
Hinter der Militäroffensive, die den Osten der Demokratischen Republik Kongo erschüttert, verbirgt sich ein ebenso entscheidender wirtschaftlicher Kampf. In Rubaya in der Provinz Nord-Kivu befindet sich eines der strategisch wichtigsten Coltan-Vorkommen der Welt, das rund 15 % der weltweiten Tantalproduktion liefert. Dieses Vorkommen ist inzwischen zur finanziellen Lebensader des Konflikts geworden. Laut der Organisation Global Witness gelangt dieses kongolesische Mineral jedoch mit einem ruandischen Herkunftsnachweis auf die Weltmärkte.
Tantal, das aus Coltan gewonnen wird, ist unverzichtbar für die Herstellung von Smartphones, Computern, Elektrofahrzeugen und bestimmten militärischen Ausrüstungen. Es ist ein zentraler Bestandteil moderner Elektronik. Ein einziges Smartphone enthält etwa 40 Milligramm davon. Seit April 2024 stehen die Minen von Rubaya vollständig unter der Kontrolle der M23-Rebellenbewegung, die von Kigali unterstützt wird und Anfang 2025 die Städte Goma und Bukavu eroberte. Nach Angaben von Experten der Vereinten Nationen bringt diese Bergbau-Rente der Bewegung monatlich rund 800.000 US-Dollar ein.
Coltan als wirtschaftlicher Motor des M23
Vor Ort hat der M23 eine regelrechte Parallelverwaltung aufgebaut. Schürfer und Händler erhalten gegen Gebühren Genehmigungen, Patrouillen überwachen, dass das Mineral ausschließlich an „autorisierte“ Händler verkauft wird, und auf jede Transaktion wird eine Abgabe erhoben. Nach Angaben eines von Global Witness befragten Händlers beträgt diese Steuer etwa 15 % des Verkaufspreises.
Jeden Monat werden inzwischen laut Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 120 Tonnen Coltan über die Grenze nach Ruanda transportiert. Seit der Einnahme von Goma sollen einige Lieferungen sogar offen über den Grenzübergang „Grande Barrière“ abgewickelt werden.
Wenn kongolesisches Erz zu „ruandischem“ Erz wird
In ihrer jüngsten Untersuchung, die auf einjähriger Recherche basiert, identifiziert Global Witness sieben Unternehmen, die zusammen 85 % der ruandischen Coltan-Exporte kontrollieren. Diese Exporte haben sich innerhalb von drei Jahren mehr als verdoppelt.
Mindestens fünf dieser Unternehmen sollen Konfliktmineralien aus der DR Kongo erwerben, sie mit der lokalen Produktion vermischen und anschließend über Zwischenhändler an Schmelzwerke in China und Kasachstan verkaufen. Ein großer Teil dieses Coltans verlässt Kigali offenbar mit Dokumenten des Rückverfolgbarkeitssystems ITSCI, die es als ruandisches Mineral ausweisen, bevor es über den tansanischen Hafen Dar es Salaam exportiert wird.
Bereits 2025 hatte Global Witness auf den luxemburgischen Rohstoffhändler Traxys hingewiesen, der zu den größten Käufern ruandischen Coltans geworden sei. Das Unternehmen bestreitet jedoch diese Vorwürfe und erklärt, dass keines seiner Mineralien aus Rubaya stamme.
Ein Sicherheitskrieg oder ein Krieg um Rohstoffrenten?
Kigali rechtfertigt seine militärische Präsenz in der DR Kongo regelmäßig mit Sicherheitsinteressen entlang der Grenze sowie mit der Bedrohung durch die FDLR-Miliz. Die Berichte der UN-Experten und die Untersuchungen von Nichtregierungsorganisationen zeichnen jedoch ein anderes Bild.
Demnach handelt es sich um einen Konflikt, bei dem territoriale und wirtschaftliche Ziele zunehmend untrennbar miteinander verbunden sind. Die militärische Kontrolle über Nord-Kivu dient demnach dazu, erhebliche Gewinne aus dem Bergbau abzuschöpfen. Global Witness dokumentiert dabei auch die mutmaßliche Beteiligung ruandischer Beamter.
Der Krieg schafft den Coltan-Schmuggel – und der Schmuggel verlängert den Krieg
Die humanitären Folgen tragen vor allem die Menschen im Kongo. Zehntausende Menschen sind ums Leben gekommen, Hunderttausende wurden vertrieben. Hinzu kommen die gefährlichen Arbeitsbedingungen für die Minenarbeiter, bei denen es immer wieder zu tödlichen Grubenunglücken kommt.
Gleichzeitig sieht sich die Europäische Union, die im Februar 2024 ein strategisches Rohstoffabkommen mit Ruanda unterzeichnet hat, mit einer zunehmend drängenden Frage konfrontiert: Wie lassen sich die Lieferketten für Tantal sichern, ohne damit indirekt die Legalisierung und „Reinwaschung“ eines Kriegsminerals zu unterstützen? (Quelle: afrik.com)