DR Kongo: Ruanda und die M23 zwangsrekrutieren und inhaftieren Tausende Menschen

Weitverbreitete Übergriffe gegen Zivilisten und ehemalige Soldaten in wichtigen Ostprovinzen: Ruandische Streitkräfte und die bewaffnete M23-Gruppe haben im Osten der Demokratischen Republik Kongo eine Kampagne der Zwangsrekrutierung und missbräuchlichen Inhaftierung von Tausenden gefangenen Kämpfern und Zivilisten durchgeführt. Dies erklärte Human Rights Watch (HRW) in einem heute veröffentlichten Bericht.

Der 78-seitige Bericht „Death Was Everywhere: Arbitrary Detention, Killings, and Forced Recruitment by the M23 and the Rwanda Defence Force“ („Der Tod war überall: Willkürliche Inhaftierungen, Tötungen und Zwangsrekrutierungen durch die M23 und die ruandischen Streitkräfte“) dokumentiert groß angelegte Razzien und Verhaftungen in den Provinzen Nord- und Süd-Kivu im Osten des Kongo sowie schwere Misshandlungen von Gefangenen in den Ausbildungslagern Rumangabo und Tshanzu in Nord-Kivu zwischen Mitte 2024 und Dezember 2025.

Kämpfer der M23, die von ruandischem Militärpersonal unterstützt wurden, begingen nach Erkenntnissen der Forscher Mord, Folter, körperliche Misshandlungen und setzten Zwangsarbeit sowie Kindersoldaten ein. Diese Vergehen stellen Kriegsverbrechen dar und sollten als mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit untersucht werden.

„Die von Ruanda unterstützte M23 betreibt sogenannte Ausbildungslager im Osten des Kongo, in denen Rekruten Misshandlungen und Folter ausgesetzt sind – teilweise mit tödlichen Folgen“, sagte Clémentine de Montjoye, leitende Forscherin für die Region der Großen Seen bei Human Rights Watch. „Regionale Organisationen und Partnerregierungen sollten die ruandischen Behörden dazu drängen, diese schweren Menschenrechtsverletzungen zu beenden und die Rechenschaftspflicht der Verantwortlichen zu unterstützen.“

Human Rights Watch befragte 102 ehemalige Gefangene, die aus den Lagern Rumangabo und Tshanzu geflohen waren, bei der M23 eingesetzt wurden oder später der kongolesischen Armee überliefen. Zudem wurden Zeugen von Misshandlungen sowie Quellen aus den Vereinten Nationen, der M23, Militär- und Geheimdienstkreisen, Medien und Diplomatie befragt. Interviews fanden persönlich in Uganda und mehreren Städten im Kongo sowie telefonisch in von der M23 kontrollierten Gebieten statt. Der Bericht stützt sich außerdem auf verifizierte und geolokalisierte Videos und Fotos, Satellitenaufnahmen der Lager sowie 3D-Rekonstruktionen zur Schätzung der Anzahl von Personen, die auf Lastwagen verladen wurden.

Seit 2024 führt die M23 laut Human Rights Watch Zwangsrekrutierungen sowohl unter Zivilisten als auch unter gefangenen Kämpfern durch. Nachdem die Gruppe im Jahr 2025 große Gebiete und wichtige Städte im Osten des Landes erobert hatte, nahmen diese Aktivitäten in den von ihr kontrollierten Gebieten weiter zu. Tausende kongolesische Soldaten, Mitglieder der mit den staatlichen Streitkräften verbündeten Wazalendo-Milizen, Polizisten und Zivilisten – darunter Kinder ab zwölf Jahren – wurden rekrutiert, teils freiwillig, häufig jedoch unter Zwang.

M23-Kämpfer errichteten Hinterhalte und Straßensperren, nahmen Menschen in Krankenhäusern, Kirchen und Schulen fest und lockten Einwohner unter falschen Vorwänden oder durch Drohungen an, bevor sie diese per Lastwagen in die beiden Lager transportierten.

Die Menschen in den Lagern wurden geschlagen und hatten keinen ausreichenden Zugang zu Nahrung, Wasser, Medikamenten und medizinischer Versorgung. Ehemalige Gefangene berichteten von standrechtlichen Hinrichtungen und Prügelstrafen gegen Personen, die versuchten zu fliehen oder ohne Erlaubnis Wasser tranken, Nahrung zu sich nahmen oder ihre Notdurft verrichteten.

„Wenn wir dabei erwischt wurden, Wasser aus Pfützen auf dem Boden zu trinken, schlugen uns die Wachleute brutal“, berichtete ein Zivilist, der fünf Monate lang festgehalten wurde.

Die M23 hielt Kinder im Lager Tshanzu für militärische Ausbildung und Zwangsarbeit fest. Einige von ihnen wurden als Wachposten eingesetzt oder angewiesen, andere Gefangene zu schlagen.

Die genaue Zahl der Todesopfer in den Lagern lässt sich nur feststellen, wenn alle Massengräber gefunden und ausgegraben werden. Ehemalige Gefangene berichteten jedoch, dass im Laufe des Jahres 2025 vermutlich Hunderte Menschen an den harten Bedingungen, Misshandlungen und Hinrichtungen in beiden Lagern starben.

Ein ehemaliger Gefangener aus Tshanzu sagte: „Ich war nur ein Schüler, ich hatte zuvor noch nie einen toten Menschen gesehen. Sie zwangen mich siebenmal, Leichen zu begraben. Wir legten sie in ein großes Grab.“

Ehemalige Gefangene identifizierten ruandische Soldaten sowohl bei den Festnahmen als auch unter den Ausbildern und Kommandeuren der Lager anhand ihrer Uniformen, Ausrüstung, Akzente sowie ihrer mangelnden Kenntnisse von Französisch oder Kisuaheli – Sprachen, die in Ruanda nicht weit verbreitet sind. Militärische, geheimdienstliche und UN-Quellen bestätigten die Beteiligung ruandischer Streitkräfte.

Die umfangreiche militärische Präsenz Ruandas und dessen Einfluss auf die Operationen der M23 im Osten des Kongo zeigen nach Auffassung von Human Rights Watch, dass ruandische Streitkräfte dort eine effektive Kontrolle ausüben. Damit sei die rechtliche Schwelle für eine kriegerische Besatzung nach dem humanitären Völkerrecht erreicht. Ruandische Regierungsvertreter könnten daher strafrechtlich für die Handlungen der M23 in den Ausbildungslagern verantwortlich gemacht werden.

Die ruandische Regierung und die M23 weisen entsprechende Vorwürfe seit Langem zurück, haben jedoch keine ernsthaften Untersuchungen eingeleitet. Auch andere bewaffnete Gruppen im Kongo, darunter einige von Ruanda unterstützte Milizen, haben sich im Osten des Landes an Zwangsrekrutierungen und dem Einsatz von Kindersoldaten beteiligt. Weder die Demokratische Republik Kongo noch Ruanda hätten in den vergangenen Jahren ernsthafte Maßnahmen gegen diese schweren Verbrechen ergriffen, so Human Rights Watch.

Im Mai 2026 führte Human Rights Watch Telefoninterviews und Besuche im Makala-Gefängnis in Kinshasa durch, wo zahlreiche Zivilisten festgehalten werden, die von der M23 zwangsrekrutiert wurden und später den kongolesischen Streitkräften überliefen. 34 Gefangene, darunter 14 Kinder, erklärten, dass der kongolesische Militärgeheimdienst sie nach ihrer Kapitulation mehrere Tage bis zu einem Monat lang festhielt und verhörte, bevor sie nach Makala verlegt wurden.

Am 9. Juni wandte sich Human Rights Watch schriftlich an die kongolesischen Minister für Justiz und Verteidigung und bat um Informationen über die rechtliche Grundlage dieser Inhaftierungen sowie weitere relevante Fragen.

Die internationalen Partner Ruandas – darunter die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union, die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten sowie die Vereinigten Staaten – sollten nach Auffassung von Human Rights Watch die seit Jahren andauernden Zyklen von Missbrauch und Straflosigkeit im Osten des Kongo öffentlich ansprechen. Außerdem sollten sie militärische Hilfs- und Kooperationsprogramme mit Ruanda überprüfen, um sicherzustellen, dass diese nicht zu weiteren schweren Menschenrechtsverletzungen beitragen.

Zudem sollten sie die Rechenschaftspflicht fördern, unter anderem durch zusätzliche gezielte Sanktionen gegen M23-Kommandeure sowie ruandische Militär- und Regierungsvertreter, die für Misshandlungen verantwortlich sind, und durch die Unterstützung nationaler und internationaler Justizverfahren.

Die kongolesischen Justizbehörden sollten Beweise für die in Rumangabo und Tshanzu begangenen Verbrechen sichern und die Verantwortlichen strafrechtlich verfolgen. Im Rahmen ihrer laufenden Ermittlungen im Osten des Kongo sollte auch die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) mutmaßliche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit untersuchen, die von ruandischen Streitkräften und der M23 im Zusammenhang mit den Zwangsrekrutierungskampagnen und der Inhaftierung von Rekruten in den Ausbildungslagern begangen wurden. „Die Zwangsrekrutierung von Zivilisten, darunter Kindern, ist Teil eines jahrzehntelangen Kreislaufs von Missbrauch und Gewalt im Osten des Kongo“, sagte de Montjoye. „Besorgte Regierungen müssen deutlich machen, dass die von Ruanda und der M23 in ihren Ausbildungslagern begangenen Gräueltaten sofortiges Handeln erfordern, um sie zu stoppen und zu zeigen, dass niemand außerhalb der Reichweite der Justiz steht.“ (HRW)