer zu unterstützen und ihre sichere Arbeit zu gewährleisten sowie dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen für anhaltende Angriffe und Vergeltungsakte gegen Zivilisten zur Rechenschaft gezogen werden.

Auch die Binnenvertriebenen im Sudan und die Geflüchteten in den Nachbarländern dürfen nicht vergessen werden. Die humanitäre Lage im Tschad, der infolge der Ereignisse in Darfur inzwischen fast eine Million Geflüchtete aufgenommen hat, ist katastrophal. Angesichts des Ausmaßes sexueller Gewalt sollten internationale Geber die Finanzierung nationaler und internationaler Schutzmaßnahmen sowie von Programmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt im Sudan und in den aufnehmenden Nachbarländern erheblich erhöhen.

Die Überlebenden, mit denen wir gesprochen haben, sind überzeugt, dass Gerechtigkeit entscheidend ist. Sie wollen, dass die Führung der Rapid Support Forces zur Rechenschaft gezogen wird.

Angesichts der anhaltenden Angriffe der Trump-Regierung auf den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) sollten die Vertragsstaaten des Gerichts ihre Bemühungen zur Unterstützung und zum Schutz seiner Arbeit im Sudan verstärken. Sie können dies tun, indem sie dem Gericht ausreichende Ressourcen zur Verfügung stellen und die Trump-Regierung auffordern, ihre IStGH-bezogenen Sanktionen aufzuheben.

Während weiterhin schwere Menschenrechtsverletzungen in Darfur und im gesamten Sudan begangen werden, sollten Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen und des Internationalen Strafgerichtshofs eine Ausweitung des Mandats des Gerichts fordern, damit es Verbrechen im gesamten Land erfassen kann. Die Mitgliedstaaten sollten außerdem gemäß dem Prinzip der universellen Gerichtsbarkeit – im Einklang mit ihren nationalen Gesetzen – Ermittlungen einleiten und gegebenenfalls auf ihrem eigenen Staatsgebiet Kommandeure strafrechtlich verfolgen, die für schwere Verbrechen im Sudan verantwortlich sind.

Staaten sollten sich zudem dafür einsetzen, dass die Unabhängige Internationale Untersuchungsmission der Vereinten Nationen für den Sudan sowie die Gemeinsame Untersuchungsmission zum Sudan, die von der Afrikanischen Kommission für Menschenrechte und Rechte der Völker mandatiert wurde, über die notwendigen politischen und finanziellen Mittel verfügen, um ihre Mandate zu erfüllen, und dass ihre Empfehlungen zur Rechenschaftspflicht vollständig umgesetzt werden.

Die Welt darf die Opfer von Gräueltaten im Sudan nicht weiterhin im Stich lassen. (HRW)