
Von einer Dienstreise in den Kongo zurück in Libreville, öffnet mir Oumar, mein gardien, das Eingangstor. Sein übliches „Bonne arrivée, Madame“ fällt recht schwach aus, und er sieht furchtbar eingefallen aus, hat einen völlig verklärten Blick, zittert und schwitzt entsetzlich. Malaria, ganz offensichtlich. „Ich nehme seit drei Tagen Medikamente, aber sie helfen nicht“, wispert er schwach.
Ich bitte ihn, mir sofort diese Medikamente zu holen, damit ich sehen kann, was er da einnimmt. Die Bilanz ist erschreckend: ein Mittel gegen Darmwürmer (lt. Packung von einem italienischen Hersteller), ein Anti-Rheumamedikament (angeblich von Pfizer), ein Antibiotikum, das bei Vaginalinfektionen angezeigt ist (angeblich von Sandoz), sowie ein entzündungshemmendes, dessen Hersteller auf der Verpackung gar nicht erst vermerkt ist. „Auf keinen Fall bei Temperaturen über 30 Grad lagern“ steht auf den schmuddeligen, zerknüllten Verpackungsbeilagen der beiden ersten. Rund 8 Euro hat er für diesen Molotow-Cocktail bezahlt. Ob sie echt oder gefälscht sind, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber die falschen sind es auf jeden Fall!
Woher hat er diese Medikamente? Vom Straßenhändler natürlich. „Es ging mir schlecht, und da hat mich ein Bekannter zu einem Typen gebracht, der Arzt ist. Also kein richtiger, er ist Krankenpfleger, glaube ich. Jedenfalls verkauft der Medikamente, und der hat sie mir gegeben“. „Welche Beschwerden hast du dem geschildert“? frage ich nach. „Ich hab gesagt, ich habe starkes Fieber, Schüttelfrost und Bauchschmerzen“, erklärt er. Letzteres hat wohl dazu geführt, dann man ihm das Würmer- und Vaginalinfektionsmittel gab.
Ich nehme ihm die Medikamente kurzerhand weg, denn ich weiß, dass er sie sonst verwahren würde (man weiß ja nie, vielleicht kann man sie irgendwann ja mal wieder herauskramen) und verabreiche ihm mein Malariamittel. Schon am nächsten Tag geht’s ihm besser, und nach zwei Tagen ist er wieder völlig fit.
Das war ihm aber noch keine Lehre.
Eines Morgens steht er nicht vor mir auf, was sonst immer der Fall ist. Ich wecke ihn und sehe später, dass er wie ein Schlafwandler durch die Gegend läuft. Ich frage, was mit ihm los ist, und da kommts raus: Er habe immer solche Schlafstörungen, und gestern habe ihm „ein Bruder“ ein Medikament gegeben, damit könne man gut schlafen. Aha. „Brings mir her, bitte ich ihn. Ich notiere den Namen des Medikaments, der auf der Packung steht und googele schnell: Es ist eine Fälschung eines Psychopharmakons! Oumar sagt, der „Bruder“ habe einen großen Karton voll davon, gekauft auf dem Markt bei einem Nigerianer! Ich erkläre ihm, was das für ein Medikament ist, wobei ich die Nebenwirkungen noch absichtlich übertreibe und sogar erzähle, dass die Tochter einer Bekannten von mir (das stimmt!) mit so einem Medikament kürzlich Selbstmord begangen hat. Oumars schreckgeweitete Augen werde ich nie vergessen!
Seitdem nimmt er nie wieder irgendein Medikament, das man ihm irgendwo gibt. Und warum er nicht schlafen konnte, weiß ich mittlerweile auch: er und seine Kumpels trinken bis spät in die Nacht literweise starken schwarzen Tee draußen vorm Tor. Seitdem er Früchtetee trinkt, schläft er wieder … (Ingrid Aouane)